Der Fritz und der Franzl

Ihr Wohnsitz: Berlin. Ihr Arbeitsgebiet: Deutschland. Und das kleine Land da im Süden, das nehmen sie gleich mit. Deutschland-Korrespon-denten auf Österreich-Besuch: drei Tage zwischen Ballhausplatz und Wörther See, zwischen Haider, Horror und Tiroler Landtagswahl.

Das Land hat sich fein herausgeputzt für das große Fest. Alles ist blank poliert und frisch gestrichen, und wo dies noch nicht der Fall ist, wird letzte Hand angelegt, wird geschraubt, gehämmert und geschweißt, dass die Funken sprühen. Selbst die steinernen Zehen von Leonardo da Vinci und Velazquez, die Säulenheiligen der bildenden Kunst vor dem Wiener Künstlerhaus, sind in Fußballschuhe gekleidet. „Ist es immer so schön in Wien? Wie kann man da überhaupt weggehen?“, fragt eine russische Journalistin, die wie im Klischee nichts Eiligeres zu tun hat, als mit einer Wunsch-Einkaufsliste ihrer Tochter Richtung Graben zu hetzen – sonst aber streng obrigkeitshörig ist und Wodka verabscheut.

Für die Kunst bleibt ihr keine Zeit bei der Fact-finding-Mission in Österreich, zu der sich die in Berlin akkreditierten Korrespondenten aufgemacht haben: einer Tour d'Autriche in drei Tagen – Wien, Klagenfurt und Innsbruck. Meist betreuen sie die kleine Alpenrepublik im Süden, an der Grenze zu Bayern, gleich noch mit. Und wenn sich einmal etwas Spektakuläres tut, schauen sie auch gerne auf einen Sprung vorbei, um dem oft winterlich-schmuddeligen Berlin zu entfliehen und sich an Wiens imperialer Pracht zu weiden.

Der Co-Gastgeber ist gerüstet für die Fußball-Europameisterschaft, und der Bundeskanzler steht parat, halb Europa zu umarmen. Vor dem Ballhausplatz sind smarte Kleinwagen mit dem Werbeslogan „Österreich am Ball“ aufgefädelt, im Steinsaal herrscht ein Andrang von Korrespondenten beinahe wie zur Zeit der EU-Sanktionen. Nur wundern sie sich ein wenig, wie lasch die Sicherheitskontrollen im Kanzleramt sind. Wo einst sein Vorbild Bruno Kreisky zum Pressefoyer gebeten hat, spielt Alfred Gusenbauer salopp den Hausherrn. „Nur ka jüdische Hast“, ruft er hinein ins Stimmengewirr. Der weltläufige Politiker, soeben zurückgekehrt von einer ausgedehnten Lateinamerika-Reise, fühlt sich ganz in seinem Element. Entspannt sinkt er in den Fauteuil, um breit lächelnd und eingerahmt von zwei Blumenvasen die Erfolge seiner Regierung aufzulisten: „Wir brauchen uns für die ersten 15 Monate nicht zu genieren.“ Keine 200 Meter entfernt, auf dem Minoritenplatz, demonstriert derweil die Hochschülerschaft gegen die Studiengebühren.

Die Auslandsjournalisten kümmert indes weniger die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der Großen Koalition in Wien oder ihre Gesundheitsreform – das kennen sie zur Genüge aus Deutschland; und auch nicht, dass die Autobahnen in diesem Frühsommer erstmals seit Menschengedenken baustellenfrei sind. Vielmehr wollen sie die Abgründe der österreichischen Seele erkunden. In der Topografie des Horrors wurde Amstetten inzwischen ja ein Fixplatz zugewiesen, und dass ein Axtmörder seine gesamte Familie abgeschlachtet hat, fügt sich ins Bild des Grauens. „Das muss Österreich sein“: Der Slogan der Österreich-Werbung bekommt so einen völlig neuen Sinnzusammenhang. Die Schreckenstaten haben das Land wenige Wochen vor der Inszenierung des Großereignisses „Euro 08“ auf dem falschen Fuß erwischt. Das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ fragt in einer Titelgeschichte den Schriftsteller Franz Schuh: „Ist Österreichs Seele krank?“

Hie und da hapert es bei den ausländischen Gästen allerdings noch ein wenig mit den hiesigen Namen. So schwadroniert der Kameramann eines deutschen Nachrichtensenders über einen gewissen Herrn Franzl, und Therese Larsson aus Schweden will der gut österreichische Familienname des Kanzlers partout nicht über die Lippen kommen. Wohl oder übel pariert der Kanzler die Fragen zweier skandinavischer Journalisten. Er selbst sei ganz in der Nähe von Amstetten aufgewachsen, in Ybbs, erzählt er bereitwillig. Den Vorwurf einer Kollektivschuld wie zur Nazizeit, der plötzlich im Raum schwebt, kann er nicht gelten lassen. Stattdessen spricht er von einer Sensibilisierung der Gesellschaft, von einer Lektion des Nachfragens und Nachschauens und davon, dass ein neues Opferschutzgesetz auf dem Tapet ist.

Viel lieber jedoch als über den Schrecken in Amstetten doziert der Kanzler über die Fußball-EM und das „mitteleuropäische Familientreffen“ in der Vorrundengruppe. „Wenn man es nicht schafft, sich für die EM zu qualifizieren, dann muss man intelligent genug sein, sie zu organisieren.“ Es ist wieder so ein Gusenbauer-Satz, der geeignet scheint, Irritationen hervorzurufen. Launig, mit einem Augenzwinkern, kehrt er den Patrioten hervor: „Unterschätzen Sie Österreich nicht. Wir haben eine bärenstarke Mannschaft.“ Die Vorfreude auf den 16.Juni, auf das Match gegen Deutschland, dringt Gusenbauer jedenfalls aus allen Poren. Vollmundig verheißt er den Besuchern im Bundeskanzleramt: „Cordoba is back.“

Schade nur, dass mit Ausnahme der beiden Deutschen Cordoba für die meisten Korrespondenten aus Italien und Bulgarien, den Niederlanden und Dänemark, der Ukraine und Russland ein spanisches Dorf ist – und nicht die Geburtsstätte eines Mythos in der argentinischen Pampa, der Hans Krankl in Österreich weltberühmt gemacht hat. Es ist die Janusköpfigkeit aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn, das Zwitterhafte des österreichischen Wesens, das sie frappiert.

Welch ein Zufall, dass ihnen anderntags am Frühstücksbuffet des Hotels in Klagenfurt ein Experte für die österreichische Seele über den Weg läuft: Adolf Holl, der Theologe, Soziologe, Psychologe lässt sie in die Kulturgeschichte blicken, in die verborgenen Winkel, ins Land der Dämonen, ins Land von Sigmund Freud und Heimito von Doderer, in das „Es“ und das „Über-Ich“. Holl legt das „Land der nicht enden wollende Psychoanalyse“ auf die Couch. „Woher kommt das Böse, das Dämonische?“, hebt er an zu einer rhetorischen Frage, um sie postwendend mit der Lust an der Provokation zu beantworten: „Aus Braunau am Inn.“ Und er zitiert einen ORF-Mitarbeiter, der die Gräuel von Amstetten mit dem Attribut „garagengepflegt“ assoziiert hat: „Das kann auch nur einem Österreicher einfallen.“ Der Theologe entführt ins austriakische Reich der „Hinterfotzigkeit, des Undurchsichtigen, des Unterdrückten, des Unbewussten“. „Wir haben eine Kompetenz im Umgang mit der Verschwiegenheit“, sagt er und lässt die Worte auf der Zunge zergehen, während die Journalisten an seinen Lippen hängen.

Adolf Holl hält es mit den Sprichwörtern. „Der Teufel schläft nicht“, lautet eines – und ein anderes heißt: „Neugierige Leut sterben bald.“ Oder wie es Ludwig Wittgenstein formuliert hat: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ein Hörfehler bringt es mit sich, dass es der Niederländer Rob Savelberg abwandelt: „Darüber muss man schreiben.“

Die österreichische Mentalität, eine Melange aus Servilität und Renitenz, erklärt Holl aus der Geschichte des Habsburgerreiches. „Das Wien des 18. und 19.Jahrhunderts war eine Stadt der Lakaien und Dienstboten, die nach oben buckelten und nach unten traten.“ Es sei eine Mentalität, die im Verborgenen blüht. „Die Dämonen schauen heraus – und werden zugedeckt, bis das Monströse herauskommt. Eine Weltsensation.“ Konsterniert über solcherlei Doppelbödigkeit fragt Michael Kuttner aus Kopenhagen: „Verzweifeln Sie nicht manchmal an Ihrem Land?“ Holl lächelt verschmitzt, ehe er mit einem Bonmot antwortet: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Als ob er den Faden aufgreifen würde, sagt der Turmwärter der Stadtpfarrkirche in Klagenfurt: „Jeder hat so seine Leichen im Keller.“ Schlag elf Uhr ertönt das Glockenspiel mit der Beethoven-Melodie der „Neunten“, dazu tanzen ein Sensenmann und ein Kirchenfürst Ringelreihen.

„Guten Tag, ich bin der Bürgermeister. Raten Sie, in welcher Partei ich bin?“ So führt sich Harald Scheucher in der „Villa Lido“ ein, einem Restaurant der gehobenen Klasse am Ufer des Wörther Sees. Per Fingerschnippen ordert der Stammgast ein Viertel Wein und einen Aschenbecher. Den Rest des Nachmittags gibt er dann die Staffage ab für seinen „beinahe persönlichen Freund“: Jörg Haider.

Rein äußerlich könnten sie tatsächlich vom gleichen Schlag sein. Im legeren, offenen Hemd, dem hellen Sportsakko und den Jeans vermitteln sie den Anschein zweier gealterter Kärntner Wörther-See-Playboys. Doch Haider präsentiert sich gewandelt, moderat und „altersmilde“, wie er ironisch anmerkt. Europas ehemaliger rechter Gottseibeiuns ist zum Provinzfürsten geschrumpft, und der Besuch der Auslandspresse ist ihm darum willkommener Anlass, endlich wieder einmal eine One-Man-Show abzuziehen, die den Großteil der Kollegen in den Bann schlägt. „Ist der geliftet?“, will Therese wissen.

Mehr als zwei Stunden nimmt sich der Landeshauptmann Zeit für das vorläufige Resümee seines „noch nicht abgeschlossenen“ Lebenswerks, wie er sagt; für einen Exkurs in die Kärntner Geschichte mit besonderer Würdigung des Abwehrkampfs, der sich zu einer Tour d'horizon ausweitet. „Es ist gelungen, Österreich nachhaltig zu verändern und das starre politische System aufzubrechen. Zuwanderung und Integration hat damals niemand als großes Thema erkannt. Wir waren so etwas wie Trendsetter und haben die Dinge beim Namen genannt.“ Der Ortstafelkonflikt – ein „Missverständnis“. Die Bilanz der schwarz-blauen Koalition: „Die Regierung profitiert heute von unserer Steuer- und Wirtschaftspolitik.“ Die Große Koalition in Wien: „Eine solche Regierung muss man sich als Opposition wünschen.“ Auf die Bühne der Bundespolitik werde er freilich nicht mehr zurückkehren: „Kärnten ist der zweite Teil meiner politischen Mission.“

Als er den deutschen Exkanzler Helmut Schmidt schließlich zu seinem politischen Vorbild erklärt, geht ein Raunen durch die Reihen – ein gezielter Effekt: „Ein ehrlicher, offener Politiker. Der Bursche hat eine große Zukunftsperspektive, obwohl er schon sehr betagt ist.“ Haider selbst sieht sich, gemäß seinem eigenen Motto, als Bruder im Geiste: „Wer an die Quelle gelangen will, muss gegen den Strom schwimmen.“

Draußen auf der Terrasse, vor der Kulisse des Wörther Sees, posiert Haider schließlich nur allzu gerne für Fotos mit den Journalisten. Eine ältere Bulgarin drückt ihm überschwänglich ein Busserl auf die Wange, und der holländische Kollege verabschiedet sich geradezu enthusiastisch: „Es war mir ein Vergnügen.“ „Pfiat di, Landeshauptmann“, sagt der Polizeipräsident. Und der Kellner weiß: „Er geht viel unter die Leut. Bei uns kommt er öfter auf einen Spritzer vorbei.“

Über seinen einstigen Zögling Heinz Christian Strache verlor Haider dagegen kein Wort. Nur die Tiroler Straßen sind dann mit den Parolen der FPÖ gepflastert, die er einst groß und fast salonfähig gemacht hat: „Tirol die Treue. Stimme für die Heimat.“ Andreas Hofer („Für Gott, Kaiser und Vaterland“) lässt grüßen. Der Landtagswahlkampf im einstmals „heiligen Land“ treibt bizarre Blüten. Rob Savelberg vom Amsterdamer „De Telegraaf“, der in Kärnten eigentlich in die Stammtische hineinhören wollte, bekommt doch noch seinen Schnappschuss: „Glockenklang statt Muezzingesang“, verkündet die Tiroler FPÖ. Und als gleich vis-à-vis ein Plakat des ÖVP-Rebellen Fritz Dinkhauser auftaucht, klickt er gleich noch einmal: „Wählt's Fritz. Weil's jetzt reicht.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2008)

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