Waldspaziergänge und lautes Lesen gegen die Kurzsichtigkeit

80 Prozent der sechzehnjährigen Japaner leiden an Sehschwäche – sie sehen zu viel auf Bildschirme, die nur für Hamster geschaffen scheinen.

Zuerst dachte ich an diesem Freitag, ich sehe nicht recht, als ich eine betrübliche Schlagzeile las: „Die digitale Sehschwäche“. Aber weil ich meiner seriösen „Kleinen Zeitung“ fast blind vertraue und sich eine Kollegin dort auf steirische Ärzte tadelloser Reputation beruft, muss es wohl stimmen. Das omnipräsente Smartphone trübt bei immer mehr Jugendlichen den scharfen Blick in die Ferne: „Die Kurzsichtigkeit nimmt zu.“ Blickt man nach Japan, wird es künftig sogar viel schlimmer für unsere Teenager. Dort sind bereits 80 Prozent der Sechzehnjährigen derart behindert.

Offenbar betreiben die Kids zu viel „Social Media“ auf Bildschirmen, die für Hamster geschaffen scheinen. Dieses Laster nimmt auch bei uns zu, in öffentlichen Verkehrsmitteln kann man es verfolgen. Sogar immer mehr Autofahrer blicken selbst im dichtesten innerstädtischen Verkehr blöd auf ihre Handys. Das ist an sich nicht gesund, aber neben der geistigen droht die wirkliche Kurzsichtigkeit.

Als Ombudsmann für angewandte Hypochondrie in der Paranoia-Abteilung des Gegengiftes bin ich alarmiert. Längst weiß ich von meinem Optiker, dass meine angeborene leichte Myopie samt Astigmatismus nicht durch die Presbyopie ausgeglichen wird. Altersweitsicht schützt nicht vor Kurzsichtigkeit. Was tut also einer dagegen, der aus beruflichen Gründen sehr viele Stunden vor dem Monitor im Büro verbringt, mit dem Mobiltelefon in der U-Bahn nachbessert, um dann den Abend mit Tablet, Laptop, Fernseher und Buch abzuschließen?

Die steirischen Experten raten zu Aktivitäten im Freien. Ja, jetzt im Herbst wären tatsächlich Waldspaziergänge zu empfehlen, bei denen man den Blick in die Ferne schweifen lässt oder auf das Moos in mittlerer Entfernung fokussiert, ob dort nicht ein paar vergessene Schwammerln zu finden wären. Aber weil ich die nächsten Stunden noch bei der Arbeit verbringen werde, entschließe ich mich zu einer Sofortmaßnahme: ran ans Fenster, Wolken beobachten, Flugzeuge, Saatkrähen, während ich höre, wie im Hintergrund das „Mittagsjournal“ aufgeregt in entfernte Weltgegenden schaut, weit hinten in die Türkei und selbst bis zum neuen Hauptbahnhof.

Das kann jedoch nicht mein gesamtes Programm zur Erholung der Augen sein. Ich beginne mit ihnen wild zu rollen – solche Gymnastik soll angeblich vorteilhaft sein. Noch heute werde ich mir außerdem eine dunkle Sonnenbrille kaufen. Die Romane von Nobelpreisträger Patrick Modiano, die ich bisher sträflich vernachlässigt habe, schaffe ich mir als Hörbuch an. Und außerdem werde ich meiner Frau einen Deal vorschlagen: gegenseitiges Vorlesen von Krimis, das reduziert die Anstrengung auf die Hälfte und kräftigt die Stimme. Vor allem aber nehme ich mir vor, künftig viel öfter den versonnenen Blick in die Ferne zu praktizieren – es wirkt nicht nur souverän, sondern lässt einen auch über viel Ungemach elegant hinwegsehen.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2014)

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