Georges Prêtre und die Philharmoniker hielten widrigsten Umständen zum Trotz Hörermassen bei Laune.
Strömender Regen. Die Sommernachtskonzerte, die von den Wiener Philharmonikern seit einigen Jahren jeweils im Juni im Schlosspark von Schönbrunn veranstaltet werden, sind vom Wettergott offenbar nicht geliebt. Man kann mittlerweile beinah sicher sein, dass es – wie heuer – auch in hartnäckig scheinenden Schönwetterperioden just am Abend jenes Konzerts, das vom Meisterorchester seinem Publikum zum Auftakt der Festspielsaison zum Geschenk gemacht wird, zu regnen beginnt. Was nachmittags wie ein Gewitter aussehen mochte, das sich rechtzeitig verziehen könnte, entpuppte sich als hartnäckiger Dauerregen. Der hielt 60.000 Musikfreunde nicht davon ab, sich in sicherheitshalber verteilten Regen-Häute gehüllt, vor dem Orchesterpavillon zu platzieren oder unter Schirmen im Park zu verweilen. Doch schien die Stimmung der trotzig zur Schau getragenen Hörlust zunächst doch merklich gedämpft – was sich ein wenig auch im Spiel des Orchesters abzuzeichnen schien. Es klang unter der Leitung von Georges Prêtre nicht ganz so animiert wie etwa im diesjährigen Neujahrskonzert, für dessen CD-Aufnahme der gerührte Dirigent während der Probenarbeiten zum Sommerkonzert von seiner Plattenfirma „Doppelplatin“ verliehen bekommen hatte, ein Auszeichnung, die er mit seinem unverwechselbar strahlenden Lächeln quittierte.
Den Auftakt zum „Rosenkavalier“ – die Orchestersuite aus der Richard-Strauss-Oper folgte im Schönbrunner Park auf den einleitenden „Wiener Blut“-Walzer – gab Prêtre eher mit verhaltener Geste. Was in Konzertsälen hinreißenden Effekt macht, wenn ein Orchester kollektiv den Atem anhält, um eine Phrase wirklich bis zur Neige auszukosten, ehe der nächste Akkord, der nächstfolgende Melodieton „zugelassen“ werden, das erweckt unter freiem Himmel, ohne dass die Klänge den Hörer unmittelbar umfangen können, das Gefühl von Leerläufen, Stillständen gar.
Gondellied im Regen
Doch Prêtre ist ein Mann voll der Energie und des nie versiegenden Elans. Wie er auf seinen ureigensten Interpretations-Vorstellungen beharrt, sie im Notfall sogar mit immer unausweichlicher werdendem Nachdruck durchsetzt, so zieht er letztlich auch unter widrigsten Umständen Orchester und Publikum in seinen Bann. Die Meisterleistung der Philharmoniker, selbst bei Regen den schönstmöglichen Klang zu produzieren, die nie versiegende Lust Prêtres, alle Anfechtungen durch die unwillige Natur zum Trotz artifiziellste Kunst zu erzwingen, all das ließ die wackere Hörerschar unentwegt auf die von Orchestervorstand Clemens Hellsberg avisierten Zugaben warten. Wie man zuvor bei Chabrier spanische Sommernächte musikalisch erahnen mochte, mit Offenbach venezianische Lagunenstimmung wahrzunehmen meinte, wie sich bei den Eruptionen von Ravels Dreivierteltakt-Pandämonium „La Valse“ die Gestaltungskunst sogar beinah bis zum Siedepunkt zu erhitzen schien, während in Wahrheit Wiener Wetterkapriolen ihr Unwesen trieben, so schien beim Zwischenspiel aus „Capriccio“ zuletzt der Mond doch zumindest musikalisch in mildem As-Dur-Licht.
Und das Orchester verwies mit diesem Stücklein klingender Poesie nicht nur auf die kommende Staatsopern-Premiere dieser allerletzten Oper von Richard Strauss, sondern – wie Hellsberg anmerkte – auf die Erstbegegnung der Philharmoniker mit Georges Prêtre, den Herbert von Karajan 1962 just für „Capriccio“ engagiert hatte; und der kapriziös, aber ebenso charmant wie eh und je geblieben ist, selbst wenn es rundum Unbilden aller Art zu begegnen gilt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2008)