Erschöpft oder tot am ersehnten Strand Europas

„Sinfonie des sonnigen Tages“
(c) Schauspielhaus - ALEXI PELEKANOS

Anja Hillings „Sinfonie des sonnigen Tages“ im Schauspielhaus Wien – eine betroffen machende Uraufführung.

 Irgendwo am Meer, wohl im Süden Europas, liegt eine Frau auf einem Motorrad, mit Algen fixiert, geschmückt mit Müll und Muscheln. Ein Ehepaar auf Urlaub, das eben eine Beziehungskrise durchlebt, hat die Tote gefunden, eine Flüchtende aus der Dritten Welt, die angeschwemmt wurde. In ihre Hand ist der Name eingeritzt: Lou. Mit diesem Präludium beginnt Anja Hillings (*1975) „Sinfonie des sonnigen Tages“, die im Schauspielhaus Wien am Donnerstag uraufgeführt, von Felicitas Brucker einfühlsam inszeniert wurde. Was sagt uns diese Lou (Charlotte Müller), das Gesicht bleich geschminkt, die eine Augenhöhle schwarz und leer? Ihr Präludium ist Prophezeiung, Fluch: „Ich werde in euch fahren, mein Schweiß wird euch befallen, mein Schmerz beflügeln, wir werden unzertrennlich sein, ein einziger Kontinent, die Superkomposition.“

Mit so viel Pathos und Poesie hat sich die mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin des Themas Migration angenommen, voll Empathie, mit tiefem Verständnis für Form: Das kurze Stück (die Premiere dauerte 75 Minuten) ist so wie viele Sinfonien in vier Sätzen aufgebaut. Da steht: Allegro ma non troppo..., Molto vivace, Adagio molto e cantabile und ein kurzes Allegro energico... als Finale – fast also Beethovens freudvolle Neunte. Diese Ideen an Tempo werden schräg von einer elektronischen Komposition des Duos Mouse on Mars (Andi Toma und Jan St. Werner) begleitet. Thomas Mahmoud macht Live-Sounds, er spricht zudem auch Text, hoch oben in einem schattigen Gerüst über der Bühne. Assistiert wird die Performance durch einen Tänzer (David Wilhelm), der wie ein dunkler Geist umherschwirrt.

 

Irrer Kontrast im Urlaubsparadies

Gut Gemeintes läuft oft Gefahr, ins Lächerliche zu gleiten. Das ist hier gar nicht der Fall, weil es sich bei all dem heiligen Ernst um einen hervorragenden Text handelt, weil die Darsteller seine Dichte mit großer Sensibilität und Sicherheit umsetzen. Franziska Hackl als Ehefrau Ricarda und Thiemo Strutzenberger als ihr Mann, Ralf, spielen ein Paar, das prototypisch in einer Krise in der Mitte des Lebens steckt. Er, ein Anwalt, ist fertig und sucht angeblich nur Erholung, er befindet sich ebenfalls auf der Flucht. Vor sieben Wochen hat er eine Affäre mit der Mutter eines Freundes seines Sohnes begonnen. Ricarda weiß das inzwischen, sie reagiert mit hilflosem Zynismus, hat einerseits das Gefühl, ausgehalten zu werden (er finanziert ihr ein Café), andrerseits, dass dieser Verrat wohl zum endgültigen Bruch führt. Spröd und kalt gibt Hackl diese Frau.

Und dann begegnen sie in nur einem Tag auch härteren Problemen, manifestiert durch die Leiche. Sie lässt uns teilhaben an der Irrfahrt, an extremer Angst und Aggression auf dem Weg nach Europa, die an Dramatik schwer zu überbieten sind. Was für ein Kontrast ist die erschöpfte Liebe von Ricarda und Ralf im trügerischen Urlaubsparadies! Tote Hose. Es reizt, wie Ralf der Situation tänzelnd entkommen will. Wird das Paar aus der Begegnung am Strand lernen? Gibt es Gnade? Die Tote erhebt sich, ein Schrei ertönt wie von einem Vogel. Am Ende kommt wie zum Erbarmen Nebel auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2014)