Finnland: Wurst

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Die Buchmesse Frankfurt hat Finnland zu Gast. Cool? Nein: Wurst. Mit einer Flut schlampiger, ambitionsloser Übersetzungen, mit verhunzten Meisterwerken wird dem Land der tausend Schreiber ein Bärendienst erwiesen. Schätze aus den Nischen bleiben ungehoben. Ein Einwurf.

Ich hatte inzwischen einige Manuskripte angenommen, die für unsere Fellachenleser zu gut waren und deshalb unverkauft im Lager blieben. Adolf Molnar,
„Des Deutschen Volkes Wunderborn“

DieRuderdollenschreienwie einVogel.“ Der erste Satz im Buch. Den versteht der Fellachenleser womöglich nicht, gemeint sind Rudergabeln oder -lager. Schreiben auch nicht immer so doll, die Finnen, denkt er und liest weiter. „Im Boot liegen dreimagere Hechte.“ Das stimmt nicht, am Boden des Bootes liegen laut Originaltext zwei(sic!) abgemagerte Hechte, mager ist in Finnland die Milch. „Mataleena folgt mit dem Blick zuerst dem ädrigen Hals ihres Vaters, dann der dünnen Nasenwurzel, und richtet schließlich auch die Augen zum Himmel, der sich wie ein riesiger Silberlöffel über dem See wölbt.“ Nicht einmal annähernd: DasMädchen schaut am Vater hoch, an seinem sehnigen Hals, an seinem schmalen Nasenrücken, dann in den Himmel, der über den See gesenkt liegt wie ein riesiger Silberlöffel. Letzteren möchte der Fellachenleser abgeben, früher fand einLektorat statt, heute mussder Übersetzter alles selbst falsch machen. „Man hört ein ganz leises Zischeln, als der brennende Spandas Wasser im Kübel erreicht.“ Und ein ganz lautes Tuscheln über die Errungenschaft des Spans im Aktiv. Und dieserPhrasenfriedhof stammt leider nicht aus einem Schulaufsatz.

Er stammt aus den ersten drei Seiten der deutschen Übersetzung von „Nälkävuosi“ (Siltala, 2012), dem in sprachlicher Hinsicht besten finnischen Buch seit Langem, Erstlings- und bisher einziges Werk des begnadeten Wortmalers Aki Ollikainen. Auf Deutsch erschienen als „Das Hungerjahr“ (Transit, 2013), kommt es aber weniger einer Übersetzung gleich als einer Unterstellung, mangelnden Stils nämlich, und verantwortlich zeichnet ein gewisser Stefan Moster. Wer ist das?, fragt der Fellachenleser – und erschrickt: Das ist der mit 20 übersetzten Neuerscheinungen zahlenmäßig (und darum geht es auf dem Buchmarkt) unumstrittene Rekordübersetzer bei der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt. Abertausende Seiten hat Moster in den vergangenen zwei Jahren vom Finnischen insDeutsche eher herübergewuchtet als übertragen, damit ist klar: Wir werden nicht Ollikainen, Kyrö, Liksom, Ahava, Itkonen, Inhala zu lesen bekommen, wir lesen Moster, Moster, Moster und abermals Moster. Wo kein Dichter (der beide Sprachen versteht), da keinDenker (der meine Schlamperei aufdeckt) – so offenbar das Credo von Moster, der sich schon mit den ersten Seiten Ollikainen keine Mühe macht. Es wird nachher nicht besser, wer verhunzt schon den Anfang und strengt sich dann plötzlich an? Die Vernichtung eines Meisterwerkes. Die ist hier passiert.


2010 / Die Ruder in ihren Gabeln,
sie kreischen bei jedem Schlag. Drei Männer in diesem Nachen, vor vier Wintern auf demherbstlichen Hallijärvi, einem See im westlichen Lappland. Nur einer fängt Fisch, feiste Barsche und ein paarschlanke Hechte, der Holländer auf der Mittelbank. Ich rudere. Aki im Heck schaut uns abwesend zu,raucht, arbeitet unter Zuhilfenahme eines Flachmanns an einem sanften Rausch. So fischt ein König. Ein paar Stunden später, der Holländer schläft, sitzen der Finne und ich am Lagerfeuer. Fast zeitgleich waren wir nach Kolari gezogen voracht Jahren, aber wir sehen uns selten. Er erzählt nur in dieser Nacht von seiner Jugend in Äänekoski, von seiner Familie dort – Alkoholismus, Zerfall, Wurzellosigkeit, die Mutter im Straßengraben – und vom Freund aus Jugendtagen namens Tuomas Kyrö, der es „geschafft hat“. Und dann, in der Morgendämmerung, redet er vom eigenen Schreiben: „Ich habe vielleicht einen Verlag.“ Am Buch schreibt Aki Ollikainen im Stillen, nachts. Neben der Arbeit. Seit Jahren.

2011 / Auf der Buchmesse Helsinki wird mein Buch „Jäämerelle saakka“ (Absurdia,2010), finnische Übersetzung von „Bis ins Eismeer“, vorgestellt. Voll Hochgefühl durchwandere ich das Gelände, betrete erhobenen Hauptes den Sonderkäfig für Raucher, staune über den Lesewillen, die Lesewut der Finnen. Nehme teil an einer Podiumsdiskussion mit zwei jungen Literaten aus Deutschland, moderiert von Mikko Fritze, Leiter des Goethe-Instituts. Alle sehr fesch, alle sehr ahnungslos, was Suomi und seine Schriftsteller betrifft: Wir bringen nur sinnbefreites Geschwätz à la „Wie fühlen Sie sich in Finnland?“ zustande. Gedämpften Mutes erspähe ich später die Starautorin Sophie Oksanen. Auf der größten Bühne der Halle diskutiert sie mit Jussi Halla-aho, Scharfmacher bei den „Wahren Finnen“, der neuen Rechtspartei. Sie reden wohl über Einwanderung, Rassismus, Ausländer wie mich – Literaturkommt nicht vor. Aber es ist publikumswirksam, wenn sich Goth-Queen und faschistoides Kapuzinerafferl öffentlich anfauchen. Dann endlich meine Lesung. Es ist 18.30 Uhr, die Pforten schließen um 19 Uhr, die Leser laufen davon! Das verbleibende Publikum zerklatscht den Auftritt, dann gehen wir, alle vier, auf ein Getränk. Und ich gelobe, mich nie wieder auf einer Buchmesse blicken zu lassen.

2012 / Am 29. März widmet mir Aki Ollikainen ein druckfrisches Exemplar seines Buches, „Nälkävuosi“, während einer Lesung in Kolari. Es dauert nicht lange, und der Erfolg stellt sich ein: Shortlist beim Finlandia-Preis, zweijähriges Aufenthaltsstipendium in einem Schriftstellerhaus im Süden Finnlands. Er geht samt Familie fort aus Lappland. Freut sich im Frühjahr auf den Herbst. Freut sich, voll Hochgefühl, auf die Buchmesse.

2013 / Herbst. Aki Ollikainen ist der Erfolgzu Kopf gestiegen, wie er in einem Interview zugibt. Feiern und Empfänge in der Hauptstadt, Zerwürfnisse daheim, eine Nacht in der Ausnüchterungszelle. Mit 41 Jahren zu alt, um jung zu sterben, schreibt er seit seinem Fortgehen – gar nichts mehr, versumpft in und um Helsinki. Dass Aki bei der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2014 vertreten ist, mit seinem frisch übersetzten Buch, werte ich als Hoffnungsschimmer.

2014 / Sommer. Das Finnland-Buchmesse-Jahr treibt seltsame Blüten. Alle möglichenBücher mit hineingekünsteltem Skandinavienbezug schießen wie die Pilze aus demBoden. Da erreicht mich die Anfrage zu diesem Artikel, als erfreuliche Abwechslung. Werschrieb denn die vielversprechenden Neuerscheinungen der vergangenen Jahre? Ich werde Aki empfehlen, und Rosa Liksom, vielleicht auch Oksanen und Kyrö und... Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.


Hineingelesen also bei
Sophie Oksanen, ins Buch „Puhdistus“, was eigentlich Säuberung oder Läuterung bedeutet, aber als „Fegefeuer“ auf Deutsch erschienen ist. Schon zu Beginn der deutschen Fassung lässt Angela Plöger eine Fliege „fett burrend“ umherfliegen, eine Fliege, die die Heldin dann „zerklatschen“ will wie der Kunst(irr)sinnige ein Konzert von Harnoncourt. „Zerklatschen“, eine „fett burrende“ Fliege? Kann ich dem Fellachenleser nicht empfehlen.

Hineingelesen bei Rosa Liksom, die aus Nordfinnland stammt und sich gerade vom dritten Fünf-Jahres-Stipendium des finnischen Kulturstaates nährt, verdientermaßen, sie schreibt gute, zuweilen herausragende Prosa. Dann gerät sie unversehens in die Fänge des Übersetzers Stefan Moster. Und siehe da, schon zu Beginn wird aus dem „erschöpften, überarbeiteten, ausgestülpten Land“ (meine Übersetzung) der Vorstädte Moskaus ein „müdes, vielfach umgearbeitetes, glitschiges Land“. Und für Freunde des Finnischen: Wer den wunderbaren Ausdruck „tasapaksu“ (im Kontext: ein stämmiges Weib an der Grenze zur Fettleibigkeit, sonst auch: durchwachsen, halb gediehen) als „gleichmäßig kräftig gebaut“ übersetzt, hat die Schönheit der Sprache seiner Autorin nie verstanden.

Hineinlesen bei Tuomas Kyrö? Sein Buch „Mielensäpahoittaja“, etwa „Der Grantler“, eine Humoreske von Rang, ist noch unübersetzt. Weil keine lukrativen 500 Seiten lang, auch dies ein Kriterium für größere Verlage. Dickes Buch =mehr Geld vom Fellachenleser. Kyrö ist kein Stilist, sondern der Beleg, wie stark finnische Storylines und Plots sind, nicht umzubringen quasi! In blutig geschundener Sprachhaut schleifen sich diese Unterstellungen noch in dieSäulenhallen des deutschsprachigen Feuilletons, und die Literaturkritik kommt ihnen auf zerschundenen Knien mit Lorbeerkränzen entgegen. Oder wie meint die „FAZ“ zumBuch „Bettler und Hase“ (Übers. Moster): „Es ist vor allem Kyrös kühne Erzählkonstruktion, die überzeugt.“

Anders, ganz anders bei Mikko Rimminen, Autor von „Der Tag der roten Nase“ („Nenäpäivä“), wo wir uns den Kommentar der Userin holly123 auf amazon.de ausleihen möchten, um das Kapitel über zeitgenössische finnische Autoren zu einem gruseligen Abschluss zu bringen. Unter dem Titel „Unnachvollziehbar und nervtötend“ kommt sie zu dem Schluss: „Letztendlich bin ich volkommen enttäuscht. Vielleicht erschließtsich mir auch der finnische Stil nicht. Ich bin noch immer etwas ratlos.“ Da wird es wohl am Autor liegen, denke ich und schlage die Besprechung in „Helsingin Sanomat“ nach, das Buch „Nenäpäivä“ betreffend. „Ein Buch, das seine ganze Stärke aus dem Stil schöpft“, steht da zu lesen, die Lektüre Rimminens sei eine „sprachliche Freude“ in „unnachahmlichem Stil“. Aber holly123 kann leider kein Finnisch, sie hat die Übersetzung (von... ach, Sie wissen schon) gekauft und gelesen und gibt dem Autor jetzt nur ein Sternchen von fünf. Fellachenleser, undankbare!


Adolf, schau owa! Nein, nicht der.
Für nach Finnland ausgewanderte österreichische Autoren (das bin ja ich – der andere soll sich melden) gibt es einen Säulenheiligen, den Wiener Adolf Molnar (1905–1988). „Jungknecht in Dänemark, Vagabund, Seemann ... Flucht und abenteuerliches Leben ... bis hinauf nach Lappland, Löwenwärter, Metallarbeiter, zweimal Kriegsfreiwilliger in der finnischen Armee“, heißt es im Klappentext seines unglaublich amüsanten Romans „Des Deutschen Volkes Wunderborn“ (Löcker Verlag, 1983). Molnar, dieser Rezzori des Nordens, tabuloser Satiriker und Klargeist, hat dieses Land schon bewohnt und bereist, hier geschrieben und publiziert, als es ums Lesen und Schreiben bei den Finnen noch nicht so gut bestellt war und Pisa nur für seinen Turm bekannt. Eine Umfrage in mittelständischen Haushalten der arbeitenden Bevölkerung Finnlands kam Mitte der 1950er-Jahre zu folgendem Ergebnis: Buchfreie Haushalte, also null Buch: 30 Prozent in städtischen Regionen, 42 Prozent am Land. Durchschnittsbücherzahl in mittelständischen Haushalten mit Büchern: 15 Stück. Büchereibesucher per100 Einwohner, eine oder mehr Entlehnungen pro Jahr: Im Gesamtlandesschnitt 13, in ländlichen Regionen wiederum unter zehn Personen (Quelle: „Ollaan sitten Suomalaisia“ – „Dann sind wir halt Finnen“, Pekka Lounela, Gummerus Verlag, 1959).

Wir schreiben das Jahr 2014, was ist jetzt mit Finnland? Alles:Cool. Mittlerweile ist der Fellache finnischer Prägung an das geschriebene Wort so weit gewöhnt, dass er, eines Buches ansichtig, nicht mehr erschrickt. Im Gegenteil: Er hat die sogenannten Kulturnationen überholt! Geschuldet ist dies der Finnish Literature Exchange, kurz FILI. Die förderte in den vergangenen zwei Jahren (fast) alles in Grund und Boden, brandneu musste es halt sein und schnell gehen. An die längst überfällige Übertragung literarischer Epochenmacher wie Timo K. Mukka, Pentti Saarikoski, Kalle Päätalo oder Erno Paasilinna war in der Eile natürlich nicht zu denken (außerdem: alle mausetot, können nicht mehr auf Lesereise gehen). Ezzes aus dem Pressetext auf der Homepage der Frankfurter Buchmesse: In Finnland hat Lesen und Schreiben traditionell einen hohen Stellenwert. Siehe oben. Bücher werden meist dreisprachig veröffentlicht: in finnisch, finnlandschwedisch und samisch (die Sprache der Sami). Das klingt nicht nur komisch (dieSprache der Komi), es ist auch erstunken und erlogen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nimmt Finnland bei der Anzahl der publizierten Bücher pro Einwohner eine Spitzenposition mit rund 10.000 Neuerscheinungen im Jahr.(Das „ein“ fehlt...) Insgesamt 728.000 Euro anFördergelder (...und das „n“. Wer das wohl übersetzt hat?) wurden 2013bereits bewilligt! Ehrengast Finnland und FILI unterstützen die Veröffentlichung von finnischer Literatur in anderen Sprachen mit... Et cetera, et cetera. Der finnische Fellachenleser hat jetzt den Schaden und den Spott. Und wünscht sich, wie „Der Grantler“ von Tuomas Kyrö, voll Ingrimm zurück in die Fünfzigerjahre. Als Bücher aus Finnland noch Mangel-, aber zumindest keine Mängelware waren.


Mit einem Vogel haben wir
angefangen, mit einem Vogel sollten wir aufhören, und zwar einem im Werk von Adolf Molnar. „Schau, schau – ein Buchfink. Der wird auch dumm glotzen, wenn er seinen ersten und letzten Atompilz sieht.“ Das ist fast schon prophetisch. Ich werde mich ducken, bis hundert zählen und warten, bis sich die Wogen auf dem Frankfurter Wurstkessel geglättet haben, werde Maulaffen feilhalten, bis der letzte Wühltisch zur Ruhe gekommen ist.

Dann, im langen Winter, wird Zeit sein, sich über die Brosamen zu freuen: Henrik Tikkanen wiederlesen („Brändövägen 8“, Verbrecher Verlag), den früh vollendeten Henry Parland und Elmer Diktonius, überhaupt die Finnlandschweden aus der Hand des Übersetzers Klaus-Jürgen Liedtke. Sich auf die „Schatteninsel“ von Marko Hautala einlassen – das Buch müsste eigentlich „Mutterkorn“ heißen, leider hat dtv seine sorgfältige und unbestechliche Übersetzerin Gabriele Schrey-Vasara hier überrumpelt. Und auf den neuen Band des finnisch-österreichischen Autorenduos Janne Ratia und ThomasAntonic, die nach ihrem halsbrecherisch-schrägen Erstling „Der Bär im Kaninchenfell“ jetzt einen Thriller namens „Joe 9/11“ (Edition Atelier) vorlegen. Gelesen gehört Marja-Liisa Vartio, „Männer wie Männer, Frauen wie Frauen“ (bei Insel) und Ville Tietäväinen, „Unsichtbare Hände“ (Avant Verlag) – eine Graphic Novel, also eher ein Bilderbuch, übersetzerisch unbedenklich. Und Frans Eemil Sillanpää, „Frommes Elend“ (Guggolz), in neuer, gediegener Übertragung. Worüber Sillanpää geschrieben hat,sind Wunden, die in Finnland bis heute unverheilt bleiben, die Barbarität der Weißen Truppen im Bruderkrieg 1918 und – sieh da, sieh da, Timotheus: das Hungerjahr. Als es in Finnland noch buchstäblich um die Wurst ging.

Und wie brächte Adolf Molnar die Geschichte auf den Punkt? Mit einem wehmütigen „Ade, Buchfink, flieg in edlere Gefilde“ („Wunderborn“, Seite 13). Dem ist nichts hinzuzufügen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2014)