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Wohnen in der Schule?

Bauen Sie schon oder diskutieren Sie noch? Im neuen Kultur- und Schulzentrum Feldkirchen an der Donau schaffen Freiluftklassen und Wintergärten ein heiteres Flair für lustvolles Lernen und Arbeiten.

In Feldkirchen an der Donau ist kürzlich eine Geschichte zu Ende gegangen, die 2005 mit einem EU-offenen zweistufigen Architekturwettbewerb begonnen hat. Das Wiener Büro von Fasch & Fuchs hat diesen Wettbewerb für die Planung eines Schul- und Kulturzentrums gewonnen und in zwei Bauphasen realisiert. Insbesondere mit dem gestern feierlich eröffneten Schulgebäude ist ein Objekt entstanden, das der seit Langem schwelenden Debatte um Schule und Bildung in unserem Land so manche Spitze nehmen könnte: indem es lustvolles Lernen und Arbeiten räumlich sichtbar macht.

Die erste Bauphase galt der Erneuerung eines bestehenden Turnsaaltraktes, dem Probelokal der örtlichen Musikkapelle sowie dem Neubau einer Musikschule, die nun gemeinsam das Kulturzentrum bilden. Dieses liegt an einem großzügigen, durch das Verschwenken der Schulstraße nach Norden entstandenen Vorplatz, der allmählich bis zum Haupteingang im Obergeschoss des Kulturzentrums ansteigt. Die Musikschule hat, durch zwei begrünte Atriumhöfe auch in ihrer Mitte belichtet, unter diesem künstlichen Hügel Platz gefunden. Sie bildet gemeinsam mit dem auf der Eingangsebene gelegenen Musikheim und den im Süden anschließenden Turn- respektive Mehrzwecksälen eine vielfältig nutzbare Anlage, die den Ort Feldkirchen selbst ebenso bereichert wie die beiden in der zweiten Bauphase entstandenen Schulen.

Auch hier ist das Thema eines großen Ganzen, das dem Kleinen, individuell gestaltbaren, Raum zur Entfaltung bietet, als leitendes Motiv umgesetzt. Fasch & Fuchs haben die aus einem gut erhaltenen Bestand hervorgegangene Mittelschule und den Neubau der Volksschule in einem Haus zusammengefasst. Dieses folgt mit zwei Vorsprüngen, die aus der Geometrie der ehemaligen Hauptschule abgeleitet sind, etwa dem Verlauf der nach Norden verschwenkten Schulstraße. Der neu errichtete Trakt der Volksschule verfügt somit ebenfalls über einen großzügigen, von Bäumen beschatteten Vorplatz, der die Schulen mit einem angemessen repräsentativen, einladend wirkenden Außenraum im Gefüge des Ortes verankert.

Der Haupteingang der beiden Schulen liegt im Neubau. Durch den als Schmutzschleuse funktionierenden Windfang gelangt man nicht mehr, wie früher, in eine unwirtliche Zentralgarderobe. Vielmehr öffnet sich unmittelbar beim Eintritt eine luftige Halle über alle drei Geschosse und weiter durch ihr gläsernes Dach nach oben. Sie lädt mit einer in den ersten Stock ansteigenden Flucht von Sitzstufen ein, sich zunächst einmal niederzusetzen und vielleicht den Text zu entziffern, den der Künstler Hermann Staudinger in metallisch schimmernden Buchstaben auf die Brüstungen um den Luftraum geschrieben hat. Die Halle verbindet die beiden Schulen sowohl in horizontaler als auch in vertikaler Richtung. An ihren Rändern haben gemeinschaftlich nutzbare Zonen wie der Essbereich, die Schulbibliothek oder Räume für die Nachmittagsbetreuung Platz gefunden.

Der nach dem Abriss der desolaten Volksschule notwendig gewordene Neubau erstreckt sich westlich von Haupteingang und Halle. Im Erdgeschoß sind übergeordnete Nutzungen wie das Büro der Direktorin, der Aufenthaltsraum für das Personal, Werkräume und die Schulküche – im Schulzentrum Feldkirchen wird täglich frisch gekocht – untergebracht. Die beiden Obergeschosse sind den Klassenzimmern gewidmet, wobei diese Bezeichnung, am Gewohnten gemessen, hier nicht zutrifft. Vielmehr wird ein annähernd quadratischer Bereich an seinen Ecken von gläsern abgetrennten Räumen belegt, in denen die Schülerinnen und Schüler jeweils zweier Klassen zweier Jahrgänge ihre persönlichen Sachen, Sessel und Tische vorfinden.

Auch die Arbeitsplätze der Lehrenden, mit interaktiven Whiteboards auf der Höhe der Zeit ausgestattet, befinden sich in diesen Räumen. Dazwischen liegen wiederum gemeinschaftlich genutzte Zonen mit Teeküche, veränderbaren Schiebekästen und mobilen Sitzelementen. Ein eigener Arbeitsraum für die Lehrenden und die notwendigen Sanitär- und Nebenräume vervollständigen ein Raumangebot, das viel eher an eine große Wohnung als an eine Schule denken lässt. Eine Wohnung allerdings, wie sie wohl nicht jeder kennt: Das außen von einer feinen horizontalen Schalung umfangene Gebäude zeigt im Inneren ohne Scheu den Sichtbeton. Die Räume sind hell grundiert; kräftige Farbakzente erleichtern die Orientierung. Weiße Lamellen aus Dämmstoff hauchen einen zarten Rhythmus an die Decken, durch den kreisrunde Beleuchtungskörper und Lichtkuppeln fliegen.

Die heitere Stimmung im Haus ist nicht zuletzt dem starken Bezug zum Freiraum zu verdanken, den Fasch & Fuchs mit allen zu Gebote stehenden Mitteln hergestellt haben. In beide Längsseiten des Neubaues sind Loggien eingeschnitten, die mit Glaswänden zu Wintergärten verschlossen werden können. Breite beschattete Balkone über dem Haupteingang und zum Garten hin sowie geräumige, als Freiluftklassen nutzbare Loggien an der Stirnseite der Volksschule laden zum Aufenthalt im Freien ein. Die hier angeordnete Stiege erfüllt, wie ihr Pendant am gegenüberliegenden Ende des Schulzentrums nicht bloß ihre Funktion als Fluchtweg, sondern stellt auch eine gern genutzte Verbindung in den Garten dar.

Der östlich an die große Aula anschließende Trakt der ehemaligen, zur Mittelschule erhobenen Hauptschule wurde im Zuge der Bauarbeiten thermisch saniert. Seine von einem zentralen Stiegenhaus mit flankierendem Luftraum geprägte Grundstruktur blieb bestehen. Die vorgefundene Einteilung in Klassenräume wurde ebenfalls beibehalten, diese jedoch mit Glaselementen in ihren Eingangsbereichen stärker an die Erschließungszone angebunden. Denn das Schaffen neuer Wege und Beziehungen ist hier nicht nur im Großen, sondern auch in der Form vieler kleiner, mit erheblicher Detailgenauigkeit gestalteter Situationen präsent.

Es scheint, als hätten Fasch & Fuchs Erich Kästners Ansprache zum Schulbeginn – sie ist es, die die Brüstungen der Aula ziert – sehr ernst genommen. Das Kultur- und Schulzentrum Feldkirchen ist ein Haus ohne „abgesägte überflüssige“ Stufen, in dem man nach Herzenslust „treppauf und treppab“ gehen kann, wie in einem gelungenen Leben. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2014)