Vereinigte Staaten: Ebola wird Wahlkampfschlager

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Drei Wochen vor den Kongresswahlen entdecken Demokraten und Republikaner die afrikanische Seuche als probates Mittel, um ihre Wähler aufzuschrecken.

Washington. Das Virus wird durch Körperflüssigkeiten übertragen, die Infektionsrate ist hoch, ein Ende nicht in Sicht. Allein seit Mitte August haben sich 691 Menschen in 46 US-Bundesstaaten damit angesteckt. Fünf Amerikaner hat es bereits getötet, weitere Opfer werden erwartet.

Dennoch schenken die amerikanischen Zeitungen und Fernsehnachrichten dem Enterovirus D68, mit dem sich seit Monaten immer mehr Kinder anstecken, kaum Aufmerksamkeit. Ebola hingegen hat die Schlagzeilen erobert, obwohl es bisher nur ein Todesopfer (einen Liberianer, der sich in Liberia angesteckt hat) und eine Infektion (eine Krankenschwester, die ihn behandelt hat) auf amerikanischem Boden gegeben hat. Wer dieser Tage Fox News oder CNN einschaltet, kann den Eindruck gewinnen, in den USA gehe es zu wie in einem Katastrophenfilm aus Hollywood.

Ebola, das perfekte Kampagnenmaterial

Drei Wochen vor den Kongresswahlen am 4.November, bei denen jeder dritte Senator sowie alle Mitglieder des Abgeordnetenhauses um ihre Mandate rittern, ist Ebola auch zum Wahlkampfschlager geworden. Denn so sehr sich Wissenschaftler und Seuchenfachleute darum bemühen, der amerikanischen Öffentlichkeit klarzumachen, dass dieses Virus in den USA mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auf ein paar Einzelfälle beschränkt bleiben dürfte: Ebola passt beiden Parteien perfekt in die jeweiligen Kampagnen.

Die Republikaner sehen sich in ihrer Forderung nach strengeren Grenzkontrollen bestätigt, die im Frühjahr angesichts der Welle junger Flüchtlinge aus Zentralamerika an politischem Rückenwind gewonnen hat. 27 republikanische Mitglieder des Abgeordnetenhauses haben vergangene Woche einen Brief an Präsident Barack Obama geschickt, in dem sie das Einreiseverbot für Bürger aus Liberia, Guinea und Sierra Leone verlangen, jenen drei westafrikanischen Staaten, in denen Ebola seit Monaten wütet. „Meine Bürger und ich wollen nicht damit beginnen müssen, jene in Quarantäne einzuweisen, die in diesem Land leben“, warnte der Abgeordnete Dennis Ross aus Florida.

Die Demokraten wiederum nutzen die öffentliche Besorgnis über die Seuche, um ihre Kritik an den Haushaltskürzungen des seit dem Jahr 2010 wieder republikanisch geführten Abgeordnetenhauses zu akzentuieren. „Wenige Themen veranschaulichen besser, wie jenseitig die Prioritäten der Republikaner sind, als ihre Entschlossenheit, Steuerprivilegien zu schützen, selbst wenn diese auf Kosten unserer Bereitschaft gehen, die Verbreitung von Seuchen wie Ebola zu bekämpfen“, donnerte Steve Israel, der Vorsitzende des demokratischen Wahlkampfkomitees am Montag.

In der Tat ist der Haushalt der Centers for Disease Control (CDC), der US-Bundesgesundheitsbehörde, in den vergangenen zwei Jahren um zehn Prozent beziehungsweise eine knappe Milliarde Dollar gesunken. Die National Institutes of Health, die weltgrößte staatliche Forschungseinrichtung, in der an Impfstoffen und Heilmitteln gegen Ebola gearbeitet wird, haben seit dem Jahr 2003 keine die Inflation berücksichtigende Budgeterhöhung erhalten.

Zwei Drittel wollen US-Grenzen sperren

Diese finanziellen Kürzungen jedoch als direkte Ursache dafür zu sehen, dass es weder einen Impfstoff noch ein Heilmittel gegen Ebola gibt, ist zweifelhaft. Bei den zusehends verunsicherten Bürgern zieht die republikanische Forderung nach dichten Grenzen viel stärker: 67 Prozent sagten in einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage von „Washington Post“ und ABC News, sie seien für ein Einreiseverbot für Menschen aus Ländern, in denen Ebola virulent ist.

Davor warnen Seuchenfachleute: Ebola müsse an der Quelle bekämpft werden, also in Afrika, und dazu sei es notwendig, dass viel mehr freiwillige Helfer aus dem Ausland möglichst schnell ein- und ausreisen könnten. „Wenn wir die Dinge unbeabsichtigt mühseliger machen, wird es umso schwieriger, den Ausbruch an der Quelle zu bekämpfen.“ sagte Thomas Frieden, Chef der CDC.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2014)

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