Der diskrete US-Autor von „Inherent Vice“ soll einen kurzen Auftritt in der Verfilmung seines Romans haben.
Das Wort kommt aus dem Englischen, der Brauch ist in Hollywood beliebt: Mit „Cameo“ bezeichnet man einen minimalen Auftritt einer Berühmtheit im Film oder auf der Bühne – sei es nun ein Autor, Politiker, Schauspieler oder Sportler. Ursprünglich wurde damit ganz allgemein eine Miniatur bezeichnet.
Unvergessen für richtige Fans der Rolling Stones: Keith Richards als Freibeuter in „Pirates of the Caribbean: At World's End“. Bruce Springsteen nahm ebenfalls solch eine kleine Rolle an, in „High Fidelity“. Legendär ist das Cameo von Ex-Boxweltmeister Mike Tyson in „The Hangover“. Sogar Zeitreisen sind erlaubt. Der alte Leonard Nimoy traf in „Star Trek“ 2009 auf den jungen Mr. Spock. Auch New Yorks Bürgermeister dürften dieses Spiel lieben. Ed Koch, Rudy Giuliani und Michael Bloomberg gaben sich mehrfach dafür her. Großmeister dieser Spezialität bleibt ein Regisseur. Alfred Hitchcock ließ sich in seinen Thrillern mindestens 38 Mal dazu hinreißen. Es ist manchmal nicht leicht, ihn zu erkennen, wenn er rasch die Straße überquert, im Foyer sitzt oder mit einem Cello aus dem Bahnhof kommt.
Demnächst aber könnte es eine starke Alternative zu Hitchcock geben, mit einem berühmten Schriftsteller, der vor gut 50 Jahren beschlossen hat, zum Phantom zu werden. Beim New York Film Festival hat am nächsten Samstag „Inherent Vice“ Premiere, die erste Verfilmung eines Romans von Thomas Pynchon (Regie: Paul Thomas Anderson). The New York Times landete kurz zuvor einen Scoop: Höchstpersönlich soll der Autor, dessen Bücher fast jeder ambitionierte Leser kennt, in diesem Kriminalfilm auftreten. Der Schauspieler Josh Brolin habe sich verplaudert, hieß es.
Viel Spaß bei der Enthüllung! Pynchons letzte veröffentlichte Fotos sind bereits ein halbes Jahrhundert alt. Die Allgemeinheit kennt ihn also nur als Schüler mit kurzem Haarschnitt und vorstehenden Zähnen oder als 18-jährigen Soldaten. Bei rasant wachsender Bekanntheit durch seine Bücher hat er der Öffentlichkeit seit seinem Debütroman „V“ (1963) sein Antlitz konsequent und erfolgreich verweigert. Bis auf Eingeweihte weiß niemand, wie Papa Pynchon mit 77 Jahren aussieht.
Am nächsten kamen ihm Fans im TV, 2004 bei „The Simpsons“. In den Folgen „Diatribe of a Mad Housewife“ und „All's Fair in Oven War“ hat eine Cartoon-Figur mit einem Papiersack über dem Kopf angeblich die Stimme dieses Autors. Derart geschützt blieb er trotzdem der große Unbekannte.
Das könnte auch nach der Kinopremiere seiner Detektivgeschichte so bleiben. In „Inherent Vice“ (2009) gibt es ständig Partys mit Massen an Menschen. Mit Verkleidungen und Maskierungen ist zu rechnen. Es muss also für diesen diskreten Zauberer leicht gewesen sein, beim Cameo in all dem Wirbel abzutauchen. Wie man sich perfekt versteckt, hat er längst gelernt.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2014)