USA: Ideennotstand im Land der Thinktanks

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USA GOVERNMENT OBAMA(c) APA/EPA/WIN MCNAMEEE / POOL
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Millionenschwere Einflussnahme ausländischer Regierungen, wiedergekäute Konzepte, Denkverbote aus Sorge um das berufliche Fortkommen: Amerikas Denkfabriken liefern kaum noch Impulse zur Bewältigung von Krisen.

Washington. Dave Anthony hat ein Computerkriegsspiel geschaffen, in dem unter anderem ein Bösewicht die Software amerikanischer Drohnen hackt und mit selbigen China angreift. Binnen zwei Wochen erzielte „Call of Duty: Black Ops“ eine Milliarde Dollar Umsatz – so schnell wie kein Film, Buch oder anderes Videospiel zuvor.

Darauf ist Anthony sichtlich stolz, und so würzt der Mann mit dem breiten nordenglischen Akzent und den modisch zerrissenen Jeans seinen ersten Vortrag am Atlantic Council in Washington mit Managementtipps wie „Feeback ist keine Bedrohung, sondern eine Hilfe.“ Und: „Es ist nicht wichtig, wie gescheit Sie sind, wenn Ihr Team nicht miteinander kommunizieren kann.“ Und dem Mantra seines Helden Alex Ferguson, des langjährigen Trainers von Manchester United: „Das Wichtigste am Management ist die Fähigkeit, eine Entscheidung zu treffen.“

Die rund 100 Zuhörer, unter ihnen Offiziere der US-Marine und der Army ebenso wie Lobbyisten, Diplomaten und Kongressmitarbeiter, hängen an seinen Lippen. Nach dem Vortrag über „die Zukunft unbekannter Konflikte“ dürfen sie im Foyer des Atlantic Council an Spielkonsolen eifrig auf imaginäre Feinde ballern. Ein netter Offizier der US-Streitkräfte erklärt nebenan, wie die kleinen Drohnen funktionieren, die er auf einem Tisch ausgestellt hat.

All das könnte man als Clownerie im Washingtoner Politikberaterzirkus zur Kenntnis nehmen, wäre der Atlantic Council nicht eine der renommiertesten Denkfabriken der USA. Eminente außenpolitische Denker wie Henry Kissinger, Condoleezza Rice und Chuck Hagel waren hier tätig. Zahlreiche Fachleute aus Diplomatie und Militär mit persönlicher Erfahrung in Regierungsämtern und in Krisenregionen denken hier darüber nach, welche Risken auf Amerika zukommen und wie ihnen beizukommen ist. Doch der neueste Nachdenker ist ein Computerspielemacher, dessen Analyse der Terrorgruppe Islamischer Staat so lautet: „Diese IS-Typen sind wie die Nazis. Die sind gut organisiert, nicht so wie al-Qaida.“

Schweigegeld aus Nahost

Die Washingtoner Thinktanks, aus denen Weißes Haus, State Department, Pentagon und Kongress frische Ideen gewinnen sollten, sind in einer schweren Krise. Denn ihr zweiter Zweck – ehemaligen Regierungsfunktionären ein Betätigungsfeld zu schaffen, von dem aus sie mit neuen Erkenntnissen in den Staatsdienst treten können, wenn sich der politische Wind in den USA dreht – verhindert das freie, heterodoxe Denken. Aus Rücksicht darauf, nur ja niemanden mit einer allzu scharfen Kritik zu vergrämen, bedienen sich die Thinktanker der stets gleichen Worthülsen.

Doch nicht nur dieser Gruppendruck limitiert die außenpolitische Fantasie in den Denkfabriken. Ein diskreter Geldstrom gelangt mit klaren inhaltlichen Vorgaben und Tabus in den prachtvollen Räumlichkeiten der Thinktanks an. Die „New York Times“ hat enthüllt, dass seit dem Jahr 2011 mindestens 64 Regierungen und Regierungsorganisationen nachweislich 92 Millionen Dollar (73 Millionen Euro) überwiesen haben. Die tatsächliche Summe ist viel größer.

Zumindest 14,8 Millionen Dollar stiftete zum Beispiel das autokratische Königshaus von Katar der Denkfabrik Brookings, um in Doha einen Ableger zu eröffnen – mit einem klaren Ziel, wie das katarische Außenministerium 2012 verkündete: „Die Rolle dieses Zentrums wird es sein, das strahlende Image von Katar in den internationalen Medien wiederzugeben, vor allem den amerikanischen.“ Kritik an Katars Herrscher ist hingegen tabu, sagte der Nahostexperte Saleem Ali über seine Zeit am Brookings Doha Center. Die Arabischen Emirate wiederum begannen ihr Sponsoring des Center for Strategic and International Studies, nachdem der US-Kongress im Jahr 2007 die Übernahme mehrerer US-Häfen durch das Investmentvehikel der Emirate verhindert hatte.

Auch der Atlantic Council hat erwartungsvolle Förderer in Nahost. Die Familie des 2005 ermordeten libanesischen Präsidenten Rafik Hariri gründete hier 2011 das nach ihm benannte Center for the Middle East. Als dessen Leiterin, Michele Dunne, die blutige Niederschlagung der Moslembrüder durch Ägyptens Junta unter General al-Sisi kritisierte, rief Stifter Bahaa Hariri (der älteste Sohn des Präsidenten) zornig beim Atlantic Council an. Kurz danach trat Dunne zurück – und wurde durch Francis Ricciardone ersetzt, den letzten US-Botschafter während der Militärdiktatur von Hosni Mubarak.

AUF EINEN BLICK

Thinktank. Die amerikanischen Denkfabriken befinden sich in einer Krise: Aus Rücksicht auf die politische Situation anderer Länder wird kaum Kritik geübt. Zudem fließen Fördergelder an die Thinktanks, wie die „New York Times“ unlängst enthüllte. Länder wie Katar, der Libanon oder die Vereinigten Arabischen Emirate stiften Geld, dadurch entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis. Erwartet wird etwa, dass die Länder in einem positiven Licht dargestellt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2014)

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