Als Vizeweltmeister trat er in die Fußspuren seines berühmten Vaters. Am Sonntag wurder er Zweiter in der deutschen Meisterschaft.
Die Anonymität war mit einem Mal dahin. Als ein gewisser Mick Junior sich am vorletzten Septemberwochenende bei der Kart-WM in Frankreich zum Vizeweltmeister bei den Junioren kürte, sorgte das plötzlich international für Schlagzeilen. Der Grund? Der 15-Jährige ist der Sohn von Michael Schumacher. Bislang konnte die Bürde des Namens vom Sprössling des Formel-1-Rekordweltmeisters in der breiten Öffentlichkeit erfolgreich ferngehalten werden, der Erfolg in Essay setzte dem Schattendasein jedoch ein Ende. Einem Schumacher ist die Aufmerksamkeit der Medien gewiss, nicht nur in Deutschland. Die italienische „Gazzetta dello Sport“ berichtete ebenso wie die französische „L'Équipe“ oder die spanische „Marca“.
Während viele seiner Konkurrenten über eine eigene Homepage verfügen und ihre Fans via Social Media auf dem Laufenden halten, ist von Mick Schumacher selbst auf der Webseite seines Rennstalls weder Foto noch Steckbrief zu finden. Dort ist er wie in den Ergebnislisten als Mick Junior aufgelistet, nachdem er seine Karriere einst als Mick Betsch, dem Mädchennamen seiner Mutter, begann. Ob die anderen Fahrer über den prominenten Stammbaum ihres Konkurrenten Bescheid wussten, ist nicht bekannt, doch dürfte auch ihnen der eigens abgestellte Security sowie das eine oder andere bekannte Besuchergesicht entlang der Strecke nicht entgangen sein.
Aufgewachsen ist Mick Schumacher abgeschirmt von der Weltpresse in der Schweiz, wo die Schumachers seit 1996 leben. Zunächst in Vufflens-le-Château und seit sechs Jahren in einer eigenen Western Ranch in Gland am Genfer See. Das Wohl seiner Familie stand für Michael Schumacher stets über allem, seine Kinder sollten abseits vom Trubel um seine Person eine möglichst normale Kindheit erleben. Fotos von Mick oder Schwester Gina, heute 17, waren eine absolute Rarität und dem Vater stets ein Dorn im Auge. Die Vorstellung, dass sein Sohn einmal in seine Fußstapfen treten könnte, begeisterte Michael Schumacher ebenfalls nicht. „Ich habe es bei Jacques Villeneuve oder Damon Hill und auch meinem Bruder Ralf gesehen, welch eine Last ein Name sein kann. Ich will nicht, dass er ständig mit mir verglichen wird und keine Chance erhält, sich selbst einen Namen zu machen“, hatte er einst in Interviews betont. „Ich möchte ihn eigentlich nicht unbedingt im Rennauto sehen. Er muss nicht mein Nachfolger werden. Warum soll mein Sohn so eine schwierige Aufgabe haben?“ Der Wunsch dürfte sich nicht erfüllen.
Talent und Ehrgeiz
2007 wurden erste Rennteilnahmen des damals Achtjährigen bekannt – in Spanien, wo man dem Fokus der Öffentlichkeit zu entwischen hoffte. Sieben Jahre später darf sich Mick Schumacher bereits Europameister nennen und feierte in Essay mit WM-Silber seinen bislang größten Erfolg. „Natürlich bin ich stolz auf so ein wichtiges Resultat“, sagte Schumacher, der alle fünf Qualifikationsrennen gewonnen hatte und sich im Finale nur dem Briten Enaam Ahmed geschlagen geben musste. „Aber das ist erst der Anfang meiner Karriere. Mein Ziel ist es, Weltmeister zu werden.“ Dieses Selbstvertrauen strahlt der schlaksige Blondschopf auf den ersten Blick allerdings noch nicht aus, er wirkt vielmehr schüchtern und zurückhaltend. Beobachter der Szene beschreiben den 15-Jährigen als freundlichen jungen Mann, der in dieser Saison einen gewaltigen Leistungssprung hinlegte. Am Sonntag verpasste er in Genk den Sieg in der deutschen Junioren-Meisterschaft nur hauchdünn um drei Punkte.
Einer von Micks wichtigsten Wegbegleitern fehlte auch in Belgien: Vater und Lehrmeister Michael Schumacher, der die Karriere seines Sohnes trotz der Bedenken förderte und ihn bis zu seinem schweren Skiunfall Ende Dezember auch oft zu den Rennen begleitete – nicht selten reisten sie gemeinsam im Wohnmobil an. Nach dem Rücktritt aus der Formel 1 2012 heuerte der Ex-Pilot im Vorjahr beim renommierten Team Tony Kart als Werksfahrer an und entwickelte unter anderem das Chassis mit, das nun auch Mick fährt. National startet Schumacher junior für KSM Motorsport. Michael Schumacher und Bruder Ralf fuhren früher selbst für den Rennstall, inzwischen sind sie daran beteiligt. Der Gründer ist mit Peter Kaiser ein enger Freund der Familie, der einst schon am Kart des Rekordweltmeisters schraubte. Kaiser ist es auch, der Mick in Abwesenheit von Michael Schumacher betreut.
Im Kerpener Kart-Klub ist man von einer großen Karriere Mick Schumachers überzeugt und die dortige Motorsport-Familie hat schon vor dem berühmten Sohn so manchen Rohdiamanten geschliffen. Der Ruf als Kaderschmiede eilt der Rennstrecke voraus, neben den Schumacher-Brüdern hat auch Sebastian Vettel einst seine Runden in der ehemaligen Kiesgrube gedreht. „Es macht uns stolz, zwei Formel-1-Weltmeister, GP-Sieger und DTM-Meister hervorgebracht zu haben“, sagte Präsident Gerhard Noack, der auf Zuwachs der prominenten Liste hofft. „Das Zeug von Max Verstappen hat Mick allemal“, ist Leiter Guido Krauthausen überzeugt.
Karriere-Sprungbrett Kart
Der 17-jährige Verstappen saß noch vergangenes Jahr im Kart und gab nun im Freitagstraining in Suzuka als jüngster Pilot aller Zeiten für Toro Rosso sein Debüt. Ein derart kometenhaften Aufstieg ist die Ausnahme, doch haben viele spätere Formel-1-Stars in den kleinen Flitzern ihre Feuertaufe erlebt. „Kartfahren ist immer noch die beste Schule für den großen Motorsport“, befand Michael Schumacher, der mit Alain Prost, Ayrton Senna oder zuletzt Lewis Hamilton und Sebastian Vettel zu den bekanntesten Emporkömmlingen zählt.
Wohin es Mick Schumacher im nächsten Jahr verschlägt, ist noch nicht bekannt, vielleicht bleibt er der Kart-Szene treu und erhält 2015 eine neue WM-Chance. Aber auch ohne diesen Titel lässt sich Karriere machen: Vater Michael hat es als siebenfacher Formel-1-Weltmeister eindrucksvoll vorgezeigt.
ZUR PERSON
Mick Schumacher
kam am 22. März 1999 als zweites Kind von Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher und dessen Frau Corinna zur Welt.
Liebe zum Motorsport
Schumacher jun. teilt die Leidenschaft seines Vaters und startete wie er eine Karriere im Kart. Sein bislang größter Erfolg gelang ihm Ende September, als er bei der Junioren-WM den zweiten Platz belegte. Am Sonntag wurde er in Genk in der Junioren-Kategorie der deutschen Meisterschaft Zweiter.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2014)