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Familienbischof Küng: Vorehelicher Sex „schmerzhaftes Thema“

Der St. Pöltner Diözesanbischof meint zum Thema Kommunion für Geschiedene, die wieder geheiratet haben, hier könne es keine „Ideallösungen“ geben.

Die Presse: Sind Sie enttäuscht, als Familienbischof von der Familiensynode, die am Sonntag in Rom beginnt, ausgeschlossen zu sein?

Diözesanbischof Klaus Küng: In wenigen Tagen beginnt zunächst die sogenannte Sondersynode. Bei solchen ist es prinzipiell so vorgesehen, dass die jeweiligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz teilnehmen, bei uns Kardinal Schönborn. Erst bei der Bischofssynode, die im kommenden Jahr stattfinden wird, entsendet die Bischofskonferenz dann einen von ihr gewählten Vertreter. Es kommen dort aber auch Laien, Ehepaare aus aller Welt – insgesamt sicher eine repräsentative Veranstaltung zum Thema Familie.

Die Erwartungen sind, befeuert durch Aussagen des Papstes, sehr hoch. Steckt darin nicht schon der Keim des Scheiterns?

Ich hoffe sehr, dass die vom Papst gewählte Vorgangsweise mit mehreren Etappen – die Sondersynode ist ein Zwischenschritt – zur Aufbereitung der Thematik führt, auch zu einer gewissen Entschärfung der Polemiken beiträgt und dass das Resultat am Ende ein sehr gutes sein wird.

Kardinal Kasper hat vor dem Krieg der Theologen beim Thema wiederverheiratet Geschiedene gewarnt. Berechtigt?

Grundsätzlich gebe ich Kardinal Kasper, den ich sehr schätze, recht, insofern, als die Debatte innerhalb der Synode stattfinden sollte und nicht über die Medien. Allerdings hat er hier vielleicht etwas dünnhäutig reagiert. Er selbst hat mit seinem Vortrag ja die Diskussion eröffnet und musste damit rechnen, dass ihm widersprochen wird.

 

Empfinden Sie es als Provokation, dass fünf Kardinäle, darunter der Glaubenskongregationschef, knapp vor Beginn der Synode ein Buch veröffentlichen, in dem sie das Kommunionsverbot für Geschiedene, die neu heiraten, festschreiben?

Die im Buch enthaltenen Beiträge waren fast alle schon vorher bekannt. Es handelt sich meiner Meinung nach um keine Provokation, sondern um freie Meinungsäußerungen, die nebenbei dem entsprechen, was die Kirche zu diesem Thema immer gelehrt hat.

Widerspricht dieses Vorgehen nicht dem Grundprinzip der Synode, in der auch genau darüber diskutiert werden soll?

Ich gebe Ihnen nochmals recht: Es tut mir leid, dass derzeit über die Medien diskutiert wird, was in die Synode gehört. Selbstverständlich wird dort jeder, auch zu den sogenannten heißen Eisen, sagen, was er nach seinem Gewissen für richtig hält. Dort ist der richtige Ort dafür.

 

Wie sieht Ihre Ideallösung im Umgang mit Geschiedenen aus, die wieder geheiratet haben?

Zu so einem schmerzlichen Thema kann es keine Ideallösungen geben. Das Wichtigste sind persönliche Begleitung und Hilfestellungen, um in der entstandenen Situation christlich zu leben, die Kinder entsprechend zu erziehen und Gutes zu tun. In nicht wenigen Fällen stellt sich die Frage, ob die kirchliche Ehe, die gescheitert ist, auch gültig war. In solchen Fällen kann eine Annullierung infrage kommen. Aber auch dann, wenn dies nicht zutrifft, gilt immer, dass auch wiederverheiratete Geschiedene zur Kirche gehören und wie jeder Christ Hoffnung haben. Ich bin gespannt, was für neue Ansätze die Synode hier erarbeiten wird.

Generell wurde bei Auswertung der vatikanischen Fragebögen zur Vorbereitung deutlich, dass es eine große Kluft zwischen Praxis, auch sehr Kirchennaher, und der katholischen Lehre zu Ehe, Familie und Sexualität gibt. Das war wohl auch für Sie nicht wirklich überraschend, oder?

Nein, wenn wir auch in Österreich vom Institut Ehe und Familie aus eine parallele Befragung durchgeführt haben, die gezeigt hat, dass es gar nicht wenige Familien gibt, die im Glauben und in dem, was die Kirche in Bezug auf Ehe und Familie lehrt, eine große Hilfe finden. Aber es ist schon wahr, dass in diesem Bereich viele, auch unter den Gläubigen, die Aussagen der Kirche nicht verstehen bzw. nicht annehmen. Nicht umsonst hat Papst Franziskus uns österreichischen Bischöfen beim Ad-limina-Besuch gesagt, dass er das Thema Familie gewählt hat, weil es für die Seelsorge zentral ist und sehr große Probleme bestehen. Dieses Thema wurde ja auch in der letzten Bischofssynode über Neuevangelisierung von vielen Synodenvätern dringend gefordert.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Ich erhoffe mir, dass die Sondersynode und dann vor allem die Bischofssynode wichtige Impulse und neue Ansätze vermitteln und eine neue Ausrichtung und Anstrengung in der Seelsorge zur Folge haben werden.

Eine große Kluft zwischen Lehre und Praxis zeigt sich auch beim Verbot künstlicher Mittel der Empfängnisregelung. Welchen Handlungsbedarf sehen Sie da?

Es geht um neue Anläufe in der Vermittlung, um die Zusammenhänge besser bewusst zu machen. Die vom inzwischen heilig gesprochenen Papst Johannes Paul II. entwickelte Theologie des Leibes kann bei richtiger Vermittlung auch für junge Leute sehr attraktiv sein und scheint mir ein noch nicht wirklich gehobener Schatz. Die Kirche muss in diesen Belangen besser, verständlicher und manchmal auch differenzierter sprechen lernen. Da warten große Aufgaben, die durch die Synode wahrscheinlich neu angestoßen werden.

Übrigens ist bemerkenswert, dass direkt im Anschluss an die Sondersynode Papst Paul VI. selig gesprochen wird. Seine Enzyklika „Humanae Vitae“ ist auf großen Widerstand gestoßen, war aber ein prophetisches Wort, auch wenn man zugeben muss, dass die Kommunikation damals und auch später nicht geglückt ist.

Auch was das Verbot vorehelichen Geschlechtsverkehrs betrifft, konnte sich die Lehre der Kirche nicht durchsetzen. Wie kann die katholische Kirche gerade bei Jugendlichen Relevanz gewinnen?

Das ist in der Tat für mich ein schmerzhaftes Thema. Es braucht eine positive, gewinnende und zugleich klare Verkündigung, auch viel Verständnis und Liebe. Nach meiner Erfahrung sind gerade Jugendliche durchaus ansprechbar, wenn es gelingt, wirklich ins Gespräch zu kommen. Freilich, die großen Trends unserer Gesellschaft, auch die massiven Einflüsse, insbesondere seitens der elektronischen Medien drängen in eine andere Richtung, sehr zum Schaden der Jugendlichen und der ganzen Gesellschaft. Das Scheitern vieler Ehen wurzelt in den Jahren davor. Wir müssen Wege finden, wie wir Jugendliche besser abholen und begleiten können.

ZUR PERSON

Klaus Küng ist gebürtiger Vorarlberger, Mediziner, Theologe und Bischof. Er leitet die Diözese
St. Pölten und übernahm nach Kurt Krenn ein schweres Erbe. In der Bischofskonferenz ist er für das Referat Familie zuständig. Vor wenigen Wochen vollendete er das 74. Lebensjahr. In einem Jahr, also knapp vor dem zweiten Teil der Familiensynode, muss er laut Kirchenrecht sein Rücktrittsgesuch an den Papst richten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2014)