Installation: Die Wembley-Blamage

„The Saints“ am Karlsplatz: Wie ein Kunstprojekt versucht, von der Aura des Fußball zu zehren.

Wien.„Fußball ist, wenn 22 Männer dem Ball nachlaufen und am Ende die Deutschen gewinnen.“ Sagte der englische Fußballer Gary Lineker. Er war erst sechs, als am 30.Juli 1966 im Wembley-Stadion ein Match stattfand, das diese Weisheit widerlegte: England gegen Deutschland, WM-Endspiel, Verlängerung. In der 101.Minute schoss Geoff Hurst an die Latte, der Ball prallte hinter die Linie. Oder auf die Linie? Der Schiedsrichter entschied auf Tor: Heute noch spricht man vom „Wembley-Tor“.

Ein historisches, ein historisch aufgeladenes Match: Das spürt auch der Nicht-Fan, wenn er sieht, wie diese mageren Kriegskinder – geboren, als ihre Nationen einander bekämpften – auf unblutigem Feld gegeneinander laufen. Wenn er hört, wie „The Saints Go Marching In“, „God Save The Queen“ und das Deutschlandlied (dritte Strophe) auf- und abbranden.

Von dieser Aura zehrt der Künstler Paul Pfeiffer in „The Saints“. Er hat ihr nichts hinzuzufügen als einen billigen Verfremdungseffekt: Er ließ den „Sound“ des Matchs, die Laute des Publikums, in einem Kinosaal in Manila von Philippinern nachahmen. Wie das aussah, zeigt er auf einer Leinwand synchron zum Match; im großen Saal hängt gar nur ein winziger Bildschirm.

Diese läppische Installation belegt den Prechtlsaal der Technischen Uni für fast einen Monat. Auf dem Waschzettel liest man von „Performabilität“, „restriktiven Repräsentationsmodi, welche die ,historiografische Operation‘ konstituieren“ usw. Klingt wie eine Parodie, ist wohl ernst gemeint.

Bis 29.Juni, tägl. 10-22, TU Wien, Karlsplatz, Prechtlsaal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2008)

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