Europas indirekte Helfer

Gasflamme
Gasflamme(c) www.BilderBox.com
  • Drucken

Die USA, Australien und Ostafrika wollen den globalen Gasmarkt aufmischen. Das kann Europa auch dann zugutekommen, wenn es von diesen Weltgegenden nicht direkt beliefert wird.

Wien. Wer verstehen will, wie die Wahrscheinlichkeit eines künftigen Gasbooms auf der Börse antizipiert wird, muss sich nur den Aktienchart von Cheniere Energy Inc (ISIN: US16411R2085) vergegenwärtigen. Bei 3,4 Euro stand der Kurs Anfang Oktober 2011, bei 20,2 Euro dann Mitte August des Vorjahres. Und nun bei 52 Euro, nachdem er zwischenzeitlich sogar schon auf 66 Euro geklettert war. Die kurstreibende Story dahinter ist relativ einfach: Durch die rapid gesteigerte Gasförderung mittels der umstrittenen Fracking-Methode aus Schiefergestein werden die USA laut Prognose der Statistik im US-Energieministerium (EIA) ab 2021 nicht nur total unabhängig von Gasimporten. Sie mutieren mit ihrem Überangebot, das nebenbei zu einem Preisverfall und zu günstigen Voraussetzungen für eine Reindustrialisierung im Land geführt hat, sogar zum Nettoexporteur von Flüssiggas (LNG). Und das Unternehmen Cheniere ist nun einmal das erste, das 2011 vom Staat eine Exportlizenz erhalten hat.

Das heißt noch nicht, dass schon groß exportiert würde. Aber Cheniere, das an der Börse schon mit über 15 Mrd. Dollar bewertet ist, steht in den Startlöchern und hat bereits einige Schiffe für seine Anlagen im Golf von Mexiko gechartert. Der Export von der Anlage Sabine Pass, die inzwischen von einem ursprünglichen Import- zu einem Ausfuhrterminal umfunktioniert worden ist, startet voraussichtlich im nächsten Jahr.

Europa braucht Geduld

Obwohl Teile der US-Industrie fürchten, dass die USA mit dem Gasexport Standortvorteile aus der Hand gibt (US-Gas war im Vorjahr um zwei Drittel billiger als Gas in Europa), ist die Exporteuphorie groß. Neben Cheniere Energy wollen Unternehmen wie Oregon LPG, Exxon Mobil oder Sempra Energy am Boom partizipieren. Exportlizenzen für 109 Mrd. Kubikmeter wurden verteilt, was dem 14-Fachen des österreichischen Jahresverbrauchs entspricht.

Gewiss: Außer in Sabina Pass, das 24,5 Mrd. Kubikmeter jährlich bereitstellen kann, müssen die Anlagen erst errichtet werden. Und bis die lizenzierte Exportmenge erreicht ist, werde es noch vier Jahre dauern, erklärt Walter Boltz, Vorstand von Energie-Control Austria: Weil vorher in andere Gegenden wie in das stark nachfragende Asien exportiert werde, könne Europa frühestens in drei, vier Jahren mit LNG-Gas aus den USA rechnen.

Russland mit Argusaugen

Mit der Ukraine-Krise freilich ist ein LNG-Zukauf in den USA vermehrt zum Thema geworden, nachdem die USA bisher nur jene Staaten beliefern können, mit denen ein Freihandelsabkommen besteht. Aber selbst wenn die USA Europa nicht direkt beliefern, entlasten sie künftig den globalen Gasmarkt und drücken auf den Preis. In Russland wird das mit Argusaugen beobachtet. Nicht genug nämlich damit, dass die USA als vormaliger Hoffnungsgaskunde für Russland auf immer verloren sind. Und nicht genug damit, dass die USA im Jahr 2012 Russland als weltweit größten Gasförderer überholt haben und mit ihren 681 Mrd. Kubikmetern bereits 19,8 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion abdecken. Ausgehend davon, dass US-Präsident Barack Obama im Mai der EU Lieferungen in Aussicht gestellt hat, befürchtet Moskau, Marktanteile in Europa zu verlieren. Entscheidend sei zu „verhindern, dass Amerika oder andere Anbieter die russische Nische auf Europas Gas- und Ölmarkt einnehmen“, so Alexandr Schochin, Chef des russischen Unternehmerverbandes, zur „Presse“.

Australien und Ostafrika

Auf dem Sektor der Gasexporteure wetteifern die USA künftig vor allem mit Australien um die Pole-Position. Einmal abgesehen davon, dass Kanada derzeit mehr Exportkapazitäten als die USA schafft: Australien, das auf 32,9 Mrd. Kubikmetern an LNG-Exportkapazitäten sitzt, „ist auf dem Weg, bis 2020 Katar als weltweit größten LNG-Exporteur abzulösen“, schreibt die Internationale Energieagentur (IEA). Von den 150 Mrd. Kubikmetern an künftigen LNG-Exportkapazitäten, die derzeit weltweit geschaffen werden, befindet sich mehr als die Hälfte in Australien. 2015 und 2016 gehen einige Anlagen in Australien in Betrieb. Zielmarkt ist auch hier Ostasien. Ob Australien allerdings noch gleich eifrig LNG-Exportkapazitäten weiterbauen wird, wird von der IEA bezweifelt. Es scheine, dass Australien den Gipfel des 2009 begonnenen LNG-Baubooms erreicht habe.

Stattdessen steht der Aufstieg Ostafrikas noch bevor. „Ostafrika kann wegen seiner Wettbewerbsvorteile in der Phase nach 2020 einer der weltweit größten LNG-Exporteure werden“, so die IEA. Ein Preisverfall für LNG steht in jedem Fall bevor, erklärt Boltz: und zwar ab den Jahren 2017/2018.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:

Mehr erfahren

ALGERIA GAS COMPLEX OF TIGUENTOURINE
Österreich

Mehr Gas aus Afrika – das wird noch dauern

Algerien ist Europas drittgrößter Gaslieferant. Wegen fehlender Investitionen kann die Produktion jedoch nicht aufgestockt werden.
Gas pipe is pictured at Gas Connect, Austria´s gas distribution node, in Baumgarten, east of Vienna
Energie

Gasversorgung: Hoffnung auf Norwegen

Das Vertrauen in Russland als größten Gaslieferanten wurde am Wochenende abermals unterminiert. Aber was können Russlands Konkurrenten bieten? Norwegen ist Österreichs zweitgrößter Gaslieferant.

Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.