Disput um Obsorge nach Scheidung

(c) (Fabry Clemens)
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Soziologe plädiert dafür, Kinder beiden Elternteilen gleichermaßen zuzuweisen. Juristen reagieren skeptisch.

Wien.Familienrichter zu sein ist nicht einfach: Oft würden Eltern mit ihrem Nachwuchs kommen und sagen „fragen Sie doch mein Kind, was es will“, erklärte Doris Täubel-Weinreich, Sprecherin der Familienrichter. „Doch kommt das Kind mit dem Papa, sagt es, was der Papa will. Kommt es mit der Mama, sagt es, was die Mama will.“

Um die Frage, was für Kinder im Falle der Trennung der Eltern wirklich gut ist – darum drehte sich vorige Woche die Debatte „Haben Kinder Recht(e)?“, zu der die Wiener Anwaltskammer zusammen mit der „Presse“ ins Oktogon der Bank Austria in Wien geladen hatte. Dass die Situation nicht einfach ist, erläuterte Kinderpsychiater Max Friedrich, der die drei Phasen für Trennungskinder erklärte: 1.) Die Streitsituation vor der Scheidung. Die Kinder beziehen in dieser Situation den Streit stark auf sich selbst. 2.) Kurz nach der Scheidung: Das Kind erfährt von der Trennung der Eltern und bekommt Angst, zwischen den Sesseln zu sitzen. 3.) Der Kampf ums Kind. Da spüre der Nachwuchs, was sich abspielt, erläuterte Friedrich. Und ab der Pubertät würden Kinder bei der Entscheidung für einen Elternteil klar überlegen, bei wem sie mehr Vorteile herausschinden können.

Disput gab es am Podium zur Frage, inwieweit die gemeinsame Obsorge sinnvoll ist. Als „nicht hilfreich“ sieht Brigitte Birnbaum, Vizepräsidentin der Wiener Anwaltskammer, diese an: Es sei wahrscheinlich besser, „das Feld gleich zu bestellen“ und eine klare Obsorgelösung zu finden. Der Soziologe Gerhard Amendt hält hingegen viel davon, wenn die Kinder bei beiden Elternteilen gleichermaßen leben. „Wenn Kinder und Eltern am selben Ort leben, dann ist das durchaus machbar.“ In internationalen Studien würden Scheidungskinder oft angeben, sie hätten den Vater vermisst.

Sind zwei Wohnsitze schlecht?

„Ich möchte nicht jede Woche woanders leben“, wandte Täubel-Weinreich ein. Amendts Argumentation spreche eher für ein besseres Besuchsrecht. Skeptisch sieht die Idee einer Aufsplittung auch Friedrich: Jedes Kind brauche eine „Heimidentität“, ein Stammbett, einen Stammspielplatz, meinte er. Aber: Die Informationsrechte zwischen den Elternteilen müssten verstärkt werden und dürften sich nicht nur auf das Jahreszeugnis oder eine gerade aktuelle Krankheit des Kindes beziehen.

Als problematisch wurden die langen Fristen angesehen, bis ein Gericht über die Zukunft der Kinder entscheidet. „Wir wissen alle, dass Verfahren in dieser Sparte zu lange dauern“; betonte Birnbaum. Täubel-Weinreich verteidigte in diesem Zusammenhang ihren Stand: „Richter brauchen Zeit für die richtige Entscheidung“, erklärte sie. Und es dauere, bis man die Stellungnahme der Jugendwohlfahrt und das Sachverständigengutachten erhalte. Dazu komme, dass Familienrichter oft wechseln, weil sich die Kollegen wegen der schlechten Arbeitsbedingungen lieber für andere Rechtsbereiche bewerben. „Eine Zeitlang habe ich alle vier Monate einen neuen Richterkollegen begrüßt“, erzählte Täubel-Weinreich über ihre Erfahrungen am Familiengericht.

Kein „Öl ins Feuer“ gießen

Aus dem Publikum wurde auch der Vorwurf laut, dass oft Anwälte einen Rechtsstreit um Kinder unnötig in die Länge ziehen. „Rechtsanwälte wissen genau, wie sie diese Fälle hinziehen“, meinte dazu Amendt. Er berichtete von einem deutschen Richter, der erfolgreich gegen die Kampagnen der Anwälte im Gerichtssaal kämpfte. „Eine Spezialisierung der Anwälte wäre erwünscht“, meinte Richterin Täubel-Weinreich. Spezialisten würden kein Öl ins Feuer gießen. Anwälte-Vertreterin Birnbaum verteidigte ihren Stand vehement: Es stimme nicht, dass Anwälte Emotionen schüren, eher im Gegenteil: „Wir fangen wirklich viel auf und versuchen, die Leute zu beruhigen.“

DIE EXPERTEN

Es diskutierten:

Gerhard Amendt, Soziologe, Fachbuchautor

Brigitte Birnbaum, Vizepräsidentin der Wiener Rechtsanwaltskammer

Max H. Friedrich, Kinder und Jugendpsychiater

Doris Täubel-Weinreich, Sprecherin der Familienrichter, am Bezirksgericht Wien-Innere Stadt tätig

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2008)

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