Afro-Amerikaner bezeichnen die Nominierung von Barack Obama zum Präsidentschafts-Kandidaten als ein ähnlich wichtiges Ereignis wie den Kampf um die Bürgerrechte. Manchen aber ist er nicht schwarz genug.
Washington. Jeremy muss weit zurückdenken. „1963 vielleicht“, sagt er, „als Dr. King in Washington seine ,Ich-habe-einen-Traum‘-Rede gehalten hat.“ Damals habe er das letzte Mal „kein komisches Gefühl“ wegen seiner Hautfarbe gehabt. Denn das hat Jeremy seit 63 Jahren, seit er geboren wurde. Jeremy ist schwarz, und das empfindet er als Stigma.
„Manche schauen dich einfach anders an“, erzählt er. „Ich spüre, dass es wegen meiner Hautfarbe ist. Sie behandeln dich anders.“ Aber heute ist er stolz darauf, schwarz zu sein: „Das ist für uns eine historischer Zeit, eine wichtige Zeit, wie damals der Kampf um unsere Bürgerrechte.“
Jeremy, der auf einer Parkbank in Downtown Washington sitzt, spricht von Barack Obama; von der Nominierung des ersten Afro-Amerikaners für das Amt des US-Präsidenten in 232 Jahren amerikanischer Geschichte. „Man wird zurückschauen und sagen, das hat die Welt verändert.“
Rassentrennung in Schulen
Obamas innerparteilicher Vorwahlsieg ist keine Kleinigkeit in einem Land, in dem noch vor wenigen Jahrzehnten Schwarze im Bus hinten sitzen mussten; in dem es bis 1954 eine strikte Rassentrennung in Schulen gab; und in dem im Jahr 1964 27 von 100 Senatoren gegen jene Gesetze stimmten, die die Diskriminierung von Afro-Amerikanern verboten.
Für die schwarze Gemeinschaft in den USA ist Obamas Nominierung eine Revolution. Ein Meilenstein im jahrzehntelangen Kampf, als gleichwertig anerkannt zu werden. „Ich habe geweint, als er gewonnen hat“, erzählt Deborah, die bei einem „Starbucks“ Kaffee verkauft. „Das war einer der wichtigsten Momente meines Lebens.“
„Er ist smart, er sieht gut aus, er ist intelligent und höflich – er ist eine richtige Werbekampagne für uns“, meint Alison Chavis aus Minnesota gut gelaunt, die vor dem Weißen Haus für ein Foto posiert. „Er hat uns allen gezeigt, dass man es in diesem Land trotz der Hautfarbe weit bringen kann.“ „Er ist unsere Hoffnung“, stimmt ihre Freundin Elisa zu.
Selbst ganz oben macht sich Euphorie breit. „Dieses Land hat einen jahrhundertelangen Kampf überwunden“, erklärte Condoleezza Rice, die afro-amerikanische Außenministerin der USA. „Was wir heute erleben ist, dass ,Wir das Volk‘ uns alle meint.“
Welchen Einfluss seine Kandidatur hat, erzählte Obama in einem Interview mit NBC. „Eine Frau hat mir von ihrem Sohn erzählt, der in einer innerstädtischen Schule in San Francisco unterrichtet. Er hat gesagt, dass er ein neues Verhalten bei den jungen afro-amerikanischen Buben sieht – in Bezug auf ihre Ausbildung und ihre Mitarbeit. Das sind die Dinge, die man schätzt und die einem zeigen, dass es nicht nur um einen selbst geht.“
Bei der Bürgerrechtsorganisation „National Association for the Advancement of Colored People“ spricht man von einem „neuen Stolz“ und „enormer Motivation“ durch Obamas Nominierung. Seine Wahl zum US-Präsidenten hätte auf die Rassenbeziehungen in den Vereinigten Staaten „einen ähnlichen Einfluss wie die Bürgerrechtsgesetze der 60er-Jahre“, glaubt ein NAACP-Sprecher. Für den Urnengang im November erwartet er einen Rekordansturm von Afro-Amerikanern. „Zum ersten Mal können wir für einen von uns stimmen und müssen uns nicht mit einem Substitut begnügen.“
Ob Obama es tatsächlich bis ins Weiße Haus schafft? „Ich glaube nicht“, sagt Alison. „Die Nominierung ist eine Sache, einen schwarzen Präsidenten zu haben eine völlig andere.“ „Wenn es um die Entscheidung geht, wer hierher soll“, meint Elisa, und deutet auf das Weiße Haus, „dann wird am Ende die Hautfarbe den Ausschlag geben, wie im täglichen Leben.“
„Er ist kein Bruder“
Wohin diese täglichen Zurückweisungen und Ablehnungen führen können, sieht man etwas weiter südlich in Anacostia, dem Schwarzen-Ghetto der US-Bundeshauptstadt. Der Südosten ist der gefährlichste Stadtteil, diese Gegend ist der Grund für den Ruf Washingtons als „Mörderhauptstadt der USA“. Die hohe Arbeitslosigkeit, der Mangel an Perspektiven lässt Bandenbildung und Kriminalität blühen. Täglich gibt es hier Tote, Dutzende Unschuldige starben heuer schon bei „Drive-By-Shootings“ von rivalisierenden Banden.
In Anacostia beurteilt man Obama nüchterner. „Sie mögen ihn, weil er wie einer von ihnen ist“, sagt ein Jugendlicher bei einer Tankstelle, und mit „ihnen“ meint er die Weißen. „Er ist kein Bruder. Er hat nie erlebt, was wir hier mitmachen: Die Armut, die Gewalt. Er ist nie in einem Geschäft gestanden und wurde nicht bedient, weil er schwarz ist.“
Für Menschen wie ihn gilt die Botschaft der „Hoffnung“, die Obama in diesem Wahlkampf verbreitet. „Das“, meinte Obama über seine Nominierung, „ist der Beginn einer historischen Reise, an deren Ende ein neues und besseres Amerika stehen wird.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2008)