Die Türkei gibt entgegen Pressemeldungen ihre Luftbasen nicht für US-Angriffe auf die Islamisten in Syrien frei.
Washington. Trotz mehr als 350 Bombardements durch die US-Luftwaffe und Kampfflugzeuge verbündeter Regierungen weiten die Terrormilizen des Islamischen Staates (IS) ihre Kontrolle über Teile des Irak und Syriens aus. Entlang von 160 Kilometern der Autobahn von der jordanischen Grenze nach Bagdad hat der IS Kontrollpunkte eingerichtet, an der Lastwagenfahrer 300 Dollar Maut für einfache Güter wie Reis und mehr als 10.000 Dollar für wertvollere Fracht bezahlen müssen, berichtete das „Wall Street Journal“ am Montag.
Zudem erhöht der IS seinen Druck auf die irakische Regierung: Die Provinz Anbar, die in den Planspielen des Pentagon zum Puffer zwischen dem Kernland des IS und Bagdad werden sollte, fällt nach und nach in die Hände der Islamisten. Faleh al-Essawi, stellvertretender Chef des Regierungsrates von Anbar, warnte am Sonntag, dass 20 von 22 Städten bereits in die Hände des IS gefallen seien. „Es gibt keine andere Option in Anbar, als dass US-Bodentruppen die Provinz retten“, sagte Essawi.
Anbar war 2005 der Schlüssel in der Niederschlagung der al-Qaida im Irak, aus der sich der IS im Lauf der vergangenen zwei Jahre neu formiert hat. Die US-Besatzungstruppen bezahlten lokale Sunnitenführer dafür, den Kampf gegen die Terroristen aufzunehmen. So etwas Ähnliches wünschen sich die Amerikaner nun wieder. Sunniten sollen in Anbar und anderen Regionen des Irak eine Nationalgarde bilden, die aufseiten der inkompetent geführten und an Schlüsselstellen von schiitischen Sektierern befehligten irakischen Armee gegen den IS kämpfen sollen.
Und noch ein US-Anliegen bleibt unerfüllt. Die Türkei stellt – entgegen missverständlichen Pressemeldungen – ihre Luftwaffenstützpunkte nicht für US-Angriffe auf IS-Stellungen in Syrien zur Verfügung. Aus der Entourage von US-Verteidigungsminister Chuck Hagel war am Sonntag das Gerücht gesickert, die in der Südtürkei liegende Basis Incirlik sei für die Luftwaffen der USA und ihrer Verbündeten verfügbar.
Türkei schickte Kurden Waffen
Bis heute, Dienstag, beraten jedenfalls hohe Militärs aus 20 Staaten der Anti-IS-Koalition in Washington unter Vorsitz von Martin Dempsey, dem Generalstabschef der US-Streitkräfte. Dempsey hat mehrfach die Linie von Präsident Barack Obama durchkreuzt, wonach keine US-Truppen in den Irak entsendet werden. Den Häuserkampf gegen die IS-Milizen sollen nach Washingtons Sichtweise vor allem die Kurden fechten. Das dürfte, ungeachtet der türkischen Weigerung, eigene Truppen zu schicken, auch in Ankara so gesehen werden. Massoud Barzani, Präsident der kurdischen Region im Irak, sagte zu Sky TV, die Türkei habe den Kurden im vergangenen Jahr bereits Waffen geschickt – aber mit der Bitte, das geheim zu halten. „Es war Präsidentschaftswahlkampf, und sie hatten noch einige Bürger, die im Irak vom IS als Geiseln gehalten wurden.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2014)