Der Presseclub Concordia forderte von den politischen Parteien erneut den Rückzug aus den Gremien des ORF. Ein frommer Wunsch.
Fünfzig Jahre nach dem Rundfunk-Volksbegehren gab der Presseclub am Freitag eine feine Matinee, bei der Gesetzestreue verlangt wurde. Die Politik müsse sich aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zurückziehen, denn er solle doch laut Verfassung unabhängig sein. Also raus mit den Lobbyisten der Bundesparteien und Länder sowie anderen Interessengruppen aus Aufsichts- und Führungsgremien des ORF?
Die Geschichte lehrt anderes. Erinnern wir uns: Anfang Oktober vor 90 Jahren startete die Ravag mit ihrer ersten Sendung in Wien. Man funkte vom Dachgeschoß des Heeresministeriums(!) aus, die Lizenz für den Monopolrundfunk hatte der schwarze Kanzler Seipel vergeben. Dass der Nachrichtendienst, wie anfangs versprochen, „weder urteilen noch kommentieren, noch Weltanschauungen vertreten“ solle, war bald ein frommer Wunsch.
Spätere Machthaber vertraten eine strikte Medienpolitik: Es müsse selbstverständlich „auch der Rundfunk vom Staate zu seinen Zwecken in erhöhtem Maße herangezogen werden“. Man habe „die Aufgabe, das gesamte Volk in einheitlicher Willensbildung zusammenzufassen“. Solch ideologische Einheitlichkeit forderte auch ein Propaganda-Experte „von der höchsten Spitze bis zum letzten Mann im Senderaum“. Zensur? Direkte Einflussnahme? Die gab es nicht nur in autoritären Zeiten, sondern auch danach, im „Koalitionsrundfunk, in dem sich die Parteien breitgemacht haben“.
Die Zitate (gonline.univie.ac.at) sind von Kurt Schuschnigg, Oskar Czeija, Joseph Goebbels und Helmut Zilk– natürlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Und heute ist ja alles ganz anders.
diepresse.com/mediator
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2014)