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„Schulschwänzen ist mit großem Stress verbunden“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Studienautorin Erna Nairz-Wirth wünscht sich einen Drop-out-Verantwortlichen pro Schule und die Abschaffung des Sitzenbleibens.

Die Presse: Sind nahende Schulabbrüche für Lehrer einfach zu erkennen?

Erna Nairz-Wirth: Wenn sie in der Ausbildung entsprechend dafür sensibilisiert wurden, dann ja. Es braucht Diagnosekompetenz und das Bewusstsein, dass Symptome wie abfallende Leistungen, geistige Abwesenheit oder Schulschwänzen sehr ernst genommen werden sollten. Sie sind Vorboten für einen möglichen Schulabbruch.

 

Sind Lehrer dafür gut genug geschult?

In der Aus- und Weiterbildung kann man in diesem Bereich gar nicht genug anbieten.

 

Wie kann man pubertäres von gefährlichem Schwänzen unterscheiden?

Aus Spaß hat keiner der von uns Befragten geschwänzt. Schwänzen war für sie mit großem Stress verbunden. Sie haben die Zeit in der Kälte, U-Bahnen oder Zügen verbracht. Sie haben Lügengebäude aufgebaut, die größer und zugleich belastender wurden.

Warum schwänzen diese Schüler dann?

Aus Schulangst, Schulunlust oder Schulaversion. Viele haben Angst, gewisse Leistungen nicht erbringen zu können, Angst vor Lehrern oder Mitschülern. Mobbing ist ebenso ein Thema. Es gibt auch Eltern, die ihre Kinder vom Schulbesuch abhalten.

 

Wie sollen Schule und Eltern auf Schulschwänzen reagieren?

Das Übel soll an der Wurzel gepackt werden. Symptome haben Ursachen. Schüler sollten nicht bestraft werden – weder von Lehrern noch von Eltern. Wichtig sind Gespräche, Unterstützungskonzepte, Mentoring und eine Willkommenskultur.

 

Was halten Sie von Wiens groß beworbenem Schulschwänzbeauftragten?

Das ist ein Signal nach außen und wichtig, aber nicht ausreichend. Es braucht einen Drop-out-Verantwortlichen an jeder Schule.

 

Was wäre dessen Aufgabe?

Er sollte einen Blick auf die Schüler haben – nicht nur punktuell. Er soll beobachten, wie sich Leistung und Anwesenheit entwickeln. Auf Symptome von Schuldistanzierung sollte er sofort reagieren. Die Person sollte Anlaufstelle für Schüler, Lehrer und Eltern sein und Präventionsmaßnahmen initiieren.

 

Sollte es sich um einen Lehrer handeln?

Wichtig ist, dass es sich um eine gut ausgebildete Person handelt. Lehrer sind oft überlastet. Deshalb wäre es hilfreich, wenn sie von Sozialarbeitern, Schulpsychologen und Ärzten unterstützt werden.

 

Gibt es Situationen, in denen ein Schulabbruch der beste Weg ist?

Ein Abbruch ist das Ende eines langen Prozesses, immer begleitet von Schuldistanzierung. Die Ursachen sind vielfältig: schlechte Schüler-Lehrer-Beziehung, Leistungsschwächen, familiäre Probleme, Mobbing und schulaversive Peers. Je mehr Risikofaktoren, desto wahrscheinlicher wird der Abbruch. Abbruch ist also nie etwas Positives. Der Schulwechsel hingegen kann es schon sein.

 

Ein Schulwechsel kann also etwas Positives sein – wann ist er das nicht?

Ein Schulwechsel ist meist eine Belastung. Abgesehen von Umzügen der Eltern müssen Schüler meist in eine rangniedrigere Schule wechseln. Diese sogenannte Abschulung wird von Schülern und Eltern tendenziell als Misserfolg erlebt.

 

Sind Klassenwiederholungen positiv?

Die internationale Forschung vermittelt ein eindeutiges Urteil: nein! Die Studienteilnehmer beschrieben es als einschneidendes, stigmatisierendes und beschämendes Erlebnis, das ihre Schuldistanzierung sogar weiter verfestigte.

 

Wie schwierig ist es für Abbrecher, wieder in das Bildungssystem einzusteigen?

Den wenigsten unserer Studienteilnehmer ist es gelungen. Es kommt rasch zu einer Abwärtsspirale, psychischen Begleiterscheinungen und körperlichen Beschwerden.

 

Ist den Jugendlichen eigentlich bewusst, was ein Schulabbruch für ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt bedeutet?

In der ersten Phase sind die Schüler froh, dass sie nicht mehr in die Schule gehen müssen. Es ist eine Befreiung. Nach einer Zeit kommt die Reue. Auffällig ist, dass sie sich ausschließlich selbst die Schuld am Abbruch geben. Nur wenige fragen, was die Institution mehr für sie hätte machen können.

ZUR PERSON

Erna Nairz-Wirth (48) leitet die Abteilung für Bildungswissenschaft an der Wirtschaftsuni. Habilitiert hat sie sich in Pädagogik und Erziehungswissenschaft. Schulabbruch ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2014)