1914–1918 in Wien: Ästhetik des Mangels an der „Heimatfront“

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WIEN MUSEUM KARLSPLATZ(c) Herbert Pfarrhofer / APA
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„Wien im Ersten Weltkrieg“ zeigt in Fotografie und Grafik den Alltag: von Suppenküchen, Reservespitälern und vor allem langen Schlangen.

Im Krieg wird nicht nur versucht, die Landkarten an der Front neu zu zeichnen, auch Stadtpläne enthalten rasch andere Informationen: Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab es in Wien 38 Spitäler. Im Jahr darauf waren es an die 300, mit notdürftigen Lazaretten, an den Universitäten, im Parlament, der Secession. Ein Netz legte sich über die Metropole, es schnürte sie zu. Sechs Wochen nach Kriegsbeginn hatte die Habsburger-Monarchie 400.000 Tote, Kriegsgefangene und Verletzte zu verbuchen. Eine Flüchtlingswelle in die Hauptstadt setzte ein, vor allem aus dem umkämpften Galizien. Wien erreichte mit 2,3 Millionen den bis heute gültigen Höchststand an Bevölkerung. Viele Karten wurden nun ständig ergänzt: Gemüsefelder in Parkanlagen, zentrale Kriegsküchen, diverse Sammelstellen, Lager. Gefangene setzte man zur Zwangsarbeit in Betrieben ein – neue Mauern und Zäune. Alles musste sich ändern, solange der Krieg blieb.

Mit solchen Fakten, die das rasch einsetzende Elend auch an der „Heimatfront“ verdeutlichen, mit nüchternen Polizeiberichten und klugen Details entkräften die Kuratoren Gerhard Milchram und Susanne Breuss in dieser konzentrierten Ausstellung zum Gedenkjahr 1914 jene Flut an Bildern, die von der Propaganda eingesetzt wurde, um den Krieg als Pflicht und Notwendigkeit darzustellen. Der Mangel wurde zur Herausforderung geschönt. Die Ästhetisierung des Alltags im Ausnahmezustand kann faszinieren.

Kinder mit extremem Untergewicht

Dem wirkt am Anfang der Schau ein großes Foto entgegen, das ausgemergelte Menschen in einer Schlange zeigt, die sich für Nahrung anstellen. Dazu erscheint nun ein Bild des Jubels wie manipuliert. Echt aber sind die Lebensmittelkarten: Brutal wurden Brot und Fett rationiert. Die Kriegskinder hatten bald bedenkliches Untergewicht. Wie spricht man in solcher Not zum Beispiel die Frauen an? Sie hatten eine vielfache Belastung – als Ersatz für eingerückte Arbeiter in den Betrieben, als improvisierende Managerinnen im Haushalt, die überdies zu Sammeltätigkeit, Sanitätsdienst und patriotischen Spendenaktionen ermuntert wurden. Hausfrauen lernten aus Zeitschriften wie der „Praktischen Wienerin“, umsichtig mit Ersatzstoffen umzugehen. Aus Stoffresten nähten sie flotte, bequeme Kleidung, kochten Obst ein und Gemüse, das auf neu bestellten städtischen Äckern geerntet wurde. Auch der Nachwuchs musste kräftig mithelfen und sich vorbereiten. Die Postkarte „Unsere Kinder in großer Zeit“ zeigt sie 1915 bei Schießübungen. Und mit 17 ging es für viele Buben nach der „Kriegsmatura“ tatsächlich ins Feld.

Psychologisch wichtig war daheim, dass es irgendwie weiterging. Man erkannte, wie hilfreich im Elend Unterhaltung sein konnte – am besten Benefizkonzerte! Heere von Invaliden wurden wieder in die Arbeit integriert, die Entwicklung von Prothesen machte sprunghaft Fortschritte. Niemand durfte nutzlos sein, der Verdacht der Illoyalität war gefährlich. All die Ablenkung aber verblasst, wenn man dann das Tagebuch eines Vaters sieht, der lange Jahre nach seinem in Italien gefallenen Sohn suchte. Mitten im Krieg.

Bis 18.Jänner im Wien-Museum, Karlsplatz8, 1040 Wien. Öffnungszeiten: Di–So und Feiertag 10–18Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2014)

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