Für Wagnerianer war die Staatsopern-Premiere von Strauss' Einakter „Capriccio“ aufschlussreich.
Sie dürfen davon ausgehen, dass Wien demnächst den „fliegenden Holländer“ wieder mit ein bis zwei Pausen aufführt, vor allem aber, dass man bei der kommenden „Rheingold“-Premiere damit rechnen darf, während Wotans und Loges Abstieg nach Nibelheim Zeit für Sekt und Kaviar-Brötchen zu haben. Beide Werke sind länger als „Capriccio“, das zur höheren Ehre des Buffets (?), eine Unterbrechung erdulden muss.
Anders als bei Regisseur Rudolf Hartmann, der diese Pause in Strauss' Alterswerk erfunden hat, spielt man nicht einmal mehr die entschuldigenden Orchester-Takte, die Dirigent Joseph Keilberth damals aus einer anderen Szene eingerückt hat, um zumindest eine notdürftige Kadenz zu simulieren. In Wien fällt einfach der Vorhang. Und wenn nicht jedesmal – wie bei der Premiere – aus der Direktionsloge Applaus kommt, wird das Publikum ratlos dasitzen.
Zeitzeugen erinnern sich, die Autoren Strauss und Krauss hätten die Pause angeblich gewünscht. Nur: So, wie an der Staatsoper ausgeführt – aber auch so, wie von Keilberth arrangiert, ist diese Unterbrechung ein dramaturgischer Pfusch von beispielloser Insensibilität. Als wollte man den dritten Meistersinger-Akt (kaum kürzer als das ganze „Capriccio“!), vor der Festwiese teilen.
Mit demselben Recht könnte man auch Striche wieder einführen, die dankenswerter Weise in dieser Neueinstudierung aufgehoben wurden. Ein Beispiel nur: Das Duett zwischen Graf und Gräfin, mit dem die zweite Szene des „Capriccio“ launig schließt, war früher entstellend gekürzt: Renée Fleming und Bo Skovhus singen es in seiner Gesamtheit und – es wirkt kürzer, schwungvoller denn je. Wer den „Capriccio“-Text genau liest, findet dazu die rechten Pointen: Man sollte dem Formgefühl eines Theaterpraktikers wie Strauss trauen. Er hat auch Pausen vorgesehen, wo er sie für richtig hielt. Im „Capriccio“ nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2008)