Meine neue „follia d'amore“ ist eine Eule aus Paris

„Schreib doch mal etwas über Bildung“, sagt der Chef. Also denke ich kurz über das Wunder der Sprache nach.

Manch Weitgereister wäre zu allem Überfluss auch gern noch polyglott. Aber dazu bedarf es des Talents und der Ausdauer, die mit wachsendem Alter eher abnehmen. Allein deshalb ist Vielsprachigkeit in angegrauten Gegengift-Ressorts mit globalen Anliegen nicht ausgeprägt. Ich zum Beispiel werde sehr leicht müde beim Studium von entlegenen Vokabeln oder auch nur von simpler Grammatik. „Semper idem!“, klagte schon ein gebildeter Redner vor gut zweitausend Jahren in anderem Kontext, bei einem feinen Gespräch in Tusculum über des Sokrates gleichmütigen Gesichtsausdruck vor Gattin Xanthippe. Aber Cicero hat auch in unserem speziellen Fall völlig recht.

Wie lernt man fremde Sprachen rasch und mühelos? Dazu fällt mir der Ratschlag einer englischen Lektorin ein, die es vor vielen Jahren aus Leidenschaft nach Österreich verschlagen hat. Sie empfahl mir nach einem Semester Sprachübungen, die mir nur mäßige Fortschritte gebracht hatten: „Just cross the Channel and start a serious love affair with a native speaker. Now!“ Nur auf diese total immersive Weise, meinte die erfahrene Dame erklärend zu ihrem erotischen Freibrief, könne man das Englische in all seinen ironischen Facetten und emotionalen Tonlagen sinnlich erfassen.

Prägend ist mir auch die ebenfalls anstrengende Methode einer Pädagogin aus dem feinen Badeort Lucca in Erinnerung, deren Hilfe ich nach zu intensiver Lektüre der „Römischen Elegien“ in Anspruch genommen habe, als mich die Sehnsucht nach Italien und seinen bezaubernden Wesen erfasst hat. Ganz ungestüm wollte ich diese Sprache erlernen. „Das kann doch jeder Papagei!“, behauptete die Lehrerin und ließ uns wie gelehrige Singvögel sinnlos scheinende Sätze in Endlosschleife so lange wiederholen, bis meine „follia d'amore“ geheilt war.

Beide Methoden sind praktikabel. Jetzt aber, weit nach meines Lebens Mitte, habe ich etwas Modisches entdeckt, das mich elektronisch durch den dunklen Wald der Syntax führt. Beim Spielen mit Apps landete eine grüne Eule auf meinem iPad. Sie lud mich dazu ein, Französisch zu lernen. Auch gut, dachte ich. Längst bin ich es leid, einen „plat du jour“ zu bestellen, der dann ganz anders aussieht, als ich ihn mir auf der Karte vorgestellt habe.

Nun sitzt mir die Eule im Nacken. Täglich sendet sie Mails, mahnt mich zum Beispiel, warum ich nicht längst das Gerundium übe. Schlimmer noch sind die positiven Aufmunterungen: Noch zwei Stunden, dann sitzt der Wortschatz zum Transportwesen! Ich muss lesen, hören, schreiben, reden.

Eulen! Sie merken sich alles. Alle Fehler! Sie sind unübertroffen beim Erzeugen von schlechtem Gewissen, schaffen Arbeitsdruck wie die brutalsten Manager. Ich muss jetzt aufhören! Die Modalverben haben angeklopft.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2014)

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