Wieso Wilhelm Molterer keine Panini-Sticker sammelt, warum er sich nicht vor dem Müntefering-Schicksal fürchtet und wie er Lech Walesas Augen zum Glitzern brachte.
Die Presse: Zu welchem Verein hält man, wenn man wie Sie in Sierning im oberösterreichischen Traunviertel aufgewachsen ist?
Wilhelm Molterer: Logischerweise zum SV Sierning, Landesliga Ost. Hier hat etwa Heli Köglberger gespielt, der dann zum LASK und zur Wiener Austria gegangen ist und auch im Nationalteam gespielt hat.
Ich meinte eher einen Verein in der Bundesliga – oder 1. Division, wie es damals hieß.
Molterer: Ich hatte zwei: Natürlich Schwarz-Weiß, der LASK, das war mein Favorit. Auch weil der LASK die erste Mannschaft aus einem Bundesland war, die Meister geworden ist. Und dann noch Vorwärts Steyr.
Wobei Vorwärts Steyr ein traditionell linker Verein ist. Was als Kind aber wohl eher keine Rolle spielt.
Molterer: Die ganze Gegend um Steyr ist eine traditionelle Arbeiterregion. In der politischen Farbenlehre ist der LASK sicher ein schwarzer Verein und Vorwärts ein roter. Aber das hat bei uns in Sierning überhaupt keine Rolle gespielt. In der Linzer Tradition schon eher, als es VOEST noch gab. Die Rivalität zwischen LASK und VOEST – das war schon eine besondere Geschichte bei uns in Oberösterreich.
Haben Sie selbst in einem Verein Fußball gespielt?
Molterer: Ich hatte eine relativ kurze Karriere bei der Union St. Florian. Es hat insgesamt für zwei, drei Bewerbsspiele im rechten Mittelfeld gereicht. Fußballerisch war ich nicht der Beste, aber beim Laufen war ich einer der Schnellsten.
Hatten Sie einen Lieblingsspieler?
Molterer: Den Heli Köglberger natürlich. Und dann gab es da noch echte Giganten wie Georgie Best, der hat mir sehr getaugt. Und Uwe Seeler, den ich vor kurzem persönlich kennen lernen konnte. Und Bobby Charlton, einer der großen Sirs am Fußballrasen.
Lässt die Begeisterung für Fußball nach je älter man wird?
Molterer: Sie wird anders. Bei mir ist nicht mehr so die Frage im Vordergrund, wer gewinnt, sondern das Spiel an sich. Man bekommt jetzt ja auch so viele Spiele im Fernsehen angeboten, dass sich auch der Anspruch erhöht. Wenn man will, hat man den Fußball ständig im Wohnzimmer. Was bleibt, ist die Stimmung des Platzes: Die kann durch nichts ersetzt werden.
Aber Panini-Pickerln wie andere spätpubertierende Erwachsene sammeln Sie nicht mehr?
Molterer: Nein. Das war auch nie meine große Leidenschaft. Ich war nie ein Sammler.
Welches war für Sie das beste WM- oder EM-Spiel aller Zeiten?
Molterer: Cordoba 1978 hat mich beeindruckt, das ist klar. Faszinierend waren auch die Argentinien-Spiele mit Diego Maradona – etwa jenes mit der legendären Hand Gottes. Und sehr gut erinnern kann ich mich an das WM-Finale 1966, England gegen Deutschland – mit der bis heute ungeklärten Frage: War der Ball vor oder war er hinter der Linie? Es war auch das erste Mal, dass ich Fußball im Fernsehen gesehen habe.
Bei der WM 2006 in Deutschland war CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel am Höhepunkt ihrer Popularität, während der damalige SPD-Vizekanzler Franz Müntefering kaum wahrgenommen wurde. Haben Sie Sorge, dass Ihnen Alfred Gusenbauer bei der Euro '08 die Show stiehlt?
Molterer: Das ist mir egal. Wichtig ist nur, dass die EM ein Erfolg wird. Aber es gibt schon Parallelen zu Deutschland, wo es zum ersten Mal in großen Stil Fan-Meilen gab – das war echt beeindruckend. Außerdem ist die deutsche Mannschaft nicht als Favorit in die Spiele gegangen, die Begeisterung ist mit jedem Spiel gewachsen. Die Fan-Meilen haben wir auch. Und auch die österreichische Nationalmannschaft gehört nicht zu den Favoriten.
Das Fußball-Feld ist für Politiker ein heikles Terrain: Allzu ahnungslos sein sollte man nicht, allzu sehr anbiedern sollte man sich aber auch wieder nicht. Wie geht man das am besten an?
Molterer: Mit der notwendigen Sorgfalt. Es gibt drei eherne Regeln: Gehe den Zuschauern nicht auf die Nerven! Gehe den Spielern nicht auf die Nerven! Gehe hin, weil es Dir Spaß macht! Aber natürlich werden wir die EM auch nützen: Ich habe den deutschen Finanzminister eingeladen, den russischen Finanzminister, den kroatischen Finanzminister. Und was mich besonders freut ist, dass Friedensnobelpreisträger Lech Walesa zum Spiel Österreich gegen Polen kommt. Wie ich ihn eingeladen habe, da hat er sofort glühende rote Wangen und glitzernde Augen bekommen – und spontan zugesagt.
Wirtschaftlich war die WM 2006 in Deutschland eher ein Nullsummenspiel. Was erwartet sich der Finanzminister von der Euro 2008?
Molterer: Das erste und wichtigste ist: Österreich steht in der Auslage, im internationalen Blickpunkt. Das Interesse wird gigantisch sein – es ist das drittgrößte Sportereignis der Welt. Natürlich wird damit auch kurzfristig ein wirtschaftlicher Erfolg verbunden sein. Wir rechnen mit vielen hunderttausenden Besuchern. Es gibt eine Studie, die nachweist, dass das Ganze unterm Strich ein Geschäft ist. Das Wichtigste ist aber das nachhaltige Ergebnis im Sinne eines positiven Images für Österreich.
Wie viele Spiele werden Sie bei der EM im Stadion sehen?
Molterer: Die Österreich-Spiele in der Vorrunde. Das Finale. Und dann kommt es darauf an, wie es Österreich in der Vorrunde ergeht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2008)