Land der Tunnel und des Tunnelbaus

Die „Neue österreichische Tunnelbaumethode“ schont das Gebirge und spart dabei Kosten. Damit ist sie bis heute ein weltweiter Exportschlager.

Österreich ist als Land der Berge auch ein Land der Tunnels. Der Aufschwung im Eisenbahnbau in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts bedeutete auch einen Aufschwung für den alpinen Tunnelbau. Aus dieser Tradition heraus entwickelte der Bauingenieur Ladislaus von Rabcewicz eine Methode, die den Tunnelbau revolutionierte und von Österreich aus den Siegeszug um die Welt antrat.

Ursprünglich ging man im Tunnelbau davon aus, dass konstruktive Methoden den Gebirgsdruck auffangen müssen. Von Rabcewicz präsentierte bereits 1962 auf einer Felsmechanik-Tagung in Salzburg eine Methode, die die Eigentragfähigkeit des Gebirges nutzt. Er nannte sie die „Neue österreichische Tunnelbaumethode“, international ist sie heute als „New Austrian Tunnelling Method“ (NATM) bekannt. Getestet hatte er sie an Auto- und Eisenbahntunnels in Venezuela. Die kontinuierlich weiterentwickelte NATM gilt bis heute als Standard für den modernen Tunnelbau.

Gebirge trägt Last mit

„Wir regen das Gebirge zum Mittragen an“, sagt Robert Galler vom Lehrstuhl für Subsurface Engineering der Montanuni Leoben. Dabei berücksichtigt man die unterschiedlichen Verhältnisse im Gebirge. „Zuerst wird gemessen, dann werden die Daten interpretiert, dann folgen die Maßnahmen“, so Galler. Damit lässt sich die Dosis des benötigten Baumaterials genau an die geologischen und gebirgsmechanischen Erfordernisse anpassen. Das schont den Berg und spart Kosten. Die Arbeitsschritte wiederholen sich: Durch Bohren oder Sprengen wird Material ausgebrochen, dann der Tunnel – mit Spritzbeton und bei Bedarf mit Ankern – gesichert. Als Schuttern bezeichnet man den anschließenden Abtransport des Ausbruchmaterials. Auch schwierige Gebirgsverhältnisse lassen sich so mit relativ einfachen Mitteln beherrschen.

Bald wurde die Methode auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern angewandt. In Österreich wurden ab 1965 praktisch alle Verkehrstunnel mit der NATM gebaut. Auch für Teile der englischen Seite des Eurotunnels nutzte man sie. Interesse aus Asien zeigte sich, als mehrere Fachleute, darunter Galler, ein Buch über die NATM herausgaben: „Das wird jetzt auch auf Vietnamesisch übersetzt“, so der Tunnelforscher. (gral)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2014)

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