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Nobelpreis: Ein Schriftsteller, der uns die Schatten zeigt

FRANCE NOBEL LITERATURE PRIZE
Patrick ModianoAPA/EPA/IAN LANGSDON
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In Frankreich ist er ein alter Fixstern, Handke übersetzte und empfahl ihn seit Langem: Nun hat Patrick Modiano den Nobelpreis für Literatur erhalten. Sein jüngster Roman erscheint in den nächsten Tagen auf Deutsch.

Genau vor einer Woche hat Patrick Modiano in Frankreich wieder einen Roman veröffentlicht, im Umfang eher ein Romänchen: In „Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier“ („Damit du dich im Viertel nicht verlierst“) geht es um das Adressbuch eines Autors, das ein Mann findet, der darin einen Namen wiedererkennt, er kontaktiert den Autor, will dem Mann jenes Namens auf die Spur kommen ...

Mit Inhaltsangaben kommt man beim gestern gekürten Literaturnobelpreisträger nicht weit. Die Sätze sind schlicht, klar und „elegant“ – ein Wort, das fast unweigerlich fällt, wenn von der Romanprosa dieses Autors die Rede ist und erwartungsgemäß auch vom Sekretär der Schwedischen Akademie, Peter Englund, nach der Preisverkündigung zur Charakterisierung verwendet wurde. Aber das Geschehen oder besser gesagt das Geschehene bleibt elliptisch, unscharf, immer nur halb zu fassen, auch wenn es in genaueste geografische Koordinaten eingepasst wird: Pariser Straßennamen, Metrostationen, Lokale ...

Man kann sich dran anhalten und die Orte mit Modianos Büchern in der Hand abklappern, gewonnen wäre damit aber nichts. Genauso halten sich die Figuren beziehungsweise der bei Modiano so wichtige, meist nur beobachtende Erzähler (ein bisschen Detektiv, ein bisschen Archäologe) an kleinsten Details fest, wenn sie, was sie immer tun, nach ihrer Identität suchen oder der anderer, wenn sie versuchen, Vergangenes zu verstehen. Sie verlieren (sich) doch immer.

28 Romane bis jetzt

Modiano, so wurde oft geschrieben, schreibe immer denselben Roman. 28 sind es jetzt, und der neue, der nicht zu seinen besten zählt, wäre unter normalen Umständen wohl auch in Frankreich wie gewohnt aufgenommen worden: erfreut, unaufgeregt, vielleicht mit einer gewissen Ermüdung angesichts des stets Ähnlichen. 1978 schon hat Modiano für sein Gesamtwerk den Prix Goncourt bekommen, damals zählte der Mittdreißiger bereits zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Frankreichs.

Reich werden wollte Modiano in seiner Jugend, wie sein Vater, ein italienisch-jüdischer Händler, der sich in der Besatzungszeit durchschlug und auf dem Schwarzmarkt sogar viel Geld machte; reich, aber durch Schreiben. Spätestens jetzt ist ihm das auch gelungen – im Alter von 69 Jahren. Seit seinem ersten, mit 23 Jahren veröffentlichten Roman über einen jüdischen Antisemiten in der Besatzungszeit hat Modiano fast jedes Jahr einen neuen Roman veröffentlicht.

 

Die Eltern in der Besatzungszeit

„Die Kunst der Erinnerung“, mit der Modiano „die unfassbarsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt der Besatzungszeit vor Augen geführt hat“, hob die Schwedische Akademie in ihrer Begründung hervor. In der französischen Besatzungszeit lernten sich die Eltern des Schriftstellers kennen. Der im letzten Kriegsjahr geborene Patrick wuchs in chaotischen Familienverhältnissen auf und vorwiegend in Internaten. Der Vater war ganz abwesend, die Mutter – eine an Kinderbetreuung nicht interessierte flämische Schauspielerin – fast. Sein geliebter Bruder starb mit zehn.

Auch auf die frühen Sechzigerjahre, die Jugendjahre des Autors, ist Modianos Romanwerk fixiert. Aber nicht die zeitliche oder räumliche Verortung macht seine meist kurzen Romane unverkennbar, sondern die nebelhafte Atmosphäre, der Umgang mit der Wirklichkeit. „Ich kann nicht die Realität des Geschehenen wiedergeben, ich kann nur den Schatten zeigen“, lautet das Motto seines neuen Romans, ein anderes Romanmotto spricht von der „düsteren Melancholie“, die die Protagonisten „auf halbem Weg zum wahren Leben“ umgibt. Die abgebildete Wirklichkeit ist „doppelbelichtet“, wie Modiano selbst einmal sagte; und die Gedächtnislücken verglich er mit dem „Verschimmeln“ von Zelluloid, das durch die fehlenden Bilder auf den Filmstreifen „Zeitsprünge“ hervorrufe.

 

Von Handke übersetzt: „Eine Jugend“

Peter Handke gehörte zu den wenigen Nichtfranzosen, die sich schon vor Jahrzehnten für Modiano begeisterten. Dessen Bekanntheit im deutschsprachigen Raum verdankt sich maßgeblich ihm. Handke empfahl ihn dem Suhrkamp Verlag, übersetzte für diesen Ende der Achtzigerjahre auch einen Modiano-Roman („Eine Jugend“). Später wanderte Modiano in die Obhut des Hanser Verlags, der bisher neun seiner Romane auf Deutsch herausgebracht hat – neue sowie seinen Erstling, „Place de L'Etoile“ von 1968. Einen dieser Romane, „La Petite Bijou“, hat ebenfalls Peter Handke übersetzt. Die Übersetzung des neuen Buchs wird der Verlag in den nächsten Tagen ausliefern.

Wenige Tage ist es her, da nannte ein Journalist in der Zeitung „Le Monde“ den Schriftsteller in einem Atemzug mit J.M.G. Le Clézio. Die beiden seien eine Art antagonistisches Paar, das sich die Welt aufteile: Dem einen gehöre das Meer, die Sonne, das Himmelsblau; dem zweiten der Nebel, die Dämmerung, die bleiche Morgenfrühe ... – Als der Schriftsteller Le Clézio vor sechs Jahren den Literaturnobelpreis erhielt, reagierte die Welt gehörig verwundert. Jetzt ist wieder ein Franzose dran, der fünfzehnte in der Geschichte dieses Preises. Bei all den Autoren, die in den vergangenen Wochen wieder als Kandidaten genannt wurden, werden wohl viele – bei aller Liebe zu Modianos Büchern – ähnlich reagieren wie der Autor selbst, als er von seiner Kür erfuhr: „Das ist bizarr.“

ZUR PERSON

Patrick Modiano wurde 1945 in Boulogne-Billancourt bei Paris als Sohn eines italienisch-jüdischen Kaufmanns und einer flämischen Schauspielerin geboren. Der Schriftsteller Raymond Queneau, ein Freund seiner Mutter, gab ihm Geometrieunterricht – und führte ihn in die Welt der Literatur ein. [ EPA ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2014)