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OMV versinkt im Chaos: Kein neuer Chef

The logo of Austrian oil and gas company OMV is pictured at its headquarters on the day of a board meeting in Vienna
OMV(c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)

Die Ablöse von Gerhard Roiss kostet fünf Millionen Euro. Der Nachfolger wurde nicht bestellt. Österreichs größter Konzern muss seine Zukunft im Öl- und Gasgeschäft völlig neu ausrichten.

Wien. Es war eine schwierige Operation. Seit neun Uhr vormittag tagten die Aufsichtsratsmitglieder des größten heimischen Energiekonzerns OMV, um einen Schlussstrich unter die vergangenen turbulenten Wochen zu ziehen. Wie die „Presse“ vor einer Woche exklusiv berichtete, sollte der vorzeitige Abgang von Konzernchef Gerhard Roiss und dem deutschen Gas-Vorstand Hans-Peter Floren offiziell besiegelt werden. Und wenn es die Zeit – und die Unstimmigkeiten zwischen den Aufsichtsratsmitgliedern – erlaubt, sollte auch gleich ein Nachfolger präsentiert werden.

Nur ersteres ist gelungen: Nach elfstündigen Diskussionen, wo es vor allem um die Neuausrichtung der Strategie ging – die die OMV angesichts des schwierigen Gasgeschäfts dringend braucht – wurde der Abgang von Roiss einstimmig beschlossen. Er verlässt Ende Juni 2015 den Konzern. Mit Floren wird noch verhandelt, weil die Gassparte aufgelöst wird und in die Hände von Marketing-Vorstand Manfred Leitner kommt.

Roiss wurde zur Last gelegt, dass er seinen Kontrahenten Floren mit aller Gewalt aus dem Unternehmen drängen wollte und das Klima im Konzern vergiftet habe. Vergangene Woche platzte den Eigentümern der Kragen und der Abgang der Streithähne wurde im Aufsichtsratspräsidium besiegelt.

Ebenso wichtig ist aber auch eine neue schlagkräftige Führung. Möglicherweise ist das der Grund, warum sich das Kontrollgremium nicht wie geplant auf einen Nachfolger einigte. Man wolle keinen Übergangskandidaten, sondern gleich einen dauerhafte Lösung, hieß es. Diese werde so rasch wie möglich gesucht.

Deshalb dürften die zwei Kandidaten, die bisher genannt wurden, kaum mehr Chancen haben: Das ist der 59jährige Finanzchef der OMV, der Brite David Davies. Der frühere Manager bei Pricewaterhouse Coopers, Walt Disney und Burger King war als Interimslösung genannt worden. Überraschend kam auch Vorstand Jaap Huijskes wieder ins Spiel, der eigentlich von sich aus Mitte 2016 den Konzern verlassen wollte. Ohne Roiss könnte er seine Entscheidung durchaus rückgängig machen, hieß es zuletzt.

Der Betriebsrat, der geschlossen für Roiss' Ablöse stimmte, drängte auf eine rasche Entscheidung: Der Vorstand sei „handlungsunfähig“, mahnte er am Montag in einem Brief an die Kapitalvertreter. Ein Nachfolger solle so schnell wie möglich präsentiert werden. Denn: „Nach unserer Einschätzung wird eine Fortdauer der bestehenden Situation dem Unternehmen schweren und anhaltenden Schaden zufügen und dadurch unsere Arbeitsplätze gefährden“, hieß es in dem Schreiben.

Teurer Rauswurf

Eines stand aber fest: der verfrühte Abgang des Oberösterreichers Roiss wird teuer. Erst vor einem Jahr verlängerte die ÖIAG, die die Interessen der Republik Österreich als Kernaktionär der OMV vertritt und mit dem zweiten Großaktionär, der Ipic aus Abu Dhabi, syndiziert ist, dessen Vertrag bis März 2017.

Roiss werden wohl zumindest die zwei ausständigen Jahresgehälter und ein drittes als Abfertigung in die Hand gedrückt werden müssen. Da trifft es sich – für ihn – gut, dass er im Vorjahr der bestbezahlte Manager eines ATX-Unternehmens war. Eine AK-Studie schätzte das Gehalt des OMV-Chefs auf 3,4 Mio. Euro (für den Fall, dass er alle OMV-Aktien zu Geld macht). Vertraglich festgeschrieben sind laut Geschäftsbericht ein Fixum von 800.000 Euro im Jahr, Bonuszahlungen von weiteren maximal 800.000 Euro im Jahr sowie Aktienoptionen. 2013 kam er demnach in Summe auf knapp zwei Mio. Euro. Bis zu fünf Mio. Euro könnte der Abgang die Eigentümer, und damit auch die Steuerzahler, also durchaus kosten.

Mit den gestrigen Entscheidungen im Vorstand des größten börsenotierten Konzern des Landes ist das Thema OMV aber noch lange nicht abgehakt. Wie die „Presse“ in Erfahrung bringen konnte, hat auch die ÖIAG für kommende Woche (23. Oktober) eine außerordentliche Sitzung ihres Aufsichtsrats anberaumt. Die Causa Prima ist ebenfalls die Eskalation des Machtkampfs in der OMV – und die etwas unglückliche Rolle, die ÖIAG-Chef Rudolf Kemler dabei angelastet wird.

Vor wenigen Wochen wurde Kemler sogar noch als potenzieller Nachfolger kolportiert. Dass er sich selbst ins Spiel gebracht haben soll, dementierte er zwar vehement. Beim neuen Finanzminister (und Eigentümervertreter) Hans Jörg Schelling kam das Chaos jedoch nicht gut an: Im größten österreichischen Unternehmen müsse Ruhe herrschen, sagte er.

Der ÖIAG-Aufsichtsrat dürfte daher am nächsten Donnerstag zur Tat schreiten und Kemler signalisieren, dass man seinen Vertrag im Oktober 2015 auslaufen lasse und die Option einer Verlängerung bis Oktober 2017 nicht nütze.

AUF EINEN BLICK

Finanzminister Hans Jörg Schelling fordert in der OMV „Ruhe“. Eine Personaldiskussion über das größte österreichische Unternehmen in der Öffentlichkeit halte er „für nicht sehr zweckmäßig“. Es werde Gespräche mit der ÖIAG geben, „damit in Zukunft solche Situationen vermieden werden“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2014)