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Gesamtschule: „Kein Garant, aber besseres Schulmodell“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Für die Wirtschaftskammer kommt es auf die Umsetzung an. Letztlich sei die Gesamtschule das bessere System.

Wien. Die anhaltende Debatte um die Gesamtschule ist eine höchst ideologische: Die einen halten diese Schulform für das Allheilmittel, die anderen für die größte bildungspolitische Gefahr. Die Wirtschaftskammer (WKO), selbst durchaus gesamtschulaffin, hat das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) beauftragt, eine Studie durchzuführen, um „die ideologischen Eingrabungen in den Hintergrund zu drängen“, wie es Michael Landertshammer, der Leiter der bildungspolitischen Abteilung der WKO, formuliert. Das Ergebnis: Die Umstellung auf eine Gesamtschule allein ist per se noch kein Garant für bessere Schülerleistungen. Letztlich sei die Gesamtschule dennoch das bessere System.

Studienautor Kurt Schmid hat für diese Untersuchung internationale Schülerstudien wie PISA, PIRLS oder TIMSS analysiert und anschließend die Struktur des Schulsystems untersucht. Empirisch abgesichert sei demnach, dass eine frühe Differenzierung keine positiven Effekte zeige und dass Gesamtschulsysteme sozioökonomische Benachteiligungen reduzierten. Generell haben alle Länder, die bei PISA besser abschnitten als Österreich, eine längere Phase der gemeinsamen Schule. Umgekehrt gilt aber auch, dass alle Länder, die eindeutig schlechter abschneiden, Gesamtschulsysteme haben. Es kommt also auf die konkrete Ausgestaltung des Systems an. Studienautor Schmid hat für den Erfolg von Gesamtschulsystemen verschiedene Kriterien ausgemacht: So brauche es mehr Schulautonomie in finanziellen und personellen Angelegenheiten sowie eine externe Leistungsüberprüfung von Schülern. Außerdem müsse man weg von der Selektionsorientierung – Selektion in unterschiedliche Schultypen oder Leistungsgruppen sei kontraproduktiv – hin in Richtung einer Orientierung an den Potenzialen der Kinder. Stichwort: innere Differenzierung. Eine temporäre Bildung von Kleingruppen sei sinnvoll. Lehrer müssten lernen, mit der Heterogenität der Schüler umzugehen, und sollten besser ausgesucht und ausgebildet werden.

 

„Hauptschule legt Stück des Weges fest“

Unter diesen Voraussetzungen könnte zwar auch ein differenziertes Schulsystem bessere Leistungen erbringen. Aber: „Dabei gibt es Grenzen“, so Schmid. Denn der Besuch einer Hauptschule bzw. einer AHS-Unterstufe kreiere bei den Jugendlichen ein gewisses Selbstbild. „Damit wird ein Stück des Weges festgelegt, den man erreichen kann“, gibt der Studienautor zu bedenken. Auch auf Lehrerseite habe das differenzierte Schulsystem Nachteile: AHS-Lehrer brauchten schwache Schüler gar nicht fördern. Sie könnten den schwachen einfach sagen, dass sie in der falschen Schule sitzen, und sie an die Haupt- bzw. Neue Mittelschule abgeben. Noch einen Nachteil des differenzierten Schulsystems sieht Schmid: „Auch der sozialen Zuschreibung bei einem Besuch einer Hauptschule bzw. eines Gymnasiums entkommt man nicht.“ (j.n.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2014)