Wer garantiert Ihnen, Leserin, dass Sie nicht eine typische Falte mit der Witwe B. teilen?
Bilder von Verbrechensopfern sollen die Medien nicht zeigen, das gebietet die Rücksicht. Gegen Veröffentlichung der Bilder von (erwiesenen) Tätern spricht keine Rücksicht. Sollte man meinen. Ich bin trotzdem dagegen. Man lernt zu viel daraus. Lassen Sie mich das erklären.
Unlängst habe ich wieder das grinsende Gesicht des grässlichen Familienvaters aus Amstetten in einer Zeitung gesehen, und es hat mir nicht gut getan. Nicht nur, weil der Anblick des Täters einen unwillkürlich an das Leid der Opfer erinnert. Sondern auch, weil ich mich später dabei ertappte, im Gesicht eines lebensfrohen älteren Herren, den ich im Park sah, Züge des Josef F. zu entdecken.
Das ist keine besondere Perversion. Wir alle lesen aus Gesichtern: ob sie freundlichen Menschen gehören oder unfreundlichen, sanften oder aggressiven, mitleidigen oder grausamen. Ich würde einiges darauf wetten, dass dieses Gesichterlesen zum Teil genetisch fundiert ist, schon weil es hilfreich sein kann, wenn es auch nur manchmal passt. Besser einmal zu oft misstrauisch als einmal zu selten.
Es ist aber auch sehr fehleranfällig. Es gibt keine typische „Verbrechervisage“, Gesichter können schwer täuschen, die Kriminalliteratur ist voller Mörder mit Engelsgesichtern.
Außerdem lernen wir zumindest einen Teil unserer Gesichterlesekunst im Lauf unseres Lebens. Viele suchen lebenslang nach den Zügen ihrer ersten Liebe. Umgekehrt prägen wir uns unwillkürlich Merkmale von Übeltätern ein. Auch kollektiv. Wer alt genug ist, hat eine ganze Kartei archetypischer Verbrecher im Kopf. Der Amokläufer Dostal. Der Frauenmörder Unterweger. Der Bombenleger Fuchs. Die Todesschwester Waltraud. Die Witwe Blauensteiner. Der Entführer Priklopil. Usw. Usf. Ihre Gesichter haben wir viele Monate lang fast täglich gesehen. Dann nicht mehr. Vor allem wer zur Prosopagnosie neigt, sich mit dem Erkennen von Gesichtern schwer tut, hat sie gespeichert, aber von Jahr zu Jahr verschwommener.
Und wer garantiert Ihnen, Leserin, dass Sie nicht eine typische Falte mit der Witwe B. teilen? Ihnen, Leser, dass Ihr Lächeln nicht flüchtig an das des Frauenmörders U. erinnert? Mir, dass ich nicht in manchen Momenten dreinsehe wie der Entführer P.?
Genug vom Bösen. Man kann aus Gesichtern auch Neutrales, ja: Gutes lesen. Dazu fällt mir ein, wie mein Kollege Gerhard Hofer und ich beim ehemaligen „Presse“-Chefredakteur Otto Schulmeister, damals schon emeritiert, aber immer noch eine Respektsperson, auf ein Wiener Schnitzel geladen waren. Nervös wie die Schulbuben standen wir da, mit den Apéritif-Getränken, die der große Altvordere uns in die klammen Hände gedrückt hatte.
Nachdem er uns aufgefordert hatte, nicht so zaghaft beim Trinken zu sein, musterte er uns. Zuerst den Hofer, der aus dem Weinviertel stammt und seine menschliche Breite auch im Antlitz zeigt. „Sie haben ein schönes Gesicht!“, lobte Schulmeister: „ein schönes österreichisches Gesicht! Kein Duodezgesicht, wie man es heute massenhaft am Graben sieht!“ Dann wandte er sich mir zu, und seine Miene wurde düsterer. „Sie hingegen“, sagte er bedächtig: „Sie sehen aus wie ein Presse-Redakteur.“
Lange habe ich mit dieser Charakterisierung gehadert. Heute denke ich mir: Man kann es schlechter treffen.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2008)