Der Dirigent Andre Previn hält sich diesen Sommer am Attersee auf. Im Vorfeld erzählt er, warum er im Alter lieber komponiert als dirigiert und was es mit dem Kontrabass auf sich hat.
"Meine ersten Stücke waren nicht besonders erfolgreich. Ich fand es zwar ganz natürlich, auch zu komponieren. Ich war ja ein musikalisches Kind, habe dann Klavier und Dirigieren studiert. Aber als Komponist war ich jedenfalls kein Wunderkind." Wenn Andre Previn sich an die Anfänge seiner Doppelkarriere erinnert, die ihm als schöpferischem wie als „nachschöpferischem" Künstler sensationelle Erfolge bescherte und immer noch beschert, dann scheint er sich selbst ein bisschen zu wundern über den Stellenwert, den das Komponieren mittlerweile in seinem Arbeitsplan einnimmt. Was im Übrigen, nüchtern betrachtet, eine praktische Komponente zu haben scheint: „Wenn einen das Alter überrascht", sagt Previn mit dem unwiderstehlichen Charme des Junggebliebenen, „dann schätzt man es zum Beispiel, dass man zum Komponieren nicht so viel herumfahren muss. Und wenn man unterwegs ist: Komponieren kann man auch im Flugzeug." Dirigieren nicht, da hat er recht.
Reichtum.
„Amerikanischer Dirigent" steht in den Lebensläufen über ihn zu lesen. 1929 als Andreas Ludwig Priwin in Berlin zur Welt gekommen, ist er als Zehnjähriger mit seiner Familie in die USA emigriert. Dort hat er seine in Deutschland begonnenen Studien fortgesetzt. Die - in höchst unterschiedlichen ästhetischen Gefilden beheimateten - Komponisten Mario Castelnuovo-Tedesco und Ernst Toch zählen zu seinen Lehrern. Das führt zu einem beachtlichen stilistischen Reichtum, der Previn stets davor bewahrt hat, einseitig zu werden. Jedenfalls wurde er nicht zum avantgardistischen Sektierer - eine Gefahr, der Musiker seiner Generation zuhauf erlagen.
Previn, der einer der bedeutendsten Dirigenten der Welt werden sollte, engagierte sich parallel zu seinem klassischen Studium bereits als Jazz-Pianist und war bald in der Film-Branche zu Hause. Doch hat ihn die Lust, vor einem Orchester zu stehen und es zu führen, nie losgelassen. „Pierre Monteux war mein Lehrer", erinnert er sich und weiß von dem dirigierenden Grandseigneur manch schrullig-hintergründige Anekdote zu erzählen: „Vor allem hat er auf unorthodox-charmante Weise seine Meinung gesagt. So kam er zu mir nach einem der ersten Konzerte, die ich dirigierte und fragte mich: ,Hat Ihnen das gefallen, wie das Orchester den letzten Satz der Haydn-Symphonie gespielt hat?‘ Ich druckste ein bisschen herum, weil ich nicht wusste, worauf er hinauswollte. Aber in Wahrheit hatte ich es sehr gut gefunden. Also sagte ich: Eigentlich fand ich es schön, ja. Na, meinte er daraufhin, das fand ich auch, dass die schön gespielt haben. Da sollte man sich ihnen nicht in den Weg stellen ..."
Immer Partner, nie Tyrann.
Zauberhafter hat wahrscheinlich noch kein Lehrer seinen Schüler aufgefordert, ein Orchester doch „spielen zu lassen". Previn hat die Kunst des „Spielenlassens" wie kaum einer erlernt und beherrscht. Weshalb Orchestermusiker ihn stets als Partner, nie als Tyrannen empfanden und gern mit ihm musizierten. Und weil er sich nie an die gängigen Vorschriften in Sachen Avantgarde-Musik gehalten hat, sondern jenseits des atonal-mathematischen Mainstreams Musik geschrieben hat, die den Errungenschaften der amerikanischen Unterhaltungsmusik ebenso nahesteht wie mancher Erinnerung an europäische Romantik, liebt man Previn auch als Komponisten.
Keine Sorgen.
„Zuletzt habe ich mehr komponiert als dirigiert", sagt er, „Orchesterwerke für Boston, New York und Pittsburgh, ein Klaviertrio und Lieder für Renée Fleming". Um erstrangige Interpreten muss sich der Komponist Previn jedenfalls nicht sorgen. Und dann ist da noch Anne Sophie Mutter, die lange seine Lebens-
partnerin war: „Ich halte sie für die größte Geigerin der Welt", schwärmt er nach wie vor, „wir konzertieren auch noch viel miteinander. Ich habe für sie nicht nur Solo-Stücke geschrieben, sondern auch ein Doppelkonzert für Geige und Kontrabass. Das sieht auf den ersten Blick vielleicht ein wenig schräg aus, aber wir haben einen 19-jährigen Bulgaren kennengelernt, der dieses sprerrige Instrument so phänomenal beherrscht, dass wir beschlossen haben, etwas für ihn zu tun. Nur haben mir alle Dirigentenkollegen, denen ich von ihm erzählt habe, gesagt: Ja, was sollen wir denn mit einem Kontrabassisten tun? Wir können doch nicht ewig das Bottessini-Konzert spielen! Tatsächlich gibt es für Bassisten nicht so viele Stücke. Also habe ich dieses Doppelkonzert geschrieben ..." Sehr zur Freude des junge Solisten, der nun an der Seite der großen Anne Sophie Mutter durch die Konzertsäle touren darf.
Jedoch nicht am Attersee. Dort gibt es aber demnächst die Gelegenheit, mit Andre Previn noch tiefer in die Welt der Musik einzudringen, etwa in zwangloser Fortsetzung dieses Gesprächs am 19. Juli.
Attergauer Kultursommer
Von 18.7. bis 16.8.
verschiedene Spielorte um den Attersee. Eröffnung: Wiener Jeunesse Orchester, Dirigent: Sir André Previn, Christoph Traxler, Klavier.
Programm im Detail:
www.attergauer-kultursommer.at