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Depression: Die Flucht vor der Diagnose

(c) imago/Science Photo Library (imago stock&people)
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Georg Psota, Chefarzt des Psychosozialen Dienstes, über die Verdrängung psychischer Krankheiten, die ersten Warnzeichen einer depressiven Erkrankung und was man tun kann, um das Risiko zu minimieren.

Die Presse: Am Freitag ist Internationaler Tag der seelischen Gesundheit. Braucht es diesen Tag?

Georg Psota: Der Kulturphilosoph Byung-Chul Han hat geschrieben, dass jedes Zeitalter seine Leitkrankheiten hat. Das bakterielle Zeitalter ist spätestens mit der Erfindung der Antibiotika zu Ende gegangen und trotz Angst vor globaler Pandemie leben wir nicht im viralen Zeitalter. Das 21.Jahrhundert ist nicht bakteriell oder viral, sondern neuronal bestimmt. Der Titel seines Buches „Die Müdigkeitsgesellschaft“ ist nicht schlecht getroffen. Wobei man dazu sagen muss, dass das nur die Industrienationen betrifft.

 Gibt es mehr psychische Erkrankungen als früher? Oder werden sie einfach besser diagnostiziert?

Wenn einem die Diagnosequalität von vor 40 Jahren fehlt, ist das eigentlich nicht seriös. Aber wenn man sich umschaut, gibt es kaum jemanden, der in seinem engeren Kreis nicht jemanden hat, der zumindest einmal depressiv war oder ist oder eine andere psychische Krankheit hat.

 Es wird aber auch mehr darüber geredet als früher.

Das stimmt. Früher hat man es noch mehr versteckt, noch mehr verdrängt. Zum Teil waren auch die Behandlungsoptionen nicht so toll. Und psychische Krankheiten sind ja sehr angst- und schambesetzt gewesen.

(c) Michaela Bruckberger

 Kann man sagen, dass solche psychischen Krankheiten ein Wohlstandsphänomen sind?

Man kann das schon auch so formulieren, das gilt aber etwa auch für Diabetes und viele Stoffwechselerkrankungen. Wobei, die Depression ist beschrieben seit den alten Griechen.

Burnout ist dagegen ein Phänomen unserer Zeit.

Burnout ist keine Erkrankung, es ist eine Zusatzformulierung, ein Zustandsbild. Es ist fraglich, ob es ein operationalisierbares Syndrom ist. Faktum ist aber, wenn alles immer mehr, immer schneller, überall und jederzeit sein muss, tut das Menschen psychisch nicht gut.

Bei Burnout kann man ja einen Grund festmachen. Aber es gibt ja auch die Grundlosdepression.

Die gibt es. Und das gar nicht selten. Die depressive Episode kann mit einem Anlass beginnen oder einfach beginnen, weil sie beginnt.

Vielleicht ist sie ja deshalb auch so stigmatisiert, weil man oft nicht weiß, was dahintersteckt?

Da haben Sie recht. Wobei es Krankheiten an sich haben, dass es nicht immer nachvollziehbar ist. Bei Stoffwechselerkrankungen ist es schon schwierig, da gibt es genetische Dispositionen, und es ist auf einmal da. Bei vielen Tumorerkrankungen wird es überhaupt schwierig.

 Viele Krankheiten lassen sich ja recht leicht nachweisen. Gibt es bei der Depression auch so etwas wie einen Selbsttest?

Es gibt Selbsttests bei Depression, die nicht alle schlecht sind, aber ich empfehle sie nicht. Besser ist, mit jemandem zu reden. Das kann ruhig einmal der Hausarzt sein oder jemand im Freundeskreis.

 Oft verleugnet man ja die Krankheit vor sich selbst.

Meist mündet es in Freeze, Fight, Flight. Also Erstarren, Kämpfen – das kann auch sehr konstruktiv sein –, und dann gibt es die Flucht in die Verdrängung. Da gibt es etwa die männliche Depression, die eher durch Missmut abgewehrt werden soll. Granteln ist da noch eine nette Umschreibung.

Bei einer Verkühlung beginnt es oft mit einem Halskratzen. Wie erkennt man eine Depression schon im Vorfeld?

Das ist ein Stück weit individuell. Aber etwa, wenn man mehrere Tage hintereinander ab vier Uhr früh schlaflos im Bett liegt, verschwitzt und mit dem Gefühl, keine Erholung gehabt zu haben. Das ist eigentlich schon der Beginn, gar kein Frühwarnzeichen. Aber das wird oft auch noch übertaucht.

Und ab wann spricht man dann von einer Depression?

Man muss 14 Tage ein Stimmungstief, ein Interessentief, Freudlosigkeit haben. Auf der anderen Seite stehen Angst, Entscheidungsschwäche, Suizidgedanken, Selbstverletzungen. Dann auch körperliche Symptome, trockener Mund, Verstopfung, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Libidoverlust etc. Von dieser zweiten Kategorie müssen es mindestens drei sein. Und das ganze 14 Tage nonstop.

Kann man sich nicht auch in eine Depression hineinreden?

Das gibt es schon. Aber viel häufiger ist, dass die wahren Depressiven versuchen, das wegzuschieben, bis sie in eine kritische Verfassung kommen. Das Schwierige ist ja, dass der wirklich Depressive immer etwas anderes sucht als das, was es ist. Denn das soll es bitte nicht sein.

 

Zur Behandlung: Experten kritisieren, dass es zu wenig Psychotherapie auf Krankenschein gibt.

Mehr Psychotherapie auf Krankenschein wäre sicher kein Fehler. Man könnte auch über minimale Selbstbehalte diskutieren, weil Psychotherapie von den Betroffenen auch ein Commitment einfordert.

Kann man, wie das bei körperlichen Leiden gepredigt wird, auch Prävention betreiben?

Lassen wir die genetische Dimension weg, dann wäre die beste Prävention eine Welt, die nicht in Rhythmen ununterbrochen die Folgen von Kriegen zu tragen hat. Was da sogar epigenetisch weitergegeben wird, ist ein Wahnsinn. Und es braucht ein hohes Ausmaß an Lebenszufriedenheitsmöglichkeiten in allen Bereichen – man tut etwas, bekommt dafür etwas, und es gibt eine gewisse Sicherheit. Aber den einfachen Trick gibt es nicht, das Gehirn ist sehr komplex.

Und was kann man selbst tun?

Bewegung tut gut. Gesunde Ernährung ist ein Faktor. Wir wissen auch, dass eine naturnahe Umgebung alles andere als schädlich ist. Aber wir leben in einer Welt, die ganz andere Maximen hat. Und in dieser Welt gibt es Gewinner und Verlierer. Wobei: Gelegentlich gibt es auch unter den Gewinnern solche, die psychisch krank werden, das muss man auch dazu sagen.

ZUR PERSON

Georg Psota (geboren 1958) ist Leiter der Psychosozialen Dienste Wien, die ein Netzwerk an ambulanten Einrichtungen für eine sozialpsychiatrische Grundversorgung anbieten.

Kampagne: Der Verein „Ganz normal“ will mit einer Kampagne psychische Krankheiten enttabuisieren, etwa mit Slogans wie „Eine seelische Erkrankung ist so normal wie Grippe. (Nur nicht in 14 Tagen auskuriert)“.

Web:www.ganznormal.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2014)