"Capriccio": Viel Ehr' und ein Fauxpas

(c) AP (Stephan Trierenberg)
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Staatsoper. Kaum je war eine Premiere so durch und durch gut besetzt und mit so viel Geschmack aus dem Geist des Werks heraus inszeniert.

Eine mutwillige Aktion stört den Eindruck einer der besten Produktionen der Staatsopern-Ära Holender. Kaum je war eine Premiere so durch und durch gut besetzt und mit so viel Geschmack aus dem Geist des Werks heraus inszeniert. Dirigent Philippe Jordan, dessen energetisches Potenzial sogar ausreicht, um besonders redselige Passagen dieses „Konversationsstücks“ mit Spannung aufzuladen, hatte gerade die emotionalen Wogen der Konfrontation der umschwärmten Gräfin Madeleine mit ihren Verehrern, Dichter Olivier und Komponist Flamand, mittels sensibel nachvibrierendem Orchester-Kommentar wieder geglättet: Da ging das Licht aus, der Vorhang fiel. Ein Stromausfall?

Die Musik würde schnurstracks in jene kunstvoll gedrechselten Ensembles münden, in denen Strauss und sein Co-Autor Clemens Krauss die Frage: „Wort oder Ton, wer dominiert in der Oper?“ diskutieren lassen. Die artifizielle Salon-Welt, in der sich der alte Richard Strauss angesichts der Gräuel des Zweiten Weltkriegs hinter deutscher Fugenkunst, italienischen Koloraturübungen und französischen Barocktänzen verbarrikadiert, bietet Singschauspielern exquisiten Raum zur Selbst- und Menschendarstellung.

Ob komisches Sänger-Pärchen (Jane Archibald/Cosmin Ifrim), eitel-großsprecherischer Graf (Bo Skovhus) auf Jagd nach einer wahrhaft dominanten Bühnenpersönlichkeit wie der „Schauspielerin Clairon“ (Angelika Kirchschlager) oder altmodisch-pathetischer, auch vokal ein wenig vom langen Bühnendienst angestaubter, doch rundum in seinem Fanatismus liebenswerter Impresario La Roche (Franz Hawlata) – sie alle stellen „Menschen aus Fleisch und Blut“ auf die Bühne, wie der Theaterdirektor es fordert. Regisseur Marco Arturo Marelli ist zu danken, dass er darauf verzichtet, die verzweifelte Disharmonie zwischen Werk und Entstehungszeit zu billigem Effekt zu missbrauchen. Er stellt keinen der Herren als Sturmbannführer dar, und sogar die grazile Tänzerin (Josefine Tyler) darf an der Seite des bösen Wolfs (Vladmir Snizek) eine Märchenfigur darstellen und kein BDM-Fräulein. Endlich räumt man uns durchs Vexierspiel einer dezent möblierten Opernbühne (Dagmar Niefind) wieder den Blick auf ein Stück ein, wie von den Autoren erdacht, und gestattet dem Publikum, selbst seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Wie scheinbar Absurdes uns berührt

Die sind so banal nicht, wie der erste Blick aufs Sujet befürchten ließe. An den historischen Wettstreit von Mozart und Salieri anknüpfend, lässt Strauss in seinem theatralischen Schwanengesang über Kunst diskutieren – und meint ja doch, wie stets, die menschlich-allzumenschlichen Gefühle, die sich in Gesten, Blicken, vielleicht auch tristanesken Verschweigungen manifestierten; oder eben nicht. Mit seiner Musik hat er sie alle, auch die unaussprechlichen, eingefangen. Es braucht Sänger wie Adrian Eröd und Michael Schade, die als Olivier und Flamand imstande sind, die vom glänzend disponierten Orchester zugespielten Pointen aufzunehmen, weiterzuführen. Es braucht eine Darstellerin wie die Kirchschlager, die vorbildlich artikulierend demonstriert, was Strauss unter musikalischer Konversation verstand – in bemerkenswertem Gegensatz zu jener Kunst, der Renée Fleming als Gräfin huldigt: Von ihr versteht man kaum ein Wort. Doch vernimmt man berauschend schöne, samtweiche Soprantöne, die den Graben vergessen machen, der zwischen dieser Art belcantesker Sucht nach Wohlklang und dem Strauss'schen Streben nach dramaturgischer Wahrhaftigkeit klafft. Wie bei der orchestralen „Mondscheinmusik“, die der Komponist seinem viel älteren Liederzyklus „Krämerspiegel“ entlehnt hat, lauscht man traumverloren: Die letzte halbe Stunde der Aufführung gehört – nach einem achtbaren, von Haushofmeister Clemens Unterreiner angeführten Auftritt eines neunmalklugen Diener-Oktetts und dem von Peter Jelosits dezent absolvierten Vorüberhuschen des verschlafenen Souffleurs – jenem verzaubernden „Strom der Töne“, von dem die Gräfin schon bei ihrem ersten Auftritt zu singen weiß: die vorweg genommene Antwort auf die „Capriccio“-Frage?

DIRIGENT PHILIPPE JORDAN

Der gebürtige Schweizer (33) war von 2001-2004 Chefdirigent der Grazer Philharmoniker und der Oper, wo er u. a. viel beachtete Aufführungen von „Eugen Onegin“, „Parsifal“ leitete.„Capriccio“-Vorstellungen: am 10., 14., 17., 21. Juni. ? 513-1-513

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2008)

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