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Erdogan: "Der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören"

TURKEY SYRIA ISLAMIC STATE KOBANI
APA/EPA/SEDAT SUNA
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Die Türkei fordert Bodentruppen, sieht den Kämpfen in der syrischen Grenzstadt Kobane aber vorerst nur zu. IS-Kämpfer erobern Viertel um Viertel, obwohl die US-Allianz aus der Luft angreift.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seine Forderung nach einer Bodenoffensive zur Bekämpfung der Jihadistengruppe "Islamischer Staat" (IS) in Syrien bekräftigt. "Der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören", sagte Erdogan am Dienstag beim Besuch in einem Flüchtlingslager im südtürkischen Gaziantep.

Notwendig sei eine Kooperation von Truppen am Boden. Bereits bei einer Parlamentssitzung Anfang Oktober hatte der Präsident betont, dass Luftangriffe nur eine vorübergehende Lösung darstellten.

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu erklärte unterdessen, die Türkei sei "zu allem" im Kampf gegen die IS-Extremisten in Syrien bereit, stellte aber Bedingungen. Notwendig sei eine abgestimmte Strategie gegen den syrischen Machthaber Bashar al-Assad, sagte Davutoglu dem US-Nachrichtensender CNN. Ankara werde nur Truppen entsenden, wenn "andere ihren Anteil leisten".

Mann bei Kundgebung erschossen

Wie aufgeheizt die Stimmung in der Türkei ist, zeigen Zusammenstöße zwischen Polizei und Kurden. Bei einer Solidaritätskundgebung für Kobane ist laut einem Medienbericht ein Mensch erschossen worden. Der 25-Jährige sei am Dienstag bei Zusammenstößen mit der Polizei in der vor allem von Kurden bewohnten Stadt Varto im Osten des Landes erschossen worden, berichtete die Zeitung "Radikal" unter Berufung auf einen Anwalt.

Die Polizei habe in die Menge geschossen. Zwei weitere Menschen seien verletzt worden. Auch in anderen Städten des Landes kam es seit Montagabend zu Demonstrationen. Der Sender CNN Türk meldete, in der osttürkischen Provinz Mardin habe der Gouverneur eine Ausgangssperre in sechs Distrikten verhängt.

IS nimmt Teile Kobanes ein

Die Kämpfe zwischen IS und kurdischen Milizionären in der nordsyrischen Stadt Kobane haben sich nach Angaben von Aktivisten auf Viertel im Süden und Westen ausgeweitet. Zudem habe es neue Luftangriffe der US-geführten Koalition auf IS-Stellungen im Osten der Stadt gegeben, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag mit.

Die IS-Jihadisten hatten zuvor drei Stadtviertel im Osten von Kobane an der Grenze zur Türkei erobert. Trotz heftiger Gegenwehr der kurdischen Volksverteidigungseinheiten und Luftangriffen der internationalen Militärallianz rücken die Jihadisten seit Tagen immer weiter auf die Kurdenstadt vor.

TURKEY SYRIA ISLAMIC STATE KOBANI
IS-Flagge im Westen KobanesAPA/EPA/SEDAT SUNA

Am Montag hissten sie zwei schwarze Fahnen am Ostrand der Stadt. Sollte es ihnen gelingen, die auf Arabisch Ayn al-Arab genannte Stadt einzunehmen, würden sie ein langes Stück der türkisch-syrischen Grenze kontrollieren.

Obwohl die IS-Miliz die Stadt an der unmittelbaren Nato-Außengrenze komplett einzunehmen droht, scheint die Türkei keine Eile zu verspüren. Zunächst rechtfertigte die Türkei ihre Zurückhaltung mit den dutzenden türkischen Geiseln in der Hand der Extremisten, die allerdings im September freikamen. Anschließend gab das türkische Parlament grünes Licht für einen Militäreinsatz gegen die IS-Jihadisten, bisher wurden aber lediglich türkische Truppen an der Grenze zusammengezogen.

Demonstrationen in Europa

In ganz Europa gingen Kurden auf die Straße, um für ein Eingreifen des Westens zur Rettung der Grenzstadt Kobane zu demonstrieren. In Innsbruck besetzten Kurden kurzzeitig die Zentrale der SPÖ-Landespartei. Auch in Wien versammelten sich rund 300 Menschen vor dem Parlament.

Seit Mitte September rückt die IS-Miliz auf Kobane vor. Kurdische Volksschutzeinheiten - sie gelten als bewaffneter ARM der syrischen Kurdenpartei PYD, verteidigen die Stadt verzweifelt. Nach türkischen Regierungsangaben sind mehr als 185.000 Menschen vor den Kämpfen in der Region Kobane in die angrenzende Türkei geflohen. Das Land hat nach offiziellen Angaben seit Beginn des Bürgerkrieges mehr als 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die humanitäre Situation an der Grenze ist kritisch und würde durch einen Fall Kobanes an den IS verschärft werden.

Die Kurden würden mit Kobane nicht nur eine Stadt verlieren. Es wäre ein herber Rückschlag für die kurdische Selbstverwaltung im Norden Syriens. Dort hatten die Kurden seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 drei selbstverwaltete Regionen etabliert - mit Kobane würden sie eine davon verlieren.

Im Bürgerkrieg galt die kurdische Enklave lange Zeit als relativ sicherer Zufluchtsort. Nach UNO-Angaben waren 200.000 Menschen aus anderen Teilen Syriens dorthin geflohen. Die UNO geht davon aus, dass sich vor Beginn der heftigen Gefechte um die Region Kobane insgesamt etwa 400.000 Menschen dort aufhielten.

(APA/AFP)