Blockbuster-Regisseur Joss Whedon hat einen Schnellschuss mit "Viel Lärm um nichts" gewagt - und gewonnen. Diese kühl servierte Komödie steckt voll tückischem Esprit.
Hollywood-Regisseur Joss Whedon, dessen Mystery-Serien im Fernsehen längst eine Marke sind, hatte im Kino 2012 mit dem 220 Millionen Dollar teuren Projekt „Marvel's The Avengers“ Riesenerfolg. Die Verfilmung des Comic-Epos spielte bisher 1,5 Milliarden Dollar ein – Platz drei im Allzeit-Ranking. Seine nebenbei gedrehte Interpretation von William Shakespeares Komödie „Viel Lärm um nichts“ zeigt, dass er auch beträchtliches Talent für hochwertige Literatur-Adaptionen hat. Whedons 109 Minuten langer Schwarz-Weiß-Film wurde in zwölf Tagen in seinem Haus in Santa Monica gedreht. Die Einbettung barocker Sprache in ein modernes Set, begleitet von jazziger Musik, erweist sich als reizvoll – ein Volltreffer, mit glänzenden Schauspielern.
Die zwei hellsten Stars unter ihnen kennt man aus Whedons Serie „Angel“: Amy Acker spielt in „Much Ado About Nothing“ die schlagfertige Männer-Verachterin Beatrice, die nach kühnsten Wortgefechten dennoch in den Armen des nicht minder geistreichen Benedikt landet (Alexis Denisof). Es knistert von Anfang an zwischen den beiden, selbst in stärkster Coolness bieten Acker und Denisof pure Erotik. Die alte Frage, ob hier eine alte Liebe neu entflammt, wie das Shakespeare seine Heldin andeuten lässt, wird eingangs anschaulich beantwortet, mit einer flüchtigen Reprise von Leidenschaft.
Noch weit mehr solcher TV-Helden vergnügen sich hier mit Weltliteratur. Das taten sie schon früher öfters bei Shakespeare-Lesungen in Whedons Villa, die als Auflockerung vom Serien-Stress gedacht waren. Diesmal aber wurde die Übung aufgenommen, meist bei natürlichem Licht. Der Text ist das leicht gekürzte Original der Komödie und kontrastiert mit einem Erscheinungsbild unserer Tage. Das stört überhaupt nicht.
Sehnsucht, Sex und verlorene Ehre
In „Viel Lärm um nichts“ finden sich nach einigen Intrigen und Ausweichmanövern ein abgeklärtes und ein unschuldiges Paar, angeblich mit Happy Ending. Davor geht es um Liebe und Betrug, um Sehnsucht, Sex und verlorene Ehre. Das ist bis heute ein wichtiges Gesprächsthema geblieben, der Stoff ist höchst postmodern. Man sieht eine Party mit viel Alkohol, Tratsch in der Küche, Chillen am Pool – die Frauen in tollen Cocktailkleidern, die Männer in schicken Business-Anzügen. Manchmal zücken die Herren zur Verdeutlichung ihrer Wünsche eine Pistole statt blanken Stahls. Man traut ihnen leicht auch den Gebrauch der Waffen zu, kennt man sie doch aus brutalen Serien wie „Buffy“, „Firefly“ oder „Dollhouse“: Nathan Fillion spielt hier den Cop Dogberry – es ist abenteuerlich, wie er ausdruckslos das Englische missbraucht, assistiert von Tom Lenk. Reed Diamond gibt den noblen Don Pedro, Fran Kranz den edlen Claudio, Sean Maher den bitterböse brütenden Don Juan. Sie alle sind bei Leonato (Clark Gregg) zusammengekommen, dem Gouverneur von Messina.
Bei Shakespeare hat Don Pedro seinen verräterischen Bruder Juan im Feld besiegt, hier lässt er ihn von Securitys samt der eiskalten Geliebten aus der Limousine zerren, sie sind an den Handgelenken mit Plastikbändern gefesselt. Aber das Politische spielt kaum eine Rolle, es wird gebalzt und geworben. Don Pedros schwer verliebter Kampfgefährte Claudio soll Hero bekommen, die Tochter des Gouverneurs (erfrischend schön ist Jillian Morgese). Nur ein gemeiner Trick der Bösen kann das kurze Zeit verhindern. Die Gesellschaft aber macht sich vor allem einen Spaß daraus, Beatrice und Benedikt zu verbandeln. Selten gelingen jene Szenen, in denen angeblich Belauschte mit den Lauschern spielen, so ungezwungen natürlich wie hier. Acker und Denisof entwickeln komödiantisches Können, das man aus Hollywoods goldener Zeit kennt, ihre Wortgefechte sind rasant, treffsicher und gemein.
Unschuld wird fast in den Tod getrieben
Bei so viel Realismus in der Anbahnung einer modernen Beziehung vergisst man fast das Absurde der anderen Liebesgeschichte: ein Werbender, der sich so leicht täuschen lässt, um an die Untreue der Verlobten zu glauben? Der sie geradezu in den – scheinbaren – Tod treibt, um dann ebenso leichtfertig die verhüllte Hero als deren angeblich gleich aussehende Verwandte zur Frau zu nehmen? Oh, doch, das ist noch denkbar heute, in pathologischen Patriarchaten. Claudio, Leonato, die ganze Clique ist einem seltsamen Ehrbegriff verfallen – man will nur die makellose Jungfrau akzeptieren und lässt sich blenden.
Die Mienen der Skeptiker drücken am besten aus, dass dieses Lustspiel mit Leichtigkeit auch hätte schiefgehen können. Quillt da nicht eine Träne bei Beatrice? Und warum wendet sich Benedikt mit finsterem Blick von der Gesellschaft ab? Sie sind die Einzigen, die das soziale Geflecht rasch durchblicken. Nur bei ihrer eigenen Partnerschaft brauchen sie eben etwas länger, bis es wirklich ernst wird. Dann aber...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2014)