Die Schweizerin Christina Zurbrügg lebt seit 24 Jahren in Wien. Das EM-Eröffnungsspiel hat sie am Swiss Beach verfolgt. Ihr erstes und letztes Spiel.
Die Welt hat wirklich andere Probleme als die Frage, wer welches Fußballspiel gewinnt.“ Christina Zurbrügg sagt das laut und bestimmt. Und sie muss es laut sagen. Denn die erste Halbzeit im EM-Eröffnungsspiel Schweiz gegen Tschechien ist fast vorbei; der Lärmpegel im überdachten VIP-Bereich des Swiss Beach, dem Schweizer EM-Quartier am Donaukanal, ist hoch. Obwohl das Gewitter, das beim Anpfiff ausbrach, längst abgezogen ist.
Aus dem Inneren der kleinen, mit rotweißroten Alpin-Tapeten ausgekleideten Holzhütte, die am Rande der Strandbar Herrmann aufgestellt wurde, hört man den trockenen Kommentar des Schweizer Sportmoderators. Vom Sandplatz der Strandbar schallt die Austro-Version des ORF herüber. „Ich habe erst spät bemerkt, dass hier das Schweizer Fernsehen läuft“, sagt Zurbrügg. Was daran liegen kann, dass die Schweizer Künstlerin selten Fußball schaut – weder im Schweizer noch im österreichischen Fernsehen. „Ich find' das sehr langweilig, wenn alle einem Ball nachrennen“, sagt sie und tritt auf den Leinwand-freien Balkon der Schweizer Euro-Hütte. Der Einladung des Schweizer Botschafters zum Public Viewing ist sie trotzdem gerne gefolgt. „Weil sich hier die Schweizer Community trifft, das ist ein Social Event.“ Ein Event, bei dem sie auch Freunde (wieder-)trifft, wie den für den Bachmann-Preis nominierten Autor und Kolumnisten Pedro Lenz. Mit ihm stand sie schon am Vortag bei der „Literatur in der Kellergasse“ in Schiltern bei Langenlois gemeinsam auf der Bühne. Auch dieser Abend stand im Zeichen der beiden EM-Gastgeberländer Schweiz und Österreich.
Dem Fußball und der Euro entkommt Zurbrügg, die es vor 24 Jahren wegen des Schauspielstudiums („Es hätte jede andere Stadt auch sein können“) aus einem 180-Seelen-Kaff im Berner Oberland durch Zufall nach Wien verschlagen hat, nicht. Und das Desinteresse an der Großveranstaltung nimmt man ihr im ersten Moment nicht ab. Schließlich heißt der neueste Film der Musikerin, Jodlerin und Filmemacherin „Halbzeit“. „Das ist aber auch schon die einzige Anspielung auf Fußball“, sagt Zurbrügg, während im Hintergrund die Tschechen das erste (und, wie später klar wird, entscheidende) Tor schießen.
„Halbzeit“ bezieht sich aber auch auf Zurbrüggs Alter, meint sie – auch wenn sie das nicht verraten will. Für die Dokumentation, die sie mit ihrem Mann, dem österreichischen Film-Cutter (u. a. von „Caché“) Michael Hudecek, gedreht hat, spürte sie Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Euro-Gastgeber nach.
Auf die Idee kam ein befreundeter ORF-Redakteur, der die beiden nach ihrem Film „Bleiben oder Gehen“ (2006) über Zurbrüggs Heimatdorf Kiental fragte, ob sie nicht eine ähnliche Dokumentation über schweizerisch-österreichische Eigenheiten machen wollen. Und sie wollten. Aber Zurbrügg gibt zu: „Den Film würde es ohne die Euro nicht geben.“ Beim strengen Schweizer Fernsehen kam die Produktion weniger gut an. „Sie haben eine Liste mit Dingen geschickt, was ihnen alles nicht passt.“ Mit ein Grund, warum sich Zurbrügg eine Rückkehr in die Schweiz nicht mehr vorstellen kann. Auch, weil ihr dort das Großstädtische abgehen würde.
Nur wenn sie hört, was ihre Freundinnen in der Schweiz so verdienen, denkt sie sich manchmal ihren Teil. Ob sie etwas vermisst? „Heute nicht mehr. Aber als ich nach Wien gekommen bin, war ich von der Käsevitrine im Supermarkt entsetzt.“
Das Spiel ist aus. 1:0 für Tschechien. Zurbrügg hat das gar nicht mitbekommen. Als sie von der Niederlage hört, zuckt sie mit den Schultern, hebt das Weißweinglas und sagt: „Ein Hoch auf die Tschechen.“ Niederlage? Nicht für Zurbrügg.
ZUR Person
■Christina Zurbrügg ist Schweizerin, zog 1984 nach Wien zum Schauspielstudium, eine Gesangsausbildung folgte. Sie ist in erster Linie Musikerin, danach Filmemacherin. Ihr neuester Film „Halbzeit“ beschäftigt sich mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Schweizer und Österreicher.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2008)