9/11 Museum: Im Reliquienschrein des 11. September

USA 9/11 ANNIVERSARY
USA 9/11 ANNIVERSARY(c) APA/EPA/ROBERT SABO / POOL (ROBERT SABO / POOL)
  • Drucken

Das 9/11 Memorial Museum in New York verordnet dem Besucher patriotisches Trauern. In Sälen voller Artefakte verdrängt Sentimentalität das Verstehen – und wecken Trophäen von Bin Ladens Tötung dunkle Rachegefühle.

Das Beste kommt gleich zu Beginn: eine Installation mit dunkelgrauen Leinwänden, auf die Fotografien von Menschen projiziert werden, die sie in jenem Moment zeigen, als sie am 11. September 2001 um 9.03 Uhr den Einschlag des zweiten Flugzeugs im Südturm des World Trade Center sahen. Der Yuppie im Anzug, der junge Hip-Hopper, die alte Dame: Sie alle einte in diesem Moment das Grauen über den heimtückischen Mord an fast 3000 Menschen, die da vor ihren Augen verbrannten, erschlagen wurden, zu Tode stürzten, erstickten.

Dann, mehr als 20 Meter unter dem Straßenniveau, betritt der Besucher eine Rampe, die den Blick auf eine riesige Halle eröffnet. Hier war das zweite Untergeschoß der Tiefgarage des World Trade Center, und hier gelangt man nicht nur räumlich an den Tiefpunkt des Museums. In einer Vitrine, verloren an eine Wand geschoben, sind seit Kurzem Artefakte von der Aufspürung und Tötung des Terroristenführers Osama bin Laden zur Schau gestellt.

Das Hemd eines der Navy-Seal-Soldaten, die Bin Laden am 2. Mai 2011 im pakistanischen Abottabad aufspürten; Anstecknadeln mit einem roten Kreuzerl, die sich die an der Jagd auf den al-Qaida-Gründer teilnehmenden Mitglieder der CIA und Sondereinheiten seither ans Revers heften; ein Ziegelstein, den der Fox-News-Reporter Dominic Di-Natale aus Bin Ladens Haus gebrochen und dem Museum geschenkt hat.

Was bezwecken diese Trophäen? Welche Lehren soll der Besucher aus ihrer Betrachtung ziehen? Wie helfen sie, die Anschläge und den Hass der Islamisten auf den Westen im Allgemeinen und die Vereinigten Staaten im Besonderen zu verstehen?

Diese Fragen stellen sich dem Besucher erst am Ende seines Rundgangs, der ihn vor diesen Trophäenschrank führt. Bis dahin durchschreitet er Räume, die in der für viele US-Museen typischen Weise die Sinne betäuben. Aus Lautsprechern tönen die letzten Telefonate von Flugpassagieren, Funksprüche der Rettungskräfte, Berichte atemloser Journalisten. Jedes Detail der Anschläge und Rettungsbemühungen ist dokumentiert, alle Blaulichtorganisationen dürfen zumindest ein demoliertes Dienstfahrzeug ausstellen.

Schielen nach dem Holocaust

Rasch ermüdet dieser wahllos zusammengewürfelte Haufen an Erinnerungsstücken, und bald schleicht sich beim Besucher Unmut ein: Wozu ist hier ein blutiger Pumps ausgestellt, den eine Dame trug, die sich aus einem der Türme rettete? Müssen wir uns die Brieftasche eines toten Wertpapierhändlers anschauen? Was soll das Bankschließfach mit den verkohlten Dollar-Banknoten?

Je mehr Zeit man in diesem Museum verbringt, desto klarer sieht man, worauf hier unterschwellig Bezug genommen wird: auf den Holocaust. Anhand persönlicher Gegenstände der Opfer soll eine sinngebende Geschichte erzählt werden.

Doch der Vergleich mit dem Judenmord der Nationalsozialisten muss ins Leere laufen, hält Adam Gopnik im „New Yorker“ fest. Der Gegenstand der Holocaust-Museen ist „ein großes Verbrechen, dessen Täter alles in ihrer Macht stehende taten, um es zu verheimlichen. Diese Geschichte bekannt zu machen war ein großer Teil der Trauerarbeit. Jedes wiedergefundene Foto eines jüdischen Kindes ist eine Erinnerung, die vor dem Vergessen gerettet wurde.“ Die Anschläge von 9/11 aber waren nicht geheim. Sie waren, in Gopniks Worten, ein bewusst öffentlich veranstaltetes Verbrechen der al-Qaida-Terroristen, so durchgehend dokumentiert wie kaum ein anderes Ereignis unserer Zeit: „Wir können es nicht neu lernen. Wir können es nur immer wieder durchleben.“

Der Zweck eines guten Holocaust-Museums ist es, der Toten zu gedenken, ohne makaber zu werden. Gemessen an diesem Anspruch scheitert das 9/11 Memorial Museum gewaltig: Wie sonst wäre es zum Beispiel erklärbar, dass in einer Nische Bilder von Menschen gezeigt werden, die sich in ihrer Todesverzweiflung von den Türmen des World Trade Center stürzten?

Es wäre interessant, diesen Ort mit Susan Sontag zu besuchen. Die 2004 verstorbene Kulturkritikerin hat sich in ihrem letzten Essay „Regarding the Pain of Others“ mit den Zwecken der Kriegsfotografie und mit 9/11 beschäftigt. „Die Bilder von Kriegsopfern sind selbst eine Art von Rhetorik. Sie wiederholen. Sie vereinfachen. Sie rühren auf. Sie schaffen die Illusion von Einvernehmen“, schrieb sie. „Aber stimmt es, dass diese Fotos, die das Abschlachten von Zivilisten zeigen, nur die Ablehnung des Krieges hervorrufen können? Gewiss können sie auch größere Militanz zu Ehren der Republik fördern.“

Pathos verblasst nie

Der Schock von 9/11 hat in Amerika eine Militarisierung ausgelöst, die so weit geht, dass überschüssiges Kriegsmaterial aus den Feldzügen in Afghanistan und im Irak an Polizeibehörden in US-Kleinstädten verschenkt wird. Dabei ging es nicht nur um die Bekämpfung des terroristischen Übels, sondern um Rache: Der patriotische Fox-News-Mann Di-Natale, der in Pakistan Ziegelsteine als Trophäen klaute, veranschaulicht das ebenso wie eine fast vergessene Aktion der amerikanischen Streitkräfte: Von November 2001 bis Februar 2002 vergruben US-Truppen feierlich an neun Orten in Afghanistan Stahl aus den Ruinen des World Trade Center. Auch das lernt man hier.

Nichts lernt man hingegen darüber, wieso der damalige Präsident, George W. Bush, in den Irak einfiel, obwohl der mit al-Qaida und den Anschlägen von 9/11 nichts am Hut hatte. „Das Ziel, die Demokratie zu erreichen, ist eine Herausforderung geblieben“, steht bei einem kleinen Foto, das irakische Wählerinnen im Jahr 2005 zeigt. Das US-Militärgefängnis von Guantánamo Bay wird so erwähnt: „Der Status und die Behandlung mutmaßlicher Terroristen und anderer, die nach Guantánamo Bay transferiert wurden, haben in den USA und im Ausland die Debatte über Haftbedingungen und Verhörpraktiken angeregt.“

Vor dem Verlassen sticht im Museumsshop aus Kitsch und Nippes ein Poster hervor: die „Flagge der Ehre“, eine US-Fahne, die sich aus den Namen der Opfer zusammensetzt. Hat man ihre Angehörigen gefragt, ob sie ihre Lieben derart vereinnahmt sehen wollen? Egal. Der Kaufpreis von 24,95 Dollar geht an eine Stiftung für die Kinder der Opfer. „Pathos, in der Form einer Erzählung, verblasst nie“, schrieb Susan Sontag.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.