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Hoffnung, Angst und Intrigen im Zentrum der Weltkirche

Rom Generalaudienz Schmuckbild Zingulums Rom Vatikan 01 10 2014 Violette oder rote Zingulum von Bi
(c) imago/Ulmer/Lingria (imago stock&people)

Im Vatikan beginnt am Sonntag die erste, mit großer Spannung erwartete Bischofssynode unter Papst Franziskus. Diskutiert wird nicht nur über Ehe, Familie und Sexualmoral.

Rom. Die Bischofssynode, die am Sonntag im Vatikan beginnt, gilt nicht nur als die wichtigste katholische Kirchenversammlung seit 50 Jahren; sie ist auch jene, die in der Öffentlichkeit von den meisten Reformerwartungen begleitet wird. Dafür hat in den Reihen der Hierarchie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) kein Bischofstreffen für so erbitterte Polemik gesorgt wie dieses – auch wenn bis zum Folgetreffen im Herbst nächsten Jahres keinerlei konkrete Beschlüsse anstehen. Es ist allein die geplante Bestandsaufnahme, die so hohe Wellen schlägt.

Neu ist diese Bestandsaufnahme schon der Form nach: Die 191 Bischöfe und Kardinäle sowie die 62 Experten und Gäste, die da auf Einladung von Papst Franziskus zwei Wochen über „die seelsorgerlichen Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung“ diskutieren sollen, tun dies auf Basis eines Fragebogens, den das Synodensekretariat vor einem Jahr in alle Welt verschickt hat. Wortwörtlich: denn entgegen allen bisherigen vorsynodalen Sondierungsbräuchen wurden nicht nur Bischofskonferenzen um ihre Meinung gebeten; erstmals sollte sich unter ausdrücklicher Billigung des Papstes die Kirchenbasis selbst zu Wort melden und sagen, wie sie im christkatholischen Alltagsleben mit der kirchlichen Lehre zu Ehe und Sexualmoral zurechtkommt.

Die ernüchternden, unbequemen Antworten liegen der Synode nun in einer für den Vatikan ungewohnt realistischen, ungeschönten Form als „Arbeitsmittel“ („Instrumentum laboris“) vor. Schon dieser Unterschied zu früheren Tischvorlagen macht es den Bischöfen unmöglich, sich in ihren Diskussionen auf die beflissene Wiederholung hergebrachter Lehrtheorie zu beschränken. Das Verfahren hat aber auch zu Unsicherheit und einer bisher ungekannten Nervosität geführt. Denn es gibt ja auch einen neuen, vom Volk gefeierten, temperamentvollen Papst, der pausenlos gegen „Verkrustungen“ in der Kirche predigt, über moralisch womöglich zweifelhafte Menschen „nicht richten“ will und überall zur „Barmherzigkeit“ aufruft.

Viele Bischöfe, gerade jene, die sich ausdrücklich zu Hütern einer strengen Tradition bestellt sehen, wissen da plötzlich nicht mehr, wohin die Reise geht. Beunruhigt registrieren sie ferner, wie „linke“ Amtskollegen, getrieben von den stürmischen Reformwünschen aus dem Kirchenvolk – oder besser: dem immer suspekten Zeitgeist – unter Franziskus Aufwind zu bekommen scheinen.

 

Frostige Stimmung in der Kurie

Die Stimmung in Rom ist in den vergangenen Wochen immer frostiger geworden. Gerade den deutschen Bischöfen wirft der rechte Flügel vor, sie hätten „schon die Thesen im Gepäck“, die sie à la Martin Luther 1517 zum Zweck einer Protestantisierung an die Vatikan-Türen nageln wollten.

Zugespitzt hat sich der Streit an einem von vielen Synodenthemen: Sollen geschiedene Katholiken, die sich zivil wieder verheiratet haben, künftig zu den Sakramenten zugelassen werden – zu Beichte und Kommunion vor allem –, oder bleibt es beim traditionellen, radikal geltenden Ausschluss? Franziskus scheint aus Gründen der „Barmherzigkeit“ die Praxis ändern zu wollen; dafür spricht auch, dass er seinen reformorientierten Lieblingstheologen, den deutschen Kurienkardinal Walter Kasper, im Februar mit einem Problemaufriss vor den versammelten Kardinälen beauftragt hatte. So oft Kasper seither versichert, die kirchliche Lehre – von der Unauflöslichkeit der Ehe – bleibe absolut unangetastet, es könne lediglich um eine Hilfe für reuige Sünder in klar umrissenen Einzelfällen gehen, so sehr ist die Gegnerschaft ins Kraut geschossen. Kasper und – über Bande sozusagen – der Papst selbst werden zunehmend unverhohlen beschuldigt, alles über den Haufen werfen zu wollen, was die Kirche in zweitausend Jahren gelehrt habe.

 

Franziskus aussitzen?

Pünktlich zum Synodenauftakt erschien sogar ein Buch, in dem fünf Kardinäle ihre Opposition zu Protokoll geben. An ihrer Spitze steht der Chef der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller. Die Aufsätze sind zwar alt, aber dass eine Regie hinter der geballten Neuveröffentlichung steht, ist offensichtlich.

Unterschwellig, als wären Familie und Sexualmoral nicht heikel genug, werden andere Themen verhandelt: die Gestalt der katholischen Kirche vor allem. In der Kirchenleitung will Franziskus den Weg der Kollegialität mit den Weltbischöfen gehen – das bringt Zentralisten auf die Palme. Sie sehen in einer globalisierten Welt, bei der bisher entlegene Großregionen wie Afrika stärkere Mitsprache einfordern, das europageleitete Kirchenmodell und die Führerschaft dahinschwinden.

Dass Englisch infolge der „franziskanischen“ Umbesetzungen praktisch zur (zweiten) Amtssprache im Vatikan geworden ist, beunruhigt die Italiener dort, die um ihre angestammte Dominanz fürchten. So mancher hohe Prälat, schreibt Massimo Franco im „Corriere della Sera“, will diesen unbequemen, impulsiven Papst aussitzen: „Ihm beugen sie sich der Form halber, insgeheim hoffen sie, der Sturm werde sich in wenigen Jahren wieder legen.“ Franziskus ist 77 Jahre alt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2014)