Bregenzerwälder-häuser schauen fahren und sich von Holz-Glas-Sichtbeton-Würfel ablenken lassen. Wer kommt denn da noch zum Wandern...
Ein 15 Meter langer Holztram findet bei heutigen Statikern Bewunderung, aber keine Gnade. Als sich die Wirtsleute der „Krone“ in Hittisau einen Umbau entschieden, musste zusätzlicher Beton ran, um das Gebälk zu entlasten – wer weiß, wie viele weitere 170 Jahre und Hotelgäste die langen Trümmer noch durchdrücken. Aber vermutlich lebt das Skelett eines mächtigen Bregenzerwäldergasthauses ohnehin ewig.
Die moderne Stube unter den geschindelten Geschoßen wirkt jedenfalls geradezu luftig, alles andere als gestaucht. Während man Käsesuppe löffelt, Bodensee-Felchen zerteilt oder eine bosnische Torte verdrückt, wandert das Auge über schlicht-edel verarbeitetes helles Holz. Bänke, Tische, Vertäfelung zitieren das Traditionelle, vollziehen es aber nicht. Man sitzt in einem Gesamtkunst-Handwerk von Bregenzerwälder Tischlern, Zimmerleuten, Polsterern, Elektrikern, Maurern, einem Architekten – und Bauherren, die sie gut bekocht und so bei Laune gehalten haben.
Gleich vor der Haustür
Der Umbau der „Krone“ ist typisch dafür, wie die Dinge ganz allgemein im Bregenzerwald laufen, vielleicht gilt das sogar für halb Vorarlberg. Man übergibt ein Bauprojekt nicht dem Billigstbieter oder Komplettausstatter von wurschtwoher, sondern in die Hände der Menschen in Reichweite. Dazu ist auch gar nicht viel Recherche nötig: Der werkraum bregenzerwald fasst zum Beispiel eine sehr große Gruppe an regionalen Handwerkern zusammen.
Heimkehr mit Reisigbesen
Ironischerweise befindet sich der Schauraum von werkraum in einem der unscheinbarsten Bauten in dem idyllischen Bregenzerwald-Dorf Schwarzenberg. Aber das macht nichts: Im Inneren werden Möbel und Wohnaccessoires präsentiert, die aus einer kleinen Region kommen, aber in die weite Welt passen. Weil sie so simpel, so funktional, aber raffiniert und von bemerkenswerter Qualität sind. Da kann es dann passieren, dass man mit einer Holztruhenbank mit integriertem Reisigbesen den Heimweg antritt, obwohl man bloß zur Schubertiade wollte.
Selbst wenn man es überhaupt nicht darauf anlegt und man etwa Tosca-Besucher oder Public-Viewer beim Bregenzer Festspielhaus ist, wird eine Reise hinter den Arlberg automatisch eine Architekturreise. Man fragt sich beim Vorbeifahren oder Dahinwandern unweigerlich, warum sich die alten, schmucken Holzhäuser mit den neuen, puristischen Holz-Glas-Sichtbeton-Kuben so gut vertragen. Warum es gelingt, die Dinge – ein Museum, ein Gasthaus, ein Geschäft – im Dorf zu lassen, obwohl in Rest-österreich eines nach dem anderen zusperrt. Oder warum der Mief der Provinz fehlt, obwohl der Urlaubsort gerade einmal ein paar hundert Einwohner zählt.
Die Geschichte vom Architekturwunderland Vorarlberg ist 30 Jahre alt und längst ein Selbstläufer. Aktuell ist sie noch immer, inzwischen ist die nächste Generation am Ruder, die sich dem Einfachen, Nachhaltigen, Funktionellen verschreibt. In viele Häuser würde man gerne hineinschneien, einfach klingeln und hinter jede Türe schauen, so es denn in diesen großzügigen Räumen viele Türen gibt.
Leicht geht's, wenn man etwa über das vai., das Vorarlberger Architektur Institut, eine Tour bei Architekturvermittlern bucht. Man kann sich auf www.v-a-i.at auch eine „on tour“ heraussuchen. Da finden sich verschiedene Routen plus Beschreibung der interessantesten Schauobjekte (meist von außen) – Gewerbearchitektur, öffentliche Bauten, Hotels, Veranstaltungsräume. Um mehr über die Bautradition zu erfahren, macht man eine „HolzKultur“-Wanderung zu außergewöhnlichen Holzbauten, Brücken, Sägewerken und Tischlereien.
Käseschrein aus Sichtbeton
In manche Objekte kommt der Besucher im Bregenzerwald ganz locker hinein. Ins Frauenmuseum von Hittisau zum Beispiel – viel Holz, noch mehr Glas, ein stimmiger, großer Raum im ersten Stock, wo, während eine neue Ausstellung vorbereitet wird, darunter die Blaskapelle probt. Oder ins Angelika Kauffmann-Museum, ein Haus aus dem 16. Jahrhundert, in dem sich erst drinnen zeigt, wie massiv und clever die Architekten (Dietrich/Untertrifaller) am Werk waren. Und man könnte auch beim Käsekeller von Lingenau (Architekt Oskar Leo Kaufmann) vorbeischauen: eine Betonschachtel, in der in langen Regalen Käselaibe von Robotern gedreht und gewendet werden, bis sie reif für die Bregenzerwälder Käsestraße sind.
Bauen und verwachsen
Schön fügen sich die neuen Bauten zwischen die alten, schwarzbraunen Wälderhäuser ein, die die Familien lieber leer stehen lassen, bevor sie sie an Spekulanten oder Zigwohnsitzlern verkaufen. Solche Häuser beleidigt man nicht mit Plastik-Swimmingpools und Pelargonien-Orgien. Man verwöhnt sie mit Bauerngärten.
Dass aber die Vorarlberger Neubaulust auch eine Kehrseite haben kann, sieht man dann vom Karren, dem Dornbirner Hausberg, aus: Die Orte im Rheintal sind längst ineinander verwachsen. Die Kerne bilden großartige Ensembles. Dornbirns Architektur zeugt von industriellem Reichtum, hier wurde zuletzt in einer alten Maschinenfabrik das „inatura“, ein spannendes Naturmuseum, integriert. Und wenn man weiter nach Bregenz kommt, nimmt einen Architektur von Weltruf gefangen: Das Kunsthaus des Schweizer Architekten Peter Zumthor funktioniert wie ein Kristall – mit einem raffinierten Tageslichtsystem wirft es die Wirkung der Kunst auf sie selbst zurück.
UNTERWEGS
■Vorarlberg Tourismus: T 05574/42 52 50,
www.vorarlberg.travel
■Bregenzerwald Tourismus: T 05512/23 65, www.bregenzerwald.at
■Bodensee: www.bodensee-vorarlberg.com
■Anreise: Flug mit Intersky Wien–Friedrichshafen, www.intersky.biz
■werkraum depot: www.werkraum.at
■Schubertiade: www.schubertiade.at
■Kunsthaus Bregenz: aktuelle Ausstellung: Richard Serra. www.kunsthaus-bregenz.at
■Bregenzer Festspielhaus: „Tosca“ und Public Viewing; www.festspielhausbregenz.at
■Käsestraße Bregenzerwald:
www.kaesestrasse.at
■Hoteltipp: Krone: www.krone-hittisau.at; Rickatschwende: www.rickatschwende.com
■Angelika Kauffmann Museum: www.angelika-kauffmann.com
■inatura: www.inatura.at
■V.A.I.: www.v-a-i.at [Foto: werkraum depot]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2008)