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Nobelpreis für „Zähmer der Konzerne“

FRANCE NOBEL PRIZE ECONOMICS
Jean Tirole(c) APA/EPA/STUDIO TCHIZ / HANDOUT (STUDIO TCHIZ / HANDOUT)
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Der Wirtschaftsnobelpreis geht an Jean Tirole für seine Arbeiten zur Regulierung von Großkonzernen.

Stockholm. Die Finanzkrise von 2008 hat in der globalen Wirtschaft tiefe Spuren hinterlassen. Aber anscheinend nicht nur dort, sondern auch in der traditionell eher marktliberalen Nobelpreisjury. So wurden nicht nur die Preisgelder reduziert, sondern auch die Ansichten über preiswürdige ökonomische Arbeiten verändert. Um die „Zähmung mächtiger Unternehmen“ gehe es beim diesjährigen Wirtschaftsnobelpreisträger, verkündete Staffan Normark, ständiger Sekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, am Montag einleitend. Die weltweit höchste Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaftler gehe an den Franzosen Jean Tirole „für seine Analyse von Marktmacht und Regulierung“, so Normark.

Der 61-jährige Ökonom von der Universität Toulouse „hat vor allem klargemacht, wie man Branchen verstehen und regulieren kann, die aus nur wenigen mächtigen Unternehmen bestehen“. Er sei „so berührt“, sagte der Industrieökonom Tirole Journalisten bei der Preisträgerbekanntgabe.

Jurymitglied Tore Ellingsen erklärte in der Folge die Denkwelt des Preisträgers: Unternehmen sollen demnach zwar wachsen, um produktiver zu werden und dabei auch weniger produktive Unternehmen durch die Konzentration von Kapital zu verdrängen. Das bringe letztlich durch Konkurrenzeffekte, höhere Wertschöpfung, niedrigere Preise und bessere Warenqualität Vorteile für die gesamte Gesellschaft.

Negative Effekte durch Quasi-Monopole

Aber wenn diese Firmen zu mächtig und nicht reguliert werden, können sie auch „ungewünschte Effekte für die Gesellschaft haben“, erklärte er. So können Produkte aufgrund einer Quasi-Monopolstellung etwa viel teurer werden, als es die Produktionskosten rechtfertigen. Auch können mächtige Großunternehmen mit schlechter Produktivität überleben, weil sie neue, für Gesellschaft und Fortschritt bessere Konkurrenten am Markteintritt hindern können.

Seit der ersten großen Deregulierungswelle in der Mitte der 1980er-Jahre hat Tirole das Wissen um diese Mechanismen angereichert und mögliche Lösungsansätze für Behörden und Politiker entwickelt. Der Ökonom ist „einer der einflussreichsten der Gegenwart“, so die Jury. Vor Tirole suchten Forscher vor allem nach „allgemeingültigen Prinzipien“ für „alle Branchen gleichzeitig“, wie etwa gesetzliche Preisobergrenzen. Tirole sorgte für eine Relativierung solcher alten Weisheiten und für ein nuancierteres Bild von Märkten.

„Tiroles theoretische Grundlagen werden heute etwa zur Regulierung von Banken und der Telekomindustrie genutzt. Dass man mit dem Handy im Ausland nicht mehr so hohe Roaminggebühren zahlen muss, ist ein praktisches Beispiel“, erklärte John Hassler, Professor für Nationalökonomie. „Tirole ist auch in einzelne Märkte ,reingegangen‘ und hat gesagt, was dort genau zu tun ist. Er ist also Theoretiker, aber auch sehr praktisch“, so Hassler. Auf die Journalistenfrage an den diesjährigen Nobelpreisträger, was denn nun genau mit den Banken zu tun sei, um Wirtschaftskrisen zu verhindern, sagte Tirole via Telefon jedoch ausweichend , dass gerade im Bereich Banken noch viel mehr geforscht werden müsse.

Nicht völlig unpolitischer Preis

Der diesjährige Preis sei zwar nicht völlig unpolitisch, aber doch zum allergrößten Teil, so Jurymitglied Ellingsen nach der Bekanntgabe. „Sowohl Sozialisten als auch Konservative sind heute an seinen Theorien interessiert.“ Es gehe um wissenschaftliche Erkenntnisse der Wirklichkeit. Tirole liefere den beschlussfassenden Politikern und Beamten lediglich Analysemittel und habe ihnen gezeigt, dass die „beste Regulierungspolitik genauestens an die spezifischen Verhältnisse in jeder einzelnen Branche angepasst werden müssen“.

AUF EINEN BLICK

Die Regulierung von Großkonzernen ist das bestimmende Thema der Arbeiten des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreisträgers Jean Tirole. 2013 wurden die Börsenforscher Eugene F. Fama, Lars Peter Hansen und Robert J. Shiller für ihre Erkenntnisse über das Funktionieren der Aktienmärkte geehrt. Der Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften „zum Andenken an Alfred Nobel“ geht nicht auf Nobels Testament zurück, sondern wurde 1969 hinzugefügt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2014)