40 Jahre danach: Oswald Wiener zog sich das Sakko aus

Debatte über Revolution und Geschmack, Vortrag über Automaten: Zwei Abende in Erinnerung an die sogenannte „Uni-Ferkelei“.

„Erlauben Sie, dass ich das Sakko ausziehe! Ich glaube, ich habe der Form Genüge getan.“ Sprach Oswald Wiener fünf Minuten nach Beginn seiner Vorlesung zum Thema „Der Automaten-Begriff als Werkzeug der Erkenntnispsychologie“. Und tat's: Er legte den (dezent gelben) Rock ab.

Das war das noch am ehesten aktionistische Vorkommnis am 7.Juni 2008 im Hörsaal eins des Neuen Universitätsgebäudes. Ebendort am 7.Juni 1968 hatte die unter „Uni-Ferkelei“ bekannt gewordene Aktion „Kunst und Revolution“ stattgefunden.

Auch damals hatte Wiener gesprochen, zu einem ganz ähnlichen Thema, sein Vortrag hatte allerdings, wie er schelmisch sagte, „wenig Beachtung gefunden“. Was wohl daran liegt, dass zeitgleich u.a. Otto Mühl die Peitsche schwang und Günter Brus das live tat, was der anständige Citoyen dort tut, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht.

Kunst oder öffentliche Therapie?

Vor allem um diese Ausdrucksformen wurde schon am 6.Juni 2008 im nämlichen Hörsaal debattiert. Wobei der linke Historiker Fritz Keller schlicht festhielt, ihm scheine das keine Kunst gewesen zu sein – sondern „öffentliche Therapiestunden, im übrigen nur für Männer, was ja eine gewisse Beschränktheit bezeugt“. Peter Weibel, der damals zur Aktion vor allem eine Brandrede beigetragen hatte, protestierte heftig – „niedrigste Schublade!“ – und berief sich auf Marcuse: Natürlich gebe es einen Zusammenhang zwischen der Befreiung der Form und der Befreiung der Gesellschaft, man habe mit „Kunst und Revolution“ „dem Anstößigen den letzten Stoß geben wollen“.

Schrage: Lieber bei den Punks!

Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst, nannte die umstrittene Aktion „eine der ganz wichtigen kunsthistorischen Ereignisse in diesem Lande“ und die „politische Manifestation eines Gestaltungswillens“. Sie sei nur „in der stickigen Atmosphäre einer ÖVP-Alleinregierung“ möglich gewesen, mutmaßte Dieter Schrage, der in der heutigem Kunst den revolutionären Geist vermisst. „Heute finde ich die Gegenöffentlichkeit in der Pankerhytten (Haus in der Johnstraße, das Punks von der Gemeinde Wien zur Verfügung gestellt wurde, Anm.) und nicht in den Museen“, sagte der ehemalige Museumsmann, der schon ziemlich abgeklärt klingt: „Wichtig ist heute, die Revolution an sich selbst zu machen.“

Abseits des Marktes sozusagen. Auf diesem und für diesen lebt die Kunst heute, konstatierte Weibel: In Zeiten, in denen Hedgefonds und Oligarchen die Auftraggeber sind, seien eben viele Künstler „servile Knechte des schlechten Geschmacks“. Seine Hoffnung gilt der Naturwissenschaft, die noch nicht so kommerzialisiert sei wie die Kunst.

Aber gibt es nicht Unmengen an Kunst, die sich zumindest „globalisierungskritisch“ oder sonst politisch gibt? Ja schon, gestand auch Theaterwissenschaftlerin Gini Müller (die am Schauspielhaus schon 1998 die „Hörsaal-Ferkelei“ nicht ganz unironisch nachgespielt hat) ein: „An künstlerischen Interventionen gibt es genug, aber zu wenig Aktivismus.“ Und der Revolutionsbegriff habe sich eben über die Jahre verändert...

Automaten im Kopf?

So wäre es fast noch sentimental geworden im Hörsaal eins. Tags darauf, am wirklichen Jahrestag also, wollte man sich, wie Albert Müller vom Institut für Zeitgeschichte versicherte, „in einer nicht sentimentalen Weise erinnern“. Also Automaten-Denken pur – und das, was Wiener „Erkenntnispsychologie“ nennt, weil das Wort „Erkenntnistheorie“ „mit der Metaphysik der letzten 2500 Jahre belastet“ sei. Auf seiner eigenen Theorie lastet dafür z.B. das bleischwere Wort „Maschine“: „Ich verstehe einen Vorgang in der Natur dann klar, wenn ich ihn als Maschine beschreiben kann“, sagt Wiener und: „Die Formeln der Naturwissenschaft sind Beschreibungen von Maschinen.“

Damit steht er in der Tradition der Mechanisten, die den Geist gern nicht nur als Produkt einer Maschine, sondern selbst als Maschine erklären wollen. Das will Wiener bei aller Liebe zur Präzision (auch in der eigenen Begriffsbildung) aber doch nicht: Bei ihm baut der Verstand zwar Maschinen, aber: „Wie diese Maschinen im Kopf implementiert sind, kann ich nicht sagen.“

Einen „Automaten“ definiert Wiener als „physisches Gebilde, das verschiedene Zustände einnehmen kann“. Diese Definition passt freilich auf so ziemlich alle Objekte der Außenwelt, die wir erkennen, vom Elementarteilchen aufwärts. So bleibt die Frage, ob auch unsere Innenwelt einem Automaten gleiche, sehr wohl eine klassisch erkenntnistheoretische Frage.

Das andächtige Publikum stellte an diesem Abend keine Fragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2008)

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