OMV droht Spielball der Politik zu werden

The logo of Austrian oil and gas company OMV is pictured behind traffic lights at its headquarters in Vienna
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Leitartikel. Die OMV verliert über Nacht beinahe den gesamten Vorstand. Das ist nicht nur dramatisch für den Konzern. Es gibt auch guten Grund zu fürchten, dass die Politik diese Lücke schnell füllen wird.

So schnell können Imperien fallen. Nur ein paar Wochen nachdem „Die Presse“ bekannt gemacht hat, dass OMV-Chef Gerhard Roiss seinen Vorstandskollegen Hans-Peter Floren entmachten möchte, stehen beide ohne Job da. Sowohl Roiss als auch Floren müssen gehen, hat das Präsidium des OMV-Aufsichtsrats am Mittwoch in einer Vorbesprechung der nächsten Aufsichtsratssitzung entschieden. So sehr die Ablöse des bekennenden Cholerikers Roiss aus atmosphärischer Sicht gut und richtig für den Konzern sein mag, realpolitisch ist ein Köpferollen in dieser Form problematisch. Denn nur wenige Tage vorher verabschiedete sich schon der holländische Explorationsvorstand (und Roiss-Vertraute) Jaap Huijskes vorzeitig aus dem Unternehmen. Spätestens Mitte 2016 will er seinen Hut nehmen. Aus persönlichen Gründen, versteht sich. Tatsächlich wurde ihm wohl signalisiert, dass es mit dem versprochenen Chefposten doch nichts würde.

Damit verliert Österreichs größter Konzern nach dem bevorstehenden Kahlschlag des Aufsichtsrats quasi über Nacht die Hälfte seiner Chefetage. Vor allem die Frage, warum auch der deutsche Gasvorstand Hans-Peter Floren gehen musste, bleibt offen. Nur, damit es keinen Sieger gibt? So wie streitende Geschwister pauschal Hausarrest bekommen? Das mag bei Achtjährigen ein probates Mittel sein. In einem Multimillionen-Euro-Konzern ist es das nicht.

Denn wenn die OMV eines derzeit wirklich nicht gebrauchen kann, dann ist es Unruhe. Seit Mitte des Sommers der Machtkampf bekannt wurde, schmierte die Aktie an den Börsen um ein Viertel ab. Auch wenn Unternehmen in der Größe einer OMV operativ ohnedies von der zweiten Ebene geführt werden, bleibt die Verunsicherung der Investoren und Mitarbeiter nach derart turbulenten Phasen naturgemäß groß. Dabei weiß der Konzern genau, wie sensibel Anleger auf Unsicherheit reagieren. Man erinnere sich nur, wie behutsam der Konzern die Übergabe vom früheren OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer auf Roiss inszeniert hat: Zwei Jahre im Voraus wurde die Öffentlichkeit informiert. Teuer wird der Abschied ohnedies. Schließlich hat der OMV-Aufsichtsrat den Vertrag von Gerhard Roiss erst vor einem Jahr um weitere drei Jahre verlängert.

Weit gefährlicher als das neue Machtvakuum in der OMV ist jedoch, wie es gefüllt werden könnte. Während Kritiker Roiss' polternde Art schon im Vorfeld als Risiko genannt hatten, konnte er auf der Habenseite lange für sich verbuchen, ein „politischer Nullgruppler“ zu sein (soweit das an der Spitze des teilstaatlichen Energiekonzerns geht). Nur die Oberösterreich-Connection mit Reinhold Mitterlehner und Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl (beide ÖVP) rückte ihn in die schwarze Reichshälfte. Wirklich verankert in einer Partei war er nie.
Darum scheute er sich im Frühjahr auch nicht, sich angesichts einer neuerlichen Belastungswelle für Unternehmen lautstark mit der Regierung anzulegen. Er tat das im guten Glauben, fest im Sattel zu sitzen. Schließlich war seine Bilanz durchwachsen, aber nicht schlecht (siehe Artikel rechts). Viele Niederlagen, die er einstecken musste, wie das Aus der Nabucco-Pipeline, verdankt er seinen Vorgängern. Es ist letztlich wohl die Mischung aus magerem Erfolg und vergiftetem Unternehmensklima, die den Manager seinen Job kosten wird. Geholfen hat ihm seine relative Distanz zur heimischen Politik aber sicher auch nicht.

Bleibt zu fürchten, dass diese genau weiß, wie die neu geschaffene Lücke im OMV-Vorstand rasch zu füllen wäre – und aus der OMV wieder wird, was sie nie mehr sein sollte: ein Spielball der Politik. Das Unternehmen galt nicht zufällig lange Jahre als politische „Kaderschmiede“ und Auffangbecken für SPÖ und zuletzt auch ÖVP. Dahin darf sich das Unternehmen nicht mehr entwickeln.
Der Konzern braucht jetzt vor allem eines: Ruhe. Es könnte nun die Stunde des Finanzvorstands David Davies sein. Dem besonnenen Briten wird als Einzigem im heutigen Führungskreis Roiss' Nachfolge wirklich zugetraut. Schließlich ist nicht zuletzt er dafür verantwortlich, dass der Konzern wirtschaftlich passabel dasteht. Und er hat schnell gelernt, wo man sich am besten aufhält, wenn in Österreich an Stühlen gesägt wird. David Davies weilt zurzeit auf Urlaub.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2014)