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Lachen über Amstetten? Sightseeing und Kellerwitze

(c) Raketa.at
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Ein Cover des Satiremagazins „Titanic“ sorgt für Empörung. Der erste Witz über den Inzestfall war es nicht. Amstetten könnte zur Pilgerstätte für Katastrophen-Touristen werden.

AMSTETTEN/Wien. Josef F. als EM-Maskottchen mit „Trix und Flix“-Frisur – ein Titelblatt des deutschen Satiremagazins „Titanic“ sorgte in den vergangenen Tagen für Aufregung. Hinter der Empörung steht die Frage: Darf man über den Inzestfall in Amstetten lachen?

Ob moralisch verwerflich oder nur schützender Reflex, um das Unvorstellbare zu verarbeiten: neu ist das Phänomen nicht. Denn kurz nachdem der Fall Amstetten publik geworden war, tauchten bereits erste Scherze darüber auf. Da wurde etwa in deutschen Medien über eine Abwandlung der österreichischen Bundeshymne berichtet, die auf den Straßen kursieren sollte – „Land der Keller, zukunftsreich“. Auf der Satire-Website „raketa.at“ taucht bald danach die passende Flagge mit dem Bundesadler im Keller (s. unten) auf.

Während Witze weit jenseits der Schmerzgrenze nur hinter vorgehaltener Hand zu hören sind, sind derlei Kombinationen gerade im Internet einem großen Publikum zugänglich. Per Massensendung werden Texte und Bilder auf Knopfdruck weiter versandt. Und schließlich landen Redewendungen wie „Leichen im Keller“ oder „in den Keller lachen gehen“ als vermeintlich gelungene Scherze im Sprachgebrauch.


Professionelle Respektlosigkeit

Sind Tabus in den anonymisierten Foren des Internet einmal gebrochen, dauert es oft nicht lange, bis auch in Mainstream-Medien damit gespielt wird. Ein Gradmesser dafür ist das Magazin „Titanic“, das nicht nur den Fall Amstetten mit professioneller Respektlosigkeit behandelt. So warnte man etwa Natascha Kampusch in einem fiktiven Brief, dass sie bei einem Flop mit ihrer TV-Show im „Quotenkeller“ landen würde, aus dem man „jahrelang nicht mehr rauskommt“.

Mit Grenzüberschreitungen wie diesen lässt sich aber auch ein Geschäft machen. So veröffentlichten etwa die „Swiss Tenors“ ein Remake von Falcos „Jeanny“ – abgewandelt auf Natascha Kampusch. Auch die Ybbsstraße in Amstetten wurde schon als Pilgerstätte für Katastrophentourismus gehandelt: So titelte die auflagenstärkste britische Tageszeitung, der Daily Telegraph: „Touristen strömen zu dem Horror-Haus“.

In dem Bericht war von deutschen und ungarischen Touristen die Rede, die eigens angereist waren, um das Haus zu sehen; von Sightseeing-Bussen, die in der Ybbsstraße einen Halt eingeplant hatten. Tourismusfachleute mutmaßten, Amstetten könnte eine tragische Pilgerstätte werden, ähnlich dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam oder dem Ground Zero in New York. In Amstetten schüttelt man über derartige Gerüchte den Kopf. Und kann nur bedingt lachen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2008)