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Reportage: Auf Schlepperjagd an der Grenze

PK VERHAFTUNG VON SCHLEPPERN
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER
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Schlepper, Flüchtlinge, Kriminelle und Islamisten: Österreich will seine Grenzen wieder dichter machen. Das Innenministerium verstärkt Kontrollen im Hinterland. Ein Lokalaugenschein.

Dort, bei den Büschen, da bewegt sich etwas.“ Der Beamte am Steuergerät zoomt näher heran. Auf dem Bildschirm erscheint eine Silhouette.

Dort, das ist das topfebene Ackerland östlich von Halbturn im Burgenland. Ein Polizeitrupp hat sich in der Nacht auf Freitag mit seinem Kleinbus einige Meter von der Grenze zu Ungarn postiert. Außer den roten Positionslichtern der riesigen Windkraftanlagen, die hier zu Dutzenden stehen, gibt es mit freiem Auge nichts zu sehen. Trotz des Monds ist es stockdunkel.

Nicht so die Schirme im Inneren des Fahrzeugs. Die Beamten suchen mit dem Wärmebildgerät nach Schleppern, Menschenhändlern und Einbrecherbanden, die heimlich die Grenze queren. Dieses Mal hat die Spezialkamera nur ein Reh entdeckt. In finsterer Nacht in etwa einem Kilometer Entfernung. Wenn er wolle, sagt der Beamte am Steuerpult, könne das Gerät viermal so weit sehen.

Der versteckte Bus im Nirgendwo ist einer von mehreren Standorten der als Operation Fox bezeichneten Aktion an Österreichs Außengrenze. Vor zwei Wochen hatte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner die Wiedereinführung von Grenzkontrollen nicht ausgeschlossen. Vorerst soll es aber bei einer Reihe von Schwerpunktaktionen bleiben. Fox war die erste.

 

Der Staat zeigt, was er hat

Das ist alles kein Zufall. Nicht wenige meinen, dass sich im kollektiven Bewusstsein in der Frage der öffentlichen Sicherheit in den vergangenen Monaten etwas verändert hat. Sicherer Hafen Österreich? Das scheint vorbei. Über die EU-Innengrenze strömen so viele Asylwerber ins Land, dass in Wien Notquartiere eröffnen mussten. Die Zahl jener, die mit Schleppern und Menschenhändlern über die Grenzen kommen, hat sich seit 2007 annähernd verdoppelt (Vorjahr: 27.486). Zusätzlich schwebt über alledem das Schreckgespenst der Rückkehrer: Personen aus Österreich, die in Syrien und im Irak für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gekämpft haben und nun, radikalisiert und vom Krieg gezeichnet, ihre Gewalterfahrungen importieren.

Die Sicherheitsbehörden wollen deshalb vermitteln, dass sie die Lage unter Kontrolle haben, dass sie aktiv sind. Dass das, was sich außerhalb Österreichs oder vor den Toren der EU abspielt, kein Grund ist, Angst zu haben. Aber ist das so?

Der Staat zeigt in solchen Situationen gern, was er hat. Straßensperren und verdeckte Streifen im Hinterland, Spürhunde und Aufklärungstechnik. 600 Kontrollen führen 50 Polizisten in dieser Nacht durch. Zwei gesuchte Personen gehen dabei ins Netz, auf der Ostautobahn entdeckt ein Team zwei Schlepper und sechs ihrer Kunden. Wobei am Grenzübergang Klingenbach nicht nur die Polizisten, sondern auch die mitgereisten Journalisten für Eindruck bei den Überprüften sorgen. Eine rumänische Familie mit Lieferwagen und Anhänger muss zur Kontrolle. Der Vater öffnet die Plane des Verdecks. Als der Vorhang fällt, steht der sichtlich verschreckte Mann im grellen Schweinwerferlicht von Fernseh- und Fotokameras. Die Ladung ist in Ordnung, er und seine Familie dürfen weiterfahren.

 

15.000 Euro für die Flucht

So überzogen diese eine Szene wirkt, so ernst sind die Fälle, bei denen die Medien dann nicht mit dabei sind. 5000 bis 15.000 Euro zahlen Syrer für eine Schleppung nach Europa, nur um ihr Leben vor Diktator al-Assad oder den Kämpfern des IS zu schützen. Korrupte Beamte aus Ländern wie Bulgarien und der Türkei helfen ihnen dabei. Anders ist es nicht zu erklären, dass immer wieder Lkw voll mit Flüchtlingen auftauchen, die von ausländischen Zollbehörden verplombt wurden. Auch Drogen werden in solchen Fahrzeugen gefunden.

Bei Nickelsdorf betreiben die Polizei und der heimische Zoll einen Prüfstand, auf dem sie eben solche Lkw untersuchen. Dieses Mal haben sich die Beamten zwei türkische Fahrer im Fahrzeug einer deutschen Spedition ausgesucht. Dieses Mal stehen sie im Scheinwerferlicht. Und auch dieses Mal ist die Ladung – es sind Chemikalien – in Ordnung. Weiterfahren.

Die schlechte Bezahlung der Fernfahrer macht einige von ihnen für die Kooperation mit den Schleppern anfällig. 200 bis 300 Euro zusätzlich gibt es für eine Fahrt mit „heißer Ware“. Es sind aber auch 1000 drinnen. Das Bundeskriminalamt kennt Fälle, in denen der Fahrer für die genannte Summe einen Zwischenstopp auf einem Parkplatz machen soll. Der Auftrag: eine Stunde Pause und wegschauen. Das gleiche Prozedere gilt schließlich für das Abladen. Nichts sehen und nichts Genaues wissen: So lautet dann die häufigste Ausrede bei einer Kontrolle an Österreichs Grenze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2014)