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Aufstehen zum Erschießen

Zeitgemäß übersetzt: das wichtigste Werk des finnischen Nobelpreisträgers für Literatur.

Schicksalsergebenheit, vorauseilender Gehorsam oder eine letzte irrsinnig mutige Geste: Was auch immer die Hauptfigur in Frans Eemil Sillanpääs Roman „Frommes Elend“ dazu trieb – es ist bezeichnend für all die Seiten, die der Autor über ihn geschrieben hat. „Weiße“ Nationalisten im finnischen Bürgerkrieg nehmen eine Gruppe „Roter“ gefangen, ein Grab wird ausgehoben, einer nach dem anderen erschossen. Schließlich entkleidet sich Jussi, der letzte der Todeskandidaten, und legt sich auf die Leichen in dem Grab.

Der Feldjäger zwingt ihn, wieder aufzustehen – und erschießt ihn. So findet eine Lebensgeschichte ein Ende, deren Leiden „länger und tiefer gewesen war als die von allen anderen“. Diese Schlussszene hat Sillanpää angeblich am Wirtshaustisch aufgeschnappt, schreibt der in Lappland lebende österreichische Autor Thomas Brunnsteiner in seinem luziden Nachwort zu dem eindrucksvollen Werk des bisher einzigen finnischen Nobelpreisträgers für Literatur.

Warum sollte man sich in solch deprimierende Lektüre versenken wollen? Weil diese elendige Geschichte an das Mitgefühl rührt und einen mitreißt, aber vor allem die Art des Erzählens den Leser bannt. So viel Ungeschick, die einzelnen Gelegenheiten zu erkennen, an denen sich das triste Leben in ein gutes wenden könnte, so viel Unglück ist selten.

Umgekehrt beginnt die Biografie des Toivola-Jussi oder Juha oder Janne oder Johan Abraham Benjaminssohn, wie der tragische Held in dem Roman abwechselnd genannt wird, schon unter ungünstigen Vorzeichen: der Vater, zum dritten Mal verheiratet, ein Säufer. Die Mutter, jünger, eine Magd besserer Herkunft, ein einfältiges Gemüt. Hinzu kommen wirtschaftlich katastrophale Zeiten, das schlechte Wetter sorgt für schlechte Ernten, die finnischen Kleinbauern hungern im Jahr 1866. Mit neun endet die Kindheit Jussis, der elterliche Bauernhof geht verloren, der Bub kommt in die Obhut des besser situierten Onkels, wo man den leicht Begriffsstutzigen duldet. Bis ihm schließlich der Streich eines früheren Kameraden zum Verhängnis wird: Er wird vom Hof gejagt und landet bei den Holzfällern, in der Natur, in einer Kate.


Finnland auf dem Weg zur Nation

Um die ganze Geschichte spannt sich ein schmaler Rahmen, darin aber erzählt Sillanpää mit Eindringlichkeit aus dem Leben eines, dem Leben einfach nur widerfährt, der aber immer alles richtig machen möchte. Zugleich werden in der Biografie die massiven politischen und wirtschaftlichen Umbrüche sichtbar, die Finnland auf dem Weg zu einer Nation plagen. Die Finnen versuchen, sich der Umklammerung der schwedischen und russischen Herrschaft zu entreißen, 1918 kommt es zum Bürgerkrieg. Ein Jahr danach verfasste Sillanpää dieses „Fromme Elend“, aber erst 1948 wurde es ins Deutsche (von Edzard Schaper) übersetzt. Die Titelvariante „Sterben und Auferstehen“ ist auch nicht richtig tröstlich.

Nun liegt eine neue Übersetzung durch Reetta Karjalainen und Anu Katariina Lindemann vor, die alles Antiquierte im Zaum hält. Frans Eemil Sillanpääs vermutlich wichtigstes Werk – der Autor war den Finnen zuletzt mehr durch seine Radioansprachen zu Weihnachten bekannt – erscheint nun bei Guggolz, einem neuen Verlag, und geht dort als erstes Buch an den Start. Eine großartige Wiederentdeckung mit Zusätzen: einem Glossar von Fennomanen bis zum Volk der Wepsen und den gestrichenen Passagen. ■

Frans Eemil Sillanpää

Frommes Elend

Aus dem Finnischen von Reetta
Karjalainen und Anu Katariina Lindemann. 280S., geb., €24,60 (Guggolz Verlag, Berlin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2014)