Ab jetzt herrschen in Österreichs EM-Stadien Blutgrätsche und Schwalbe.
Auf den Ehrentribünen wiederum wird die Champions League der Politik zu bestaunen sein, die mit wichtiger Miene so tut, als ob sie begreife, was unten vor sich geht. Aber können der Bundeskanzler und seine Vasallen aus einem simplen Spiel fürs richtige Leben am Ballhausplatz lernen? Nein, dazu ist Fußball nicht brutal genug.
Der Zustand der SPÖ wurde zuletzt auf der Bühne inszeniert: Bei den „Rosenkriegen“ im Burgtheater und bei den „Römischen Tragödien“ der Wiener Festwochen stolpern die Mächtigen reihenweise über ihre Schwächen – wie und wann sie fallen, ist eine Frage des Timings. Vergleicht man nun Shakespeares „Julius Cäsar“ oder „Richard III.“ mit den Vorgängen bei den Sozialdemokraten, dann kann Gusenbauer – noch - ruhig schlafen. Wir befinden uns erst am Beginn des ersten Aktes, in dem ein paar Figuren Lachnummern produzieren.
Nehmen wir das Vorspiel aus Salzburg. Landeschefin Burgstaller zieht sich beleidigt aus dem Präsidium zurück. Sie macht sozusagen auf Voves mit Niveau. Solche Typen schaffen es in Königsdramen nicht einmal in den dritten Akt. Das reicht nicht einmal für eine Zofe bei Lady Macbeth. Verzicht, und sei es auch nur auf ein Stellvertreterpöstchen, ist tödlich.
„Aber der Buchinger!“, wenden die Sozialromantiker ein. Der Buchinger kommt in „Heinrich VI.“ vor, als Jack Cade. Diesen Populisten mit bizarren Versprechungen verlässt das wankelmütige Volk ganz plötzlich, Cade wird mehr als nur der Bart gestutzt.
Wer also spielt den Brutus in der SPÖ? Mitbürger, Freunde, Wiener! Es gibt ihn noch nicht. Denn wahre Shakespeare-Kenner wie Häupl oder Blecha, die sich in dessen Stücken hervorragend für tüchtig verschlagene Herzöge eignen würden, wissen genau: Wer Cäsar niedermetzelt, ist selbst bald tot. Noch also murren die Verschwörer in Salzburg, Linz oder Wien über die Wahl der Waffen. Bis zu den Iden des März oder gar bis Philippi ist es noch weit. Gusenbauer kann beruhigt das Endspiel zwischen Italien und Deutschland besuchen. Und Minister Faymann darf noch lange hinterm Busch lauern und die schönsten Monologe des schlimmen Königs Richard üben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2008)