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Speed Invest 2: "Gründer gehen dort hin, wo das Geld ist"

Website von Shpock
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Viele Start-ups holen sich Risikokapital bei ausländischen Geldgebern. Jetzt soll mit Speed Invest 2 der bisher größte private Venture-Capital-Fonds Österreichs an den Start gehen.

Reden wir doch einmal über Geld. Denn so romantisch so ein Gründerleben auch anmuten mag – man lebt für eine Idee, 24 Stunden am Tag, sieht sein Pflänzchen wachsen und erlebt eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle – im Grunde dreht sich bei Start-ups vieles ganz schnöde ums Finanzielle. Ums Überleben, um die Möglichkeit zu wachsen.

Dafür braucht es Risikokapital. In Österreich ein Wort, das erst einmal Misstrauen weckt. Der englische Begriff dafür, Venture Capital, ist positiver besetzt: Venture bedeutet Unternehmung, Projekt, Wagnis. Das klingt schon ermutigender.

Ein attraktiver Standort für Start-ups bietet Zugang zu Risikokapital. Und dafür braucht es private Investoren, die bereit sind, einen Teil ihres Vermögens in den Aufbau von Unternehmen zu stecken. Es reicht nicht, wenn die Förderungen ausschließlich von der öffentlichen Hand kommen – obwohl das Förderwesen für Start-ups in Österreich gut aufgestellt ist. Ohne privates Kapital kann die Szene nicht (über-)leben, und Start-ups bleiben hinter ihrem Potenzial zurück. Wenn es darum geht, zu wachsen und eine relevante Größe zu erreichen, gibt es derzeit oft nur eine Möglichkeit: Kapital aus dem Ausland. Das bedeutet für viele: Österreich auch als Standort den Rücken zu kehren.


Jagd nach dem Einhorn. „Österreich braucht dringend einen Venture-Capital-Fonds, mit dem man sich international in der Start-up-Landschaft positionieren kann. Start-ups gehen dort hin, wo das Geld ist“, sagt Oliver Holle, Chef des Inkubators Speed Invest. Ein Venture-Capital-Fonds investiert Geld in Wachstumsunternehmen, die das Potenzial haben, in kurzer Zeit eine enorme Wertsteigerung zu generieren.

Ein VC-Fonds hält für seine Investoren ein Portfolio von Erfolg versprechenden Start-ups bereit, um eine möglichst breite Streuung zu garantieren. Diese minimiert das Risiko, denn niemand kann mit Sicherheit sagen, welche Geschäftsidee aufgehen wird, welche floppt und wer sich zu einem „Unicorn“ (auf Deutsch: Einhorn), einem Überflieger à la Facebook entwickeln wird. Der Fonds erwirbt Firmenanteile, üblicherweise in Form einer Minderheitsbeteiligung. Das Geld, das ein Investor in einem solchen Fonds anlegt, ist längerfristig gebunden, meist über zehn Jahre. Das optimale Szenario für einen Venture-Capital-Fonds ist entweder ein Börsengang des Start-ups oder ein Exit, also ein erfolgreicher Verkauf, der die investierte Summe um ein Vielfaches zurückspielt. Eine andere, eher seltene Möglichkeit ist die Gewinnbeteiligung. Für beide Varianten braucht es von den Investoren Geduld. Bis sie Geld sehen, dauert es – wenn alles optimal läuft – im Schnitt sechs bis acht Jahre (zu Risiko und Renditechancen siehe Artikel unten).

Doch zurück zum Problem der Start-ups in Österreich: der Finanzierung, wenn man die erste Gründungsphase bewältigt hat. Man hat ein Produkt entwickelt und dieses auf den Markt gebracht, und man hat nachweislich „traction“, das heißt, es besteht Bedarf nach dem Produkt. Diese Nachfrage muss man jetzt bedienen, und das bedeutet: wachsen, Leute einstellen, sich professionalisieren, das Produkt weiterentwickeln. Dafür braucht es wesentlich mehr Geld als in der Anfangsphase (Pre-Seed- und Seed-Phase). „In Österreich passiert es derzeit noch oft, dass Firmen nach einer Aufbauphase wieder in sich zusammenfallen, wieder Leute abbauen“, sagt Robert Zadrazil, Private-Banking-Vorstand der Bank Austria. Und zwar, weil den Start-ups schlicht finanziell die Luft ausgehe. Nur die besten schaffen es, einen ausländischen Venture-Capital-Fonds für sich zu gewinnen.


Weltspitze auf seinem Gebiet. Rechtzeitig den Absprung geschafft und internationales Kapital an Bord geholt hat das österreichische Start-up Shpock. Die Entwickler der FlohmarktApp haben mit dem norwegischen Medienkonzern Schibsted Classified Media im August vergangenen Jahres einen der weltgrößten Investoren für den Kleinanzeigenmarkt überzeugen können. „Aus Österreich heraus schafft man das nur, wenn man in seinem Gebiet Weltspitze ist“, sagt Shpock-Gründerin Katharina Klausberger. Shpock ist heute nach Downloads die zweitgrößte Secondhand-App im deutschsprachigen Raum nach Platzhirsch eBay. Begonnen hatte man eigentlich mit einem anderen Projekt, der Elektrogeräte-Vergleichsplattform Finderly. Daraus habe sich dann die Idee der Flohmarkt-App entwickelt.

„Wir haben uns gefragt, warum niemand mehr Lust hat, auf den gängigen Marktplattformen etwas zu verkaufen. Bei Shpock kann man in 30 Sekunden ein Produkt hineinstellen, und weil die App bildbasiert ist, macht es auch Spaß, darin zu stöbern.“ In der Seedphase hat man sich eine Finanzierung von Speed Invest geholt, die auch den Wechsel von Finderly zu Shpock mitgetragen hat. „Wir sind dann sehr schnell gewachsen. Nach einem Monat hatten wir 10.000 Downloads, nach einem Jahr hatten wir die Million geknackt. Da war dann die Frage, wie wir weiter wachsen und das Team ausbauen können“, sagt Klausberger.

Mit Schibsted habe man sich keinen klassischen Venture-Capital-Fonds an Bord geholt, der nur auf einen lukrativen Exit schiele. Trotzdem muss man sich natürlich als Gründer dessen bewusst sein, dass man bis zu einem gewissen Grad seinen Spielraum einschränkt, wenn man einen Venture-Capital-Fonds an Bord holt. Alle großen Entscheidungen müssen dann mit dem Geldgeber abgestimmt werden. Im besten Fall ist ein VC-Fonds der Sparringspartner der Start-ups, der mit Know-how und seinem Netzwerk beschleunigend auf das Wachstum wirkt.


Speed Invest 2. „Die erfolgreichsten Venture-Capital-Fonds sind von Gründern gemacht“, sagt Speed-Invest-Chef Holle und meint damit auch sein eigenes Haus. Holle hat mit 3United sein eigenes Start-up – mit Expertise in Mehrwert-SMS und Online-Voting– erfolgreich zum Exit geführt. Es wurde 2007 für 55 Millionen Euro an den amerikanischen Konzern Verisign verkauft. „Ich habe am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn in einem Land die Infrastruktur für Gründer fehlt“, sagt Holle. Das sei der wesentliche Antrieb gewesen, 2011 Speed Invest zu gründen. Der Fokus lag bisher auf Seed-Finanzierung mit einem Investment von bis zu 300.000 Euro pro Unternehmen und einem Gesamtvolumen von zehn Mio. Euro. Bis Ende des Jahres will er sich aber – wie die „Presse am Sonntag“ exklusiv erfuhr – entscheidend vergrößern, um auch die nächste Finanzierungsphase, die Series A, abdecken zu können. Und nicht, wie bisher, die erfolgreichsten Schützlinge an ausländische Risikokapitalgeber vermitteln zu müssen, gerade dann, wenn sie richtig abheben. Das angepeilte Gesamtvolumen von Speed Invest 2: zwischen 50 und 100 Mio. Euro. Damit wäre man der größte private Risikokapitalgeber Österreichs und erstmals in einer Größe von internationaler Relevanz– wichtig für den Standort. In einem vergleichbaren Bereich operiert derzeit nur der staatliche AWS-Gründerfonds mit einem Volumen von 65 Mio. Euro.


Bank an Bord. Die Gespräche von Speed Invest mit Investoren– das Spektrum reicht von vermögenden Privatpersonen bis zu Banken, Versicherungen und größeren Unternehmen – sind noch voll im Gange.

Da erscheint es nicht ganz zufällig, dass die Bank Austria in einer Aussendung vergangene Woche damit aufhorchen ließ, eine Stiftungs- und Start-up Initiative zu planen: „Die Zeit ist jetzt reif dafür, das Interesse vonseiten der Privatkunden, in aufstrebende Unternehmen zu investieren, hat massiv zugenommen“, sagt Private-Banking-Experte Zadrazil. Er sieht Banken nicht in der Rolle des Inkubators, wie Speed Invest einer ist, sondern als Vermittler zwischen privatem Kapital und Unternehmen.

„Es gibt 80.000 Millionäre in Österreich“, sagt Shpock-Gründerin Klausberger. „Das Kapital wäre also da.“

Speed Invest ist ein österreichischer Venture-Capital-Fonds mit Fokus auf Seed-Finanzierung, einem Volumen von zehn Mio. Euro und 20 Beteiligungen an Start-ups. In einer Neuauflage des Fonds soll das Volumen bis Ende des Jahres auf 50 Mio. Euro aufgestockt werden.

Shpock ist im deutschsprachigen Raum eine der größten Flohmarkt-Apps. Mit Schibsted Media hat das Start-up einen großen Venture-Capital-Fonds an Bord.

Glossar

Venture-Capital-Fonds. Ein Venture-Capital-Fonds hält in der Regel Minderheitsanteile, also bis maximal 49 Prozent, an einem Unternehmen und hat Mitspracherecht bei wesentlichen Entscheidungen. Die Führung des Unternehmens obliegt aber den Gründern.

Ausfallrisiko. Die Streuung des Investments auf mehrere Start-ups verhindert in einem Venture-Capital-Fonds einen Totalausfall. Die Möglichkeit, dass das Investment keine Rendite abwirft, besteht ebenso wie die Chance auf eine Verdreifachung des investierten Betrages.

Seed-Phase. Ein Start-up ist dann bereit für eine Seed-Finanzierung, wenn ein Geschäftsmodell und ein Produkt vorhanden sind.

Series A. Nächste Runde nach der Seed-Phase. Kann dann stattfinden, wenn es für das Produkt erwiesenermaßen Nachfrage gibt. Wenn Umsatz hereinkommt oder eine gewisse Nutzerbasis aufgebaut wurde.

Exit. Verkauf des gesamten oder eines Teils des Unternehmens um ein Vielfaches des ursprünglichen Wertes. Ist das Ziel jedes Venture-Capital-Fonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2014)

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