Warum das Desertec-Projekt scheitern musste

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Der Traum, die Sahara mit Solaranlagen vollzustellen und den grünen Strom nach Europa zu schicken, ist vorerst ausgeträumt.

Wien. Vor fünf Jahren waren sich alle einig: In der Sahara Solarstrom zu ernten, um ihn nach Europa zu exportieren, klingt zwar irgendwie größenwahnsinnig, aber auch faszinierend und revolutionär. Und als sich dann Weltfirmen wie Siemens, die Energieversorger E.On und RWE oder die Deutsche Bank zusammenfanden, um unter dem Namen Desertec Industrial Initiative Solarthermiekraftwerke in Nordafrika zu bauen, schien „die neue Mondlandung“ in greifbarer Nähe. „Das ist mehr als ein Marketing-Gag“, sagte Bernd Utz, Siemens-Desertec-Leiter, damals zur „Presse“. Es war ein Traum potenter Großkonzerne. Und er war schnell ausgeträumt.

Schon Ende 2014 droht Desertec die Abwicklung, weil sich die beteiligten Unternehmen nicht einig werden, wie die Zukunft des Projekts aussehen soll. Rund zwei Millionen Euro fehlen, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Und offenbar will diesen vergleichsweise bescheidenen Betrag keiner der Partner schultern. Denn es handelt sich längst um die Nachbeben, eingestürzt ist Desertec schon im Vorjahr, als der Elektronikkonzern Siemens nach Verlusten von über einer Milliarde Euro seine Solarsparte abgestoßen und sich damit auch vom Wüstenstromprojekt verabschiedet hat. Konzerne wie Bilfinger Berger, Bosch oder E.On zogen ebenfalls die Reißleine. Sie hatten erkannt, was die verbliebenen Konsortialpartner erst heute realisieren: So einleuchtend die Idee klingt, Solaranlagen in sonnigen Wüsten aufzustellen statt im schattigen Norden, rechnen kann sich Desertec heute trotzdem noch nicht.

Teurer Sonnenstrom in der Wüste

Denn Sonnenstrom aus der Wüste ist teuer, teurer vor allem als die Alternativen. Der Schiefergasboom in den USA hat die Preise für Erdgas deutlich gedrückt. Strom gibt es – dank der hoch subventionierten Energiewende – an Europas Börsen mitunter sogar geschenkt. Und dennoch hielten die Desertec-Planer bis zuletzt eisern an ihrer Prognose fest, dass der Gaspreis bis 2030 um 60Prozent steigen werde. Erst dann würde das Projekt wirklich rentabel. Derartige Preissprünge sind – trotz aller Konflikte mit Russland, Europas Gaslieferanten Nummer eins – nicht in Sicht.

Wie kostspielig die Stromproduktion in der Wüste noch ist, zeigt ein Blick nach Marokko. Das Land verfügt weder über Öl oder Gas noch über Kohle. 95Prozent des Energiebedarfs müssen über Importe gedeckt werden. Daher hat König Mohammed IV. angekündigt, bis 2020 Solarkraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 2000 Megawatt bauen zu lassen. Die erste Anlage am Südrand des Atlas ist mittlerweile im Entstehen. 80Prozent der Kosten tragen die Weltbank und andere Entwicklungsbanken, was den Strompreis um die Hälfte drückt. Mit Kosten von 15,5 Cent je Kilowattstunde können die königlichen Solaranlagen dennoch nicht mit dem Durchschnittspreis im Land konkurrieren.

Region ist deutlich unsicherer geworden

Auch die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre spielen den Machern von Desertec nicht unbedingt in die Hände. In Tunesien, Libyen und Ägypten stellten Revolutionen das Machtgefüge auf den Kopf. Dazu kommen Konflikte mit dem IS in der Region.

Welchen Vorteil bringe diese Art der Energiewende für Europa, wenn sich der Kontinent erst wieder von denselben instabilen Öllieferländern abhängig macht, monieren Kritiker. Da hilft es auch wenig, dass viele Probleme, wie etwa die notwendigen Hochspannungsleitungen unter dem Meeresspiegel nach Europa, technisch kein Problem mehr sind. Solange die politische Stabilität in den Erzeugerländern fehlt, wird es in Europa niemanden geben, der bereit ist, jene langfristigen Lieferverträge zu unterzeichnen, die eine derartige Investition erst rechtfertigen.

Es kann gut sein, dass die sonnenreiche Sahara auch Europa dereinst Energie bringen wird. Das Versprechen von Desertec, schon 2050 ein Sechstel des in Europa verbrauchten Stroms aus Afrikas Wüste zu liefern, ist aber nicht mehr als eine Fata Morgana.

AUF EINEN BLICK

www.diepresse.com/energie

Desertec galt als eines der ehrgeizigsten Projekte der Energiewende überhaupt. Um 400 Milliarden Euro wollten namhafte Unternehmen hunderte Ökostromkraftwerke in Nordafrika bauen, um die Region zu versorgen und 15Prozent des europäischen Verbrauchs abzudecken. Im Vorjahr stiegen Konzerne wie Siemens aus dem Projekt aus. Ende 2014 droht Desertec das endgültige Aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2014)

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