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Den Sparern gehen Geld und Ideen aus

Hungriges Sparschwein
Hungriges Sparschwein(c) Bilderbox
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Die Zinsen sind extrem niedrig, und die Reallöhne sinken. Dafür bleibt die Inflationsrate dank steigender Steuern und Gebühren die höchste der Eurozone. Den Bürgern schmilzt das Geld davon.

Wien. Alle Augen auf die Metaller: Traditionell gelten ihre Kollektivvertragsverhandlungen als richtungsweisend für andere Branchen – und heuer wollen die Arbeitgeber offenbar einen besonders harten Kampf. Der Fachverband der Maschinen- und Metallwarenindustrie hat nämlich vorgeschlagen, als Berechnungsgrundlage für die KV–Erhöhung die EU-Inflationsrate zur Hand zu nehmen.

Das klingt erstmal vernünftig, steht die österreichische Industrie doch in direkter Konkurrenz zu anderen europäischen Standorten. Aber der Vorschlag kommt just in einem Jahr, in dem die Kluft zwischen EU-weiter Inflationsrate (0,5 Prozent) und jener in Österreich (heuer 1,8Prozent) gewaltig aufgeht. Österreich hat die höchste Teuerung in der gesamten Eurozone – was vor allem dem Staat und den in Österreich rasch steigenden Steuern, Abgaben und Gebühren zu „verdanken“ ist. Wifo-Chef Karl Aiginger machte schon bei der Vorstellung der letzten Konjunkturprognose klar, dass von einer Deflation in Österreich gar keine Rede sein kann.

 

„Große Sorgen“

Das Schicksal der Metaller ist hier sicherlich beispielhaft für das Schicksal aller Österreicher seit der Finanzkrise. Denn die Reallöhne sinken seit 2009. Und sie sind die einzige Größe, die für Herrn und Frau Österreicher wirklich zählt, werden hier doch die tatsächlichen Lohnsteigerungen nach Abzug der Inflation, Steuern und Gebühren gemessen. Und siehe da: Es gibt keine Lohnsteigerungen mehr. Tatsächlich fallen die Reallöhne. Und mit ihnen schrumpft der finanzielle Spielraum der Österreicher.

Das zeigt sich auch beim Sparverhalten. „Steigende Arbeitslosigkeit, niedrige Sparzinsen und die momentane Inflationsrate bereiten den Österreichern große Sorgen“, sagt Peter Bosek, Privatkundenvorstand bei der Erste Bank, die am Mittwoch ihre jährliche Sparstudie vorgestellt hat. Das Ergebnis: Das Sparbuch ist weiterhin das beliebteste Geldspeichermedium der Österreicher. Aber drei Viertel fürchten inzwischen, dass Sparen sich wegen der niedrigen Zinsen nicht mehr auszahlt. Acht von zehn sehen hier auch für das kommende Jahr keine Verbesserung.

Bosek teilt die Zeit seit der Finanzkrise, die vom Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 ausgelöst worden ist, grob in drei Phasen: Zuerst kamen zwei Jahre des „Angstsparens“. Dann gingen die Österreicher stark in Immobilien. Und mittlerweile brauchen sie das Ersparte offenbar zur Erhaltung der Lebensqualität. Die Sparquote sinkt dementsprechend. Kurz: Unter der optisch unveränderten Oberfläche geht es den Österreichern an die Substanz.

Die Wirtschaftsforscher wissen das freilich. Deshalb können sie dem Vorschlag der Arbeitgeber, die vergleichsweise sehr niedrige EU-Inflationsrate als Basis für die KV-Erhöhungen heranzuziehen, wenig abgewinnen. „Ich sehe die Begründung nicht“, sagte IHS-Experte Helmut Hofer am Mittwoch. Und Wifo-Experte Thomas Leoni meinte: „Das ist volkswirtschaftlich problematisch.“

Der Vorschlag könnte sogar dazu führen, dass der Lohnabschluss unter der heimischen Inflationsrate liegt. Das wäre laut Leoni die Ausnahme und auch in anderen Ländern nicht üblich.

 

20Prozent geben Geld aus

Ein solcher Abschluss würde den Trend sinkender Reallöhne und seine Folgen wohl anheizen. Dabei sind die österreichischen Arbeiter und Angestellten durch die steigenden Steuern und Abgaben ohnehin schon demotiviert. Die durchschnittliche Abgabenquote liegt inzwischen bei mehr als 45 Prozent. Und im „Global Competitiveness Report“ des Weltwirtschaftsforums ist Österreich in dem betreffenden Ranking, das sozusagen die Demotivation der Arbeiter durch die Betrachtung des Lohnzettels misst, auf einen beschämenden 112. Platz (von 148) zurückgefallen. Nur bei der Lohnflexibilität steht die Republik noch schlechter da: Platz 147. Trotzdem schafft es Österreich in diesem Ranking der Wettbewerbsfähigkeit insgesamt auf den 16.Platz.

Die Lohnentwicklung allein erklärt freilich nicht die Trends beim Sparen. Nominell sparen die Österreicher durchaus mehr als zuletzt: im Durchschnitt 188 Euro pro Monat (nach 181 im Vorjahr). Aber den sehr konservativ eingestellten heimischen Sparern fehlt es schlicht an Möglichkeiten, weil die Zinsen so niedrig sind.

Das gesteht auch Peter Bosek: „Dass wir auf der Zinsseite keine Blockbuster anbieten, steht außer Zweifel.“ Das Ergebnis: „Man muss für eine bessere Rendite wesentlich mehr Risiko nehmen als früher.“ Laut der Erste-Studie setzen aber 45 Prozent trotz niedriger Zinsen beharrlich aufs Sparbuch. 35 Prozent suchen nach Möglichkeiten, ihr Geld ertragreicher anzulegen.

20 Prozent haben in gewissem Sinne resigniert: Sie geben das Geld lieber aus, bevor es noch stärker an Wert verliert. Aber das ist noch die Minderheit. 75 Prozent der Österreicher sagen, dass sie sich über mögliche Maßnahmen gegen den Wertverlust ihres Geldes noch keine Gedanken gemacht haben.

AUF EINEN BLICK

Drei Viertel der Österreicher fürchten, dass Sparen sich wegen der niedrigen Zinsen nicht mehr auszahlt. Aber nur 25Prozent wollen etwas dagegen unternehmen. 20 Prozent haben angesichts des Zinsniveaus, der Inflation und der sinkenden Reallöhne resigniert und geben ihr Geld verstärkt aus, bevor es weiter an Wert verliert. Das ist das Ergebnis der neuesten Sparstudie der Erste Bank.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2014)