Telekom: „Die können uns nicht abschieben“

(c) AP (Lilli Strauss)
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Reportage. Betriebs-versammlungen bei der Telekom Austria mit harten Tönen und flotten Sprüchen.

WIEN. „Die Stimmung in der Lassallestraße ist wie hier: schwarz mit künstlicher Aufhellung.“ Der Techniker der Telekom Austria, der sich an diesem Donnerstagmorgen mit gut 2000 Kollegen in der riesigen, schwarz verhängten Tramway-Remise hinter der Zentrale des Ex-Monopolisten drängt, setzt den Gedanken fort, mit dem die Betriebsversammlung eröffnet worden ist: „Das Wetter ist der allgemeinen Stimmung im Unternehmen angepasst.“

Draußen schüttet es, drinnen gärt es: „Die brauchen nicht zu glauben, dass sie uns abschieben können“, meint eine Frau mittleren Alters. Ihr Stehnachbar zitiert eines der wirkungsvoll mit Scheinwerfer-Spots beleuchteten Plakate: „Mag sein, dass die da oben ,Target 09‘ als guten Namen für einen Personalplan sehen – wir fühlen uns im Fadenkreuz!“

In der Wiener Remise wie auch an anderen Orten Österreichs haben sich an diesem Donnerstagmorgen mehr als die Hälfte der fast 10.000 TA-Beschäftigten versammelt. Die Betriebsversammlungen richten sich vor allem gegen Pläne, mit Hilfe eines „Personalpools“ in der Staatsholding ÖIAG die Belegschaft um fast ein Viertel zu reduzieren. Zur Einstimmung dienen Transparente wie „Arbeit statt Pool“ und „Vorstandsgehälter saniert, Mitarbeiter planiert“. Das Wort „Beamtenhatz“ steht nirgends, wird aber gerne ausgesprochen.

Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel stilisiert die TA zum Innovator hoch: „Direkt und indirekt sind dank ihr mehr als 40.000 Menschen beschäftigt.“ Trennung von Diensten und Infrastruktur als Lösung des Personalproblems? Weitere Privatisierung der TA? „Des brauch' ma ollas net“, wettert Tumpel. „Wir brauchen Investitionen und die Sicherung der Beschäftigung – und net a Politik, die kurzfristigen Börseninteressen folgt!“ Er wünscht den Versammelten „Glück auf!“

Übertroffen wird er von ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer, der den Bergmannsgruß zum „herzlichen Glück auf!“ erweitert („Freundschaft“ scheint out zu sein) und die Anwesenden der „tiefsten Solidarität“ versichert. Und auch vor Gemeinplätzen nicht zurückscheut: „Menschen sind nicht irgendeine Ware!“ Hundstorfer beschwört die neue Stärke der Gewerkschaft, die eine schwere Krise überwunden habe: „Wir sind wieder da.“ Und er schließt mit einem Sprachbild: „Was immer Ihr beschließt – der ÖGB wird euch begleiten, und zwar nicht hinter, sondern neben euch!“

Nemsic als Buhmann

Applaus ist ihm sicher, der Jubel ist noch etwas sparsam. Die Stimmung richtet sich vor allem gegen Generaldirektor Boris Nemsic und Festnetzchef Rudolf Fischer, aber auch ÖIAG-Chef Peter Michaelis kommt nicht gut weg: „Der hat unsere Leute gar nicht eingeladen“, zitiert ein junger Techniker das wichtigste Argument des Zentralausschuss-Vorsitzenden Michael Kolek: „Wir können überhaupt nicht mitreden, wie der Pool funktionieren soll – aber wir müssen hinein.“

Den Einwand, dass er mit Sicherheit nicht in den Pool „ausgelagert“ werde, tut er mit einer Handbewegung ab: „Ich bin ja auch kein Beamter. Aber hier geht es um Solidarität.“

Mehr als 2000 Mitarbeiter der Festnetzsparte (etwa so viele, wie an diesem Morgen in der Remise versammelt sind) sollen in den ÖIAG-Pool transferiert werden, weil sie laut Fischer im Zuge technischer Entwicklungen nicht mehr gebraucht werden, aber wegen ihres Beamtenstatus unkündbar sind.

Die Personalvertretung lehnt den Pool vor allem ab, weil die „Abgeschobenen“ laut Kolek „das nackte Brutto“ bezahlt bekämen, ohne jene TA-Aufbesserungen, die ihre „kargen“ Gehälter akzeptabel machten. Das „nackte Brutto“ eines TA-Beamten sei niedriger als die Gage so mancher Zeitarbeiter (mit Überstunden, Anm.) betonen die Umstehenden. „Die sind nicht da, schließlich werden sie von der Gewerkschaft nicht vertreten.“

Beschlüsse sind nicht vorgesehen, Kampfmaßnahmen kündigen eher die Gastredner an. Postbus-Betriebsrat Robert Wurm über den ÖIAG-Pool: „Wenn das beschlossen wird, stehen sofort alle Postbusse!“ Er fordert Nemsic auf, das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz zurückzugeben. Nemsic habe die Auszeichnung nicht verdient, wenn er Tausende Österreicher um ihre Jobs bringe.

Post-Gewerkschaftler Gerhard Fritz überbringt frohe Kunde: Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) habe klargestellt, dass es Auslagerungen „ohne Gewerkschaftszustimmung nicht geben“ werde. Aus der Sicht der Massen in der Remise ist jetzt der Schwarze Peter – nein, nicht bei Peter Michaelis, sondern bei Wilhelm Molterer: Der Finanzminister müsse sich endlich zum ÖIAG-Pool äußern. Fritz ist aus doppeltem Grund dagegen: Als Postler und als Chef der Gewerkschaft der Post- und Fernmeldebediensteten, die auch für die TA zuständig ist.

Querelen in der Gewerkschaft

Die Stimmung innerhalb dieser Gewerkschaft mag ein Austausch öffentlicher Freundlichkeiten illustrieren. Während Sozialdemokrat Fritz in der Remise die „Kolleginnen und Kollegen“ von der TA aufmuntert, wird er vom christdemokratischen Vize Manfred Wiedner attackiert. Wiedner verlangt einen Einspruch gegen die Wirtschaftsführung des Post-Vorstandes und Kampf-Beschlüsse auf allen ÖGB-Ebenen. Fritz müsse sich bis Montag entscheiden oder abtreten. Der versteht die Welt nicht mehr: Wiedner habe am 20. Mai gegen jene Beschlüsse gestimmt, die er nun fordere.

Kurz vor elf ist die Rednerliste erschöpft, draußen hat der Regen aufgehört. Der Arbeitstag fängt an. Kommentar auf Seite 47

AUF EINEN BLICK

Betriebsversammlungen der Telekom Austria wurden am Donnerstag von mehr als der Hälfte der Belegschaft besucht.

Gastredner wie ÖGB-Präsident Hundstorfer und AK-Chef Tumpel machten Stimmung gegen den „Personalpool“, der bei der Staatsholding ÖIAG beamtete Mitarbeiter aufnehmen soll.

Beschlüsse blieben aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2008)

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