Schluss mit den schattigen Kellerkonzerten. Jetzt ist Pop im Freien dran. Vom Flakturm bis zur Galopprennbahn: Ideen, wo man als Städter seinen Musiksommer verbringen kann.
Raus an die frische Luft, das hat nämlich Vorteile. Zum einen lässt sich ein aufdringlicher Vitamin-D-Mangel (Schlafstörung, Hormonunordnung, Blässe) vermeiden, zum anderen fällt Mutter Natur immer wieder eine musikalische Leckerei vom Teller. Wie auf der Gesellschafts-Veranda Summerstage, dem verwachsenen WUK-Hof, der Bunkerei im Augarten oder der Galopprennbahn Freudenau. Und dabei sind das erst die Appetizer. Darum folgt an dieser Stelle eine Rundschau auf das luftige Begleitprogramm des Sommers. Warum drinnen bleiben, wenn man auch draußen sein kann.
Pop mit Seegang
Dort, wo sich rollende und radelnde Alsergrundbewohner die Nordic-Walking-Stöcke in die Hand geben und die „Kleine Donau“ an den betonierten Ufern plätschert, dort wird in den Sommermonaten bekanntlich allerlei gekocht, gegessen, vor allem aber musiziert. Die junge Singer-Songwriterin Agnès Milewski besucht die Summerstage an der Roßauer Lände beispielsweise am 7. Juli. Von Ruhe und Erholung kann bei der Künstlerin selbst aber keine Rede sein „Ich beginne im Sommer mit den Aufnahmen zu meinem zweiten Album, spiele ein paar Konzerte und werde mich auf meine Deutschland/Frankreich-Tour vorbereiten.“ Mit dem Austrian Newcomer Award 2008 bewaffnet und einem Debüt-Album mit Namen „Pretty Boys and Ugly Girls“ (2007, Eigenpro) in Kopf und Kehle wird sie dem kulinarischen Aufgebot des Areals wohl oder übel die Show stehlen.
Die verantwortlichen Spitzenköche Reinhard Gerer und Michael Paulus können die Kochlöffel, die ihnen eben vor Schreck runtergefallen sind, gleich liegen lassen, denn Frau Milewski kommt mit Verstärkung: Magdalena Piatti, Valerie, Swing4Strings und ein kleiner Tourbus voll anderer Musikanten werden diese Terrasse noch bis Ende August beleben. Am Höhepunkt des Treibens wird vom 11. bis 13. Juli dann kein Boot mehr neben dem anderen bleiben.
Das Donaukanaltreiben, ausgehend von der besprochenen Sonnenterrasse über das Flex, die Hauptbühne Salztorbrücke bis zum Badeschiff, der Urania und der Strandbar Herrmann will die letzten Gedanken an die Euro vertreiben und zur allgemeinen Entspannung aufrufen. Das im vergangenen Jahr erstmals erprobte Instrumentarium, Kultur quer durch die Bank, wird auch in diesem Sommer – ohne konkurrierenden Papstbesuch – Verwendung finden. Musikalisch möchte man die drei Festivaltage zwischen den Sphären von heimischen Konstellationen wie Herbstrock oder Jonas Goldbaum bis hin zum altbewährten Redeschwall der Attwenger abwickeln. Um die weiten Distanzen zwischen den Spielstätten auch ohne den Angriff etwaiger Muskelkater zu überwinden, empfehlen die Veranstalter den Gebrauch der bereitgestellten Taxiboote.
Galopp
Von der Uferpromenade reiten wir weiter in die Freudenau. Der Ost Klub lädt dort ein zweites Mal in diesem Jahr zum Tanzen ein. Den Rhythmus für das erwünschte Gypsy-Balkan-Russen-Remmidemmi spenden Balkan Beat Box, Russkaja, Max Pashm, Grooveheadz feat. Harri Stojka und eine Schar von Plattenakrobaten. Da trifft man zum Beispiel auf DJ Kosta Kostov alias balkanXpress, DJ Penny Metal und Balkanica. Bei so viel Andrang braucht man eine entsprechend robuste Umgebung. Perfekt, der Galopprennbahn können ein paar Tanzbeine bestimmt nichts anhaben, die ist Schlimmeres gewohnt.
Apropos Gaul, mit der Debüt-LP „Horses“ gelang ihr 1975 der Durchbruch. Die Rede ist von Patti Smith, ihren poetischen Texten, der typisch groben Gitarrenarbeit. Die 62-jährige Rock-Ikone wird am 13. Juli das Open-Air-Gelände der Wiener Arena überwältigen. „Ikone“ hört sie eigentlich gar nicht gern, aber wer einmal in die Rock‘n‘Roll Hall of Fame aufgenommen wurde, kann sich vor solch einer Anrede nur ganz schwer drücken. Zu erwarten ist jedenfalls ihr Hit „Because The Night“, ein wenig Wut und Kritik an der glatten Gesellschaft und ihr aktuelles Album „Twelve“ (2007, Sony BMG), auf dem sie anderen Ikonen ihrer Zeit eine Bühne gibt. Zwölf Coverversionen großer Songs von den Beatles, The Doors, Jimi Hendrix, den Stones sind vertreten.
Wem das aber zu viel Rock’n’Roll-Historie ist, der sollte vielleicht besser am 9. Juli kommen, da wäre dann nämlich Heidi Klum-Gatte Seal in der Arena anzutreffen. Für dessen cremige Soulpop-Stimme selbst Altrocker Status Quo im Vorfeld das besagte Veranstaltungszentrum räumen und in den Gasometer umsiedeln mussten.
Im Hinterhof
Was die Arena macht, kann das WUK schon lange. Der 150 Jahre alte Backsteinbau, ursprünglich Werk-, später Bildungs- und schluss-endlich Kulturstätte, überspringt auch dieses Sommerloch wieder mit zwei gönnerhaften Monaten im Freien. Die Platzkonzerte sollen an 24 Abenden vom 1. Juli bis 8. August bei freiem Eintritt vonstatten gehen. Jazz, Elektronik, Singer/Songwriting, ein bisschen Weltmusik und experimentelles Scratching soll es im Hinterhof zu hören geben. Das satte Line-Up listet Namen wie Otto Lechner, Son Of The Velvet Rat, Coshiva, Laura Rafets-eder und Marilies Jagsch. Letztere wird vermutlich einige Kostproben ihres ersten Albums „Obituary for a lost mind“ (2008, Asinella) vorspielen und beglaubigen, wie man das Traurigsein perfektionieren kann, ohne dass dem Publikum ein Gähnen entweicht. Den etwas anderen Sommer gibt es ein paar Bezirke weiter.
Weibersommer im Augarten lautet das Losungswort der Bunkerei. Dabei handelt es sich um „Samstagabende, an denen das noch herrschende Geschlecht keinerlei Musikinstrumente anfassen darf“, lediglich zuhören ist erlaubt, wenn eine „energiegeladene Weiberzone mit Volxmusik, Weltmusik, Balkangrooves, Klezmer und Songreiterei“ durch den Gastgarten hallt. Im urbanen Raum –samt Flakturm im Visier – und doch mitten im grünen Sommernachts-traum werden Irina Karamarkovic & Ljubinka Jokic & Daniela Fischer, Iva Nova, Mika Vember feat. Martina Winkler ihre Instrumente auspacken. „Summer in the City“ für Anfänger, sozusagen. Für Fortgeschrittene gibt es eine andere Option, ohne Garten-idyll, aber mit PKW-Bedrohung.
Achtung Autofahrer
Am 30. August wird der verträumte Nachtfahrer den trägen Pupillen vielleicht ihre Glaubwürdigkeit absprechen. Was ist denn hier los? Traditionell gibt es während des Gürtel-Nightwalks nämlich ein großes Gewusel auf den Straßen. Von der Hauptbücherei bis zum B72 wird auch die kleinste Kaschemme um Hilfspersonal schreien. Aber wenn drinnen kein Platz mehr ist, wuchern die Besuchertrauben eben auf den umliegenden Flecken weiter. Vom musikalischen Rahmenprogramm darf man noch nicht viel verraten, welche Bands aber aller Wahrscheinlichkeit auftreten werden, sind: Sir Trallala, das Erste Wiener Heimorgelorchester, Daidalon, Tailor, The Red River Two, B Seiten Sound und Francis International Airport. Was jetzt noch zu sagen bleibt? Saure-Gurken-Zeit ade!
Arena open Air 8.7., Sigur Ros; 9.7., Seal; 11.7., In Extremo; 13.7., Patti Smith Tickets: 01/960 96
Bunkerei 12.7.–16.8., Weibersommer Augarten mit Aufstrich, Iva Nova u. a.
Donaukanaltreiben 11.–13.7., urbane Kulturzone am Donaukanal mit Herbstrock, Jonas Goldbaum, Attwenger u. a. Tel: 0664/852 13 39
Gürtel Nightwalk XI 30.8., von der Hauptbücherei bis zum B72 mit B Seiten Sound, Francis International Airport, Erstes Wiener Heimorgelorchester u. a.
Kunstzone Karlsplatz 8.–29.6., Konzerte im Resselpark: A Life, A Song, A Cigarette, Clara Luzia, Roland Neuwirth & Extremschrammeln u. a.
Museumsquartier 27.6., Rounder Girls u. a. Tel: 0820/600600
Ost Festival 22.8., Gypsy-Balkan-Russen-Wahnsinn auf der Galopprennbahn in der Freudenau mit Balkan Beat Box, Russkaja, Max Pashm u. a.
WUK Platzkonzerte 1.7.–8.8., 24 Abende im WUK-Hof von Otto Lechner über Laura Rafetseder bis Mosa Sisic u. a. Tel: 01/401 21-0