Der Schattenmann im Netz

Mary Scherpe will nach ihren eigenen Erfahrung mit einem hartnäckigen Stalker die politische Realität in Deutschland ändern.
Mary Scherpe will nach ihren eigenen Erfahrung mit einem hartnäckigen Stalker die politische Realität in Deutschland ändern. Christian Werner
  • Drucken

Die deutsche Bloggerin Mary Scherpe wurde über ein Jahr im Internet von einem Stalker verfolgt. Nun sammelt sie Unterschriften, damit der Stalking-Paragraf geändert wird.

Es erinnert an einen unfreiwilligen Paartanz, aus dem man sich nicht befreien kann: Auf jedes Tweet, jede Statusmeldung, jedes hochgeladene Foto folgt kurz darauf ein Echo-Tweet, ein Echo-Eintrag, ein Echo-Foto. Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück. Als die Berliner Bloggerin Mary Scherpe im Juni 2012 zum ersten Mal auf ein Instagram-Konto stößt, das ihr seltsam erscheint, glaubt sie zuerst noch, es sei ein reiner Zufall, dass der Name „Mary Scherge“ ihrem so sehr ähnelt.

Doch die seltsamen Hinweise häufen sich, sind bald nicht mehr zu übersehen. Ein Profilbild – das Porträt einer Frau mit orangefarbenem Plastiksack über dem Kopf – als Anspielung auf Mary Scherpes eigenes Profilfoto, auf dem sie ein geblümtes Tuch um Kopf und Gesicht trägt. Tweets, die ihre Tweets gemein spiegeln, wie z.B: „Heute sind wir auf dem Weg zum Gehirn. Mal sehen, ob wir etwas finden.“ Oder: „Ob es wohl jemandem auffällt, wenn ich heute noch schlechtere Fotos poste als sonst?“ Oder: „Bin unterbelichtet (But it's awesome, of course).“ Einträge auf dem Standort-Erkennungsdienst Foursquare, die erkennen lassen, dass sich die Person dahinter in der Nähe von Mary Scherpe befindet.

Rückzug wäre für viele die einzig mögliche, wenn auch feige Variante gewesen, um dem digitalen Terror zu entkommen. Doch für Mary Scherpe war das keine Lösung. Als Bloggerin und Gründerin des Modeblogs „Stil in Berlin“ bestand (und besteht) ein großer Teil ihrer Arbeit darin, in den diversen sozialen Netzwerken präsent zu sein und sich dort zu vermarkten. Der Gute-Laune-Ton, in dem das passiert, gehört dazu. Doch der Schattenmann im Netz fand gerade in Ton und Selbstinszenierungslust einen Quell für Parodie und Beleidigung.

Doch Mary Scherpes Anwort lautete: Angriff. Sie schrieb E-Mails an Twitter, Instagram und Co. und meldete immer wieder jene Konten (es wurden immer mehr), die sie nachahmten und offensichtlich beleidigten. So die Unternehmen überhaupt reagierten, dann spät, nach mehrmaliger Aufforderung und ohne weitere Hilfe anzubieten. Hie und da wurde ein Account gelöscht, doch kurz darauf tauchte ein neuer mit einem anderen Namen auf. Und der unbekannte Mann im Netz wurde immer klüger, so fand er etwa heraus, dass Twitter Parodiekonten erlaubt, wenn sie als solche gekennzeichnet sind. Auch im Offline-Leben häuften sich die Auffälligkeiten. So erhielt Scherpe jeden Tag briefliche Zusendungen mit Tierfutter, Schwangerschaftsvitaminen, Inkontinenzeinlagen oder Broschüren zur Brustvergößerung.


Der Ex-Freund namens Z. Längst hatte Mary Scherpe einen Verdacht, wer sich hinter dem Stalker, den sie „Z“ nennt, befinden könnte (ein Mann, mit dem sie eine kurze Beziehung hatte), und begann schließlich auf einem Tumblr-Blog namens „An jedem einzelnen Tag“, ihre Erlebnisse zu schildern. Wie der Blog heißt auch ihr kürzlich erschienenes Buch, in dem sie über ihre mehr als ein Jahr dauernde Tortur berichtet. Die virtuellen Übergriffe und die brieflichen Zusendungen sind zwar seltener geworden, haben aber noch immer nicht aufgehört. Das Buch hat Scherpe nicht nur zur Therapie geschrieben, sondern weil sie etwas verändern will. „Mein Anliegen ist relativ simpel: Ich will die aktuelle Gesetzeslage in Deutschland ändern“, erzählt sie. Seit 2007 steht Stalking zwar als „unbefugtes Nachstellen“ gemäß § 238 Strafgesetzbuch unter Strafe, doch es ist ein klassisches Erfolgsdelikt. Soll heißen: Eine Anzeige wird erst erstattet, wenn etwas passiert ist. Ganz ähnlich sind übrigens Wortlaut und Strafverfolgung beim österreichischen Stalking-Paragrafen (§107a StGB), der bereits 2006 in Kraft trat.

In Deutschland jedenfalls führen nur 500 von 25.000 jährlichen Anzeigen zu einer gerichtlichen Verhandlung. Mary Scherpe will den Paragrafen in ein Eignungsdelikt umwandeln. In Zukunft soll es reichen, wenn Stalking-Opfer beweisen können, dass die Taten eines Stalkers, einer Stalkerin ihre Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigen. Seit Mitte September sammelt Scherpe Unterschriften für eine Gesetzesänderung. Mehr als 41.000 sind es schon. Wenn 50.000 zusammengekommen sind, will sie mit den zuständigen Ministern in Kontakt treten.

Es ist wohl eher ein Zufall als ein Hinweis auf eine besondere Zunahme von Stalking-Fällen, dass das Thema gerade auch an anderer Stelle aufgepoppt ist, an literarischer nämlich. Auch die deutsche Schriftstellerin Judith Hermann, die kurz vor der Jahrtausendwende mit ihrem ersten Erzählband als Jungautorin hochgelobt wurde, beschäftigt sich damit. In ihrem durchaus kontrovers diskutierten Debütroman „Aller Anfang Liebe“ wird die Hauptfigur Stella – Krankenpflegerin, Mutter, verheiratet – von einem unbekannten Mann namens „Mister Pfister“ beobachtet und mit brieflichen Botschaften bombardiert. Doch Fiktion ist Fiktion, Realität ist Realität. Während dem unbekannten Störenfried in Judith Hermanns Geschichte zwar etwas Unheimliches anhaftet, hat sein Auftauchen und das Klingeln an der Türe, sobald Stellas Ehemann Jason das Haus verlassen hat, doch auch etwas Geheimnisvolles und Neugierig-Machendes. Es ist, als würde Stella diese kleine Spannung im etwas eintönig gewordenen Leben gefallen.

Ganz anders sieht die Erfahrung mit einem Stalker im echten Leben aus. Während die fiktive Stella keine Hilfe ruft, tut das die echte Mary Scherpe schon früh. Sie sucht Hilfe bei Beratungsstellen (die wenig Erfahrung mit Cyber-Stalking haben) und der Polizei. Die zwei Anzeigen, die sie erstattet, werden eingestellt. Erst als sie im Frühjahr 2013 ihrerseits die Taten ihres Stalkers in einem eigenen Blog spiegelt, werden dessen virtuelle Attacken weniger. Zwei Schritte vor für sie.

Person und Buch

Mary Scherpe, Jahrgang 1982, lebt in Berlin und arbeitet dort als Modebloggerin. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Japanologie gründete sie im März 2006 den – nach eigenem Bekunden - ersten Mode- und Lifestyle-Blog in Deutschland. Sie arbeitet auch als Fotografin und Beraterin für Social Media.

Stil in Berlin heißt der Blog, den sie bis heute hauptberuflich betreut. Auf dem Tumblr-Blog eigentlichjedentag.
com dokumentierte sie die einzelnen Attacken ihres Stalkers.

Informationen zur Petition zur Änderung des Stalkingparagrafen und aktuelle Entwicklungen gibt es hier: www.change.org/stalkingparagraf

Das Buch:
»An jedem einzelnen Tag. Mein Leben mit einem Stalker«
Lübbe Verlag
225 Seiten, 15,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.