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„Außeruniversitäre Forschung ist erodiert worden“

Klaus Schuch
(c) Die Presse - Clemens Fabry
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In Österreich fehle ein wettbewerbsorientiertes Dach für die außeruniversitäre Forschung. Vorbild könnte die deutsche Leibniz-Gemeinschaft sein, sagt Klaus Schuch, neuer Geschäftsführer des Zentrums für Soziale Innovation (ZSI).

Die Presse: Das ZSI ist bei der Koordinierung von EU-Projekten im Österreich-Vergleich derzeit die fünft erfolgreichste Forschungseinrichtung. Wie gelingt das einer doch recht kleinen Einrichtung?

Schuch: Weil wir ein außeruniversitäres Institut sind, können wir rascher reagieren als viele Universitäten. Dort spezialisiert man sich immer mehr. Die großen Förder- und Ausschreibungsinhalte ändern sich aber zyklisch. Wir sind methodisch sehr stark und damit flexibler: Der Inhalt ist oft leichter anzueignen als das wissenschaftliche Werkzeug.

 

Sie haben kürzlich die Leitung des ZSI übernommen. Welche Ziele verfolgen Sie?

Ich hätte gerne, dass soziale Innovation in fünf Jahren als etwas Selbstverständliches wahrgenommen wird. Das heißt, dass sich die Innovationsforschung nicht nur auf die ökonomische und technische Seite bezieht, sondern die sozialen Wirkungen und Interessen sehr viel stärker berücksichtigt.

 

Wie grenzen Sie sich dabei von anderen Einrichtungen ab?

Wir wollen schon zeigen, dass wir in internationale Projekte stärker integriert sind als viele andere. Aber abgrenzen wollen wir uns gar nicht. Zusammenarbeit ist eine Sache, die in Österreich ohnehin nicht besonders ausgeprägt ist. Ich glaube, man arbeitet europäisch fast besser zusammen als innerhalb Österreichs.

 

Wie könnte eine engere Zusammenarbeit aussehen?

Dazu muss man mit der Wissenschaftspolitik ins Gespräch kommen. Aber nicht in dem Sinn, dass die Universitäten die außeruniversitären Einrichtungen einfach auffressen. Ich denke an eine stärkere Win-win-Orientierung. Die Universitäten könnten von uns etwa noch stärker im Lehrbetrieb profitieren, gleichzeitig könnten wir etwa die Infrastruktur nutzen.

 

Warum ist das noch nicht so?

Ich habe den Eindruck, dass sich die Forschungspolitik in den letzten Jahren sehr stark auf die Universitäten konzentriert hat. Vielleicht machen sie es ja in dem Sinn: Wir schauen uns die größten Probleme zuerst an – erst die Unis, dann die Akademie der Wissenschaften – und möglicherweise überlegen sie sich dann doch, was mit den außerordentlichen Forschungseinrichtungen in Österreich getan werden kann. Ich will mich davon aber nicht abhängig machen.

 

Wie wollen Sie die Zukunftsfähigkeit des ZSI sichern?

Wir müssen schlank bleiben, was unseren Administrationsanteil anlangt, denn wir haben als ZSI keinerlei Grundfinanzierung durch die Republik Österreich. Die außeruniversitäre Forschungslandschaft ist ja seitens des Wissenschaftsministeriums mit wenigen Ausnahmen völlig erodiert worden.

 

Das heißt, Sie wünschen sich von der Politik mehr Geld und mehr Aufmerksamkeit?

Ja, Aufmerksamkeit ist mehr als nur Geld. Das heißt auch, dass man das, was geleistet wird, mehr wertschätzt und nicht bei jedem Zwischenruf eines Uni-Rektors nach mehr Geld gleich die Energien auf die Beantwortung dieses Rufs lenkt. Man soll sehen, dass es Einrichtungen gibt, die ohne Grundfinanzierung auch in der Europa-League mitspielen können.

Was braucht die außeruniversitäre Forschung in Österreich?

Bevor die Wirtschaftskrise zugeschlagen hat, hat man im Wissenschaftsministerium schon überlegt, ob man nicht etwas wie eine Leibniz-Gemeinschaft, wie es sie in Deutschland für den außeruniversitären Bereich gibt, schaffen soll. So ein wettbewerbsorientiertes Dach wäre für Österreich absolut wünschenswert.

 

Wie könnte so eine Einrichtung konkret aussehen?

Ich denke an eine Dachorganisation, die die einzelnen Institute streng evaluiert und auf Basis dieser Profile auch die Finanzierung zu- oder abweist. Wenn wir uns nicht selbst evaluieren lassen würden, würde uns niemand evaluieren. Wir sind zwar gemeinnützig, aber es fließt keine staatliche Grundfinanzierung. Dadurch habe ich den Eindruck, dass man auch nicht als wichtiger Bestandteil der Forschungsökologie des Landes wahrgenommen wird. Und das ist falsch. Denn wir sind in vielen Bereichen wesentlich effizienter als viele andere Einrichtungen.

 

Sie haben ja auch bei der österreichischen F&E-Internationalisierungsstrategie mitgearbeitet. Was bräuchte Österreich, um hier erfolgreicher zu sein?

Österreich ist international relativ erfolgreich im Bereich der Forschung. Wir könnten aber mehr. Das Problem ist, dass wir zwar eine internationale Strategie haben, die letztes Jahr in Alpbach bei den Technologiegesprächen vorgestellt wurde, aber es keine Budgetierung dafür gibt. Und da fragt man sich natürlich schon, ob das das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist.

Was müsste sich ändern?

Man könnte mit relativ wenig Budget schon einiges machen. Wenn wir nicht handlungsfähig sind, um mit internationalen Partnerländern zu kooperieren, bauen diese ihre strategische Allianzen woanders auf. Hier besteht die Gefahr, dass wir etwas verschlafen und uns zu sehr zufrieden geben mit den Erfolgen, die Österreich im Europäischen Forschungsrahmenprogramm hat. Da sind wir gut. Aber die Musik spielt momentan nicht in Europa. Die spielt in den aufstrebenden Märkten, und da wird sehr viel in Forschung und Entwicklung investiert, auch in Großforschungsinfrastruktur.

 

Was fehlt uns in Österreich?

Bis 2009 sind die österreichischen F&E-Ausgaben gewachsen. Man konnte immer wieder Neues dazugeben. So hat sich Österreich in den letzten 15 Jahren zu einem guten Forschungsstandort etabliert. Aber jetzt müsste man etwas wegnehmen, um anderes zu fördern. Und das tut man halt in Österreich nicht. Man nimmt nicht gerne jemandem etwas weg.

Was aus Ihrer Sicht aber notwendig wäre ...

Notwendiger wäre, das Wissenschaftsbudget auszuweiten – im Sinne einer gesellschaftlichen Zukunftsfähigkeit. Aber man müsste schon einmal hinterfragen, wozu wir so viele Universitäten und FH haben. Dänemark kommt mit sechs Universitäten aus, Österreich hat 22 und noch etwa zehn Privatunis und sehr viele FH. Da stellt sich die Frage, ob man durch geschickte Konzentrationsprozesse auch Einsparungen erwirkt, ohne dass die Qualität darunter leidet.

 

Was sollte also passieren?

Ich glaube, dass die Universitäten teilweise freiwillig daran arbeiten. Echte Strukturbereinigung sehe ich nicht. Auch wird in Österreich sehr viel Geld im Bereich Forschung und Entwicklung Richtung Unternehmen kanalisiert. Da sind wir ja mit Frankreich europäischer Spitzenreiter. Und auch da ist für mich die Frage, ob nicht schon ein Optimum erreicht ist. Die großen Einsparungen sind aber so etwas wie der Koralmtunnel. Diese Milliarden zu haben, würde, geschickt eingesetzt, die Probleme in F&E lösen.

ZUR PERSON

Klaus Schuch (51) ist promovierter Sozialwissenschaftler. Er war in Österreich und Bulgarien in der universitären und außeruniversitären Forschung tätig sowie für das Büro für internationale Forschungs- und Technologiekooperation, eine Vorgängereinrichtung der Forschungsförderungsgesellschaft FFG. Seit 2001 ist er am Zentrum für Soziale Innovation (ZSI), wo er mit Oktober von Josef Hochgerner die Geschäftsführung übernommen hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2014)